Jesus, was für ein Mann

2. Mai 2012, 17:12
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In einem Land, dessen verlegerischer Nachkriegspopanz Hans Dichand hieß, blickt man nicht ohne Neid aufs Nachbarland

In einem Land, dessen verlegerischer Nachkriegspopanz Hans Dichand hieß, blickt man nicht ohne Neid aufs Nachbarland. Deutschland, du hattest es besser, ist man versucht zu sagen: Dein Großverleger war Axel Springer (1912-1985)! Gereicht Bild der deutschen Öffentlichkeit aber auch wirklich zur Ehre?

Auf dem Kultursender Arte schnitt man die schwer fassliche Gestalt des Tycoons aus Gründen der biografischen Nachbearbeitung in drei etwa gleich lange Streifen. Als "Verleger, Feindbild, Privatmann" rekapitulierten Sebastian Dehnhardt, Jobst Knigge und Manfred Oldenburg das Leben eines Rätselhaften, der mit seinem Massenblatt Politik machte, dafür aber rückhaltlos geliebt werden wollte. Um es kurz zu machen: Ganz lieb hatten ihn bestimmt seine fünf Ehefrauen, zu schweigen von den ungezählten Damenbekanntschaften. Wahrscheinlich gern gehabt hat ihn sein Manager Peter Tamm; ansonsten wurde die Luft um den unternehmungslustigen Hanseaten schon eher lusthemmend dünn.

Der alte Slogan "Enteignet Springer!" soll hier nicht rekapituliert werden. Politisch wurde der Patriarch von seinen Fernsehbiografen überwiegend mit Glacéhandschuhen angefasst. Macht nichts. Aber Springer hatte schon staunenswerte Marotten und Grillen. 1958 reiste er ungeduldig nach Moskau, um Chruschtschow das Okay zur deutschen Wiedervereinigung abzuringen. Springer hatte eigens einen Fünf-Punkte-Plan angefertigt: schöne, kindliche Federschriftzüge auf losen Käsezetteln. Chruschtschow ließ sich nicht breitschlagen. Springer hatte fortan in die "Fratze des Bösen" geblickt. Aber kurz vorher war ihm ja auch schon Jesus erschienen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 2.5.2012)

  • "Drei Leben: Axel Springer" auf Arte.
    foto: arte

    "Drei Leben: Axel Springer" auf Arte.

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