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vergrößern 800x533John Bocks Kremser Installation "Tiefe, Krumme Verwirrungen im Zinszitzen, weiss".
Krems - Hat jemand behauptet, dass Fluchtwege bequem sind? Eben. John Bocks Zugänge sind Auswege: blutrot und kantig. "Betreten auf eigene Gefahr" liest man noch, ehe man sich todesmutig in den Pressspan-Schlund wirft und halblaut murmelnd ergänzt: "Eltern haften für ihre Kinder." Willkommen in Gagaland!
Willkommen im Bock'schen Seins-Taumel, in einem zerpflückten Labyrinth aus Holzboxen, das der Aktionskünstler - gerne neben Jonathan Meese und Christoph Schlingensief als "Enfant terrible" der deutschen Kunst genannt - in die Kunsthalle Krems gesetzt hat. Womöglich eine Antwort auf das Motto des Donaufestivals, "Vertreibung ins Paradies"?
Eher ein Foltergarten Eden, der Jüngern die Sinne verwirrt, die vom Gral der Erkenntnis nippen wollen: Angesichts der Komplexität von Bocks Bastelbogen gehen sie in die Knie. Obwohl gerade das keine schlechte Idee ist: Derart gebeugt, taucht man leichter unter die sargähnlichen Kisten, steckt den eingezogenen Kopf von unten in deren Löcher, wird zum Körper des Wahns, der auf Barhockern um Balance ringt.
Die mit Extremitäten diverser Plüschmonster gesäumte Installation heißt "Tiefe, Krumme Verwirrungen im Zinszitzen, weiss". Ein Titel, der jede Sinnstiftung verweigert. Der Koloss soll nicht verstanden werden, sondern hilft höchstens, "mit der Bauchhöhle zu denken". "Bauchhöhle bauchen" heißt auch einer der elf darin präsentierten Filme von John Bock.
Zwischen den Gedärmen steckend, spritzen einem die Filmbilder ihre Lebenssäfte entgegen: Blut fließt in seinem Stummfilm-Schocker "Schatten der Made" ebenso wie in brutalen Metzel-Experimenten mit Rasierklingen und Nikotinpflastern. Im nächsten Loch, in dem man auftaucht, bewerfen sich zwei menschliche Karteileichen mit Heu, ein anderer nimmt in einem Vulkankrater tiefe Züge von den aufsteigenden Schwefeldämpfen. Eine Bauchhöhle weiter tingeln zwei Killer durch die Wüste Kaliforniens: "Palm".
Bocks Materialschlachten sorgten bereits auf der Documenta und der Biennale Venedig für verwirrtes Staunen. Darin soll nichts unmittelbar verstanden werden. Denn "Kunst ist ein Angebot", erklärte der 47-Jährige einmal. Sie sage nicht "du musst". Eben das sei das Gute an Kunst.
Diese Freiheiten nützt Bock, der in seinen Vortragsperformances (etwa " Strategien zur Unglücksvermeidung" 2008 beim Steirischen Herbst) gerne den verrückten Professor mimt, auch für sich selbst: Er spickt seine chaotischen Sperrholzkabinette in Splatter-Ästhetik mit Daseinsthemen, Tod und Leben. Um die darin versteckte Existenzphilosophie auszubuddeln, würde ein Regisseur allerdings den Kürzstift ansetzen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 3.5.2012)
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