Wahhabiten mögen keine Muslimbrüder

Analyse |
  • Demonstration von Ägyptern vor der saudi-arabischen Botschaft.
    foto: apa/epa/elfiqui

    Demonstration von Ägyptern vor der saudi-arabischen Botschaft.

Die Beziehung zwischen Saudi-Arabien und Ägypten ist auf dem Prüfstand

Einer der Kollateralschäden des Umsturzes in Ägypten ist das ägyptisch-saudi-arabische Verhältnis. Über ein Jahr lang ist es beiden Ländern gelungen, diese Tatsache halbwegs zu managen - obwohl die Saudis verärgert waren, dass der persönliche Wunsch von König Abdullah Bin Abdulaziz, den gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak nach Saudi-Arabien ausreisen zu lassen, nicht erfüllt wurde. Der herrschende Militärrat hätte den Saudis diesen Gefallen wohl gerne getan - es hätte die Militärs des Problems enthoben, wie sie mit einem etwaigen Todesurteil gegen Mubarak umgehen sollen -, aber die öffentliche Empörung wäre einfach zu groß gewesen. 

Die ägyptische Führung hat aber kein Interesse daran, die Saudis nachhaltig zu verärgern: Angesichts der schlechten Wirtschaftslage - die Revolution hat ja zu einem Einbruch des Tourismus geführt - braucht der ägyptische Staat dringend Hilfe von den reichen Golfstaaten. Saudi-Arabien hat erst vor kurzem wieder eine schnelle Direkthilfe von 2,7 Milliarden Dollar zugesagt - womit es übrigens weit unter dem liegt, was das kleine Emirat Katar verspricht.

Beziehung zu Teheran

Kairo steht dabei unter genauer Beobachtung der Golfaraber - vor allem dahingehend, wie es sich gegenüber dem Iran positioniert. Eine der "Korrekturen" der ägyptischen Außenpolitik nach dem Umsturz sollte ja nach Aussagen des ersten Außenministers der Post-Mubarak-Ära, Nabil Elaraby - der heute Generalsekretär der Arabischen Liga ist -, darin bestehen, die schlechten Beziehungen zu Teheran zu verbessern. Den arabischen Golfstaaten, die sich mit dem Iran in einer Art Kaltem Krieg befinden, kann das nicht recht sein - wie überhaupt die Tatsache, dass Kairo nach dem Umsturz nicht mehr automatisch die Linie Saudi-Arabiens in allen politischen Fragen mitträgt, etwa auch in Bezug auf die Palästinenser.

Bei dieser Gemengelage kommt die jüngste diplomatische Krise zwischen Kairo und Riad völlig zur Unzeit: Der ägyptische Anwalt Ahmed Al-Gizawy, der in Kairo bereits mit schwerer Kritik an König Abdullah von Saudi-Arabien aufgefallen war, fährt zur Hajj nach Mekka - und wird verhaftet. In Ägypten wird sofort der Zusammenhang zwischen seiner Abdullah-Kritik und seiner Verhaftung hergestellt, obwohl die saudi-arabischen Behörden beteuern, Gizawy beim Drogenschmuggel erwischt zu haben. Vor der saudi-arabischen Botschaft in Kairo wird demonstriert und randaliert - daraufhin zieht Riad seinen Botschafter aus Kairo ab.

Die Iraner waren's ...

Seither wird hinter den Kulissen versucht, die Beziehungen zu reparieren und Riad dazu zu bewegen, den Botschafter wieder zurückzuschicken. Offenbar in diesem Licht ist auch das Auftauchen eines "Berichts" zu sehen, in dem es heißt, eigentlich seien es ja Iraner gewesen, die auf die saudi-arabische Botschaft in Kairo losgegangen seien. Sie hätten den Plan gehabt, den Botschafter zu ermorden. Zur Erinnerung: Dem Iran wurde auch vorgeworfen, einen Plan zur Ermordung des saudi-arabischen Botschafters in Washington geschmiedet zu haben. Nur will das niemand so recht glauben ...

Gemeinhin wird immer angenommen, Saudi-Arabien müsste mit den Entwicklungen in Ägypten sehr zufrieden sein: Immerhin kommen dort jetzt ebenfalls Islamisten an die Macht. Das aber ist ein fundamentales Missverständnis. Die Muslimbruderschaft war in den säkularen arabischen Diktaturen, die zuletzt gefallen sind oder in Bedrängnis sind wie in Syrien, kaum unbeliebter als im saudischen Königshaus.

Die Muslimbrüder sind schuld

Vom saudischen Kronprinzen Nayef Bin Abdulaziz gibt es eine Aussage dazu: "Ich sage ohne Zögern, dass alle unsere Probleme durch die Muslimbrüder entstanden sind." Darin liegt schon ein wahrer Kern, aus saudi-arabischer Sicht. Die Geschichte geht, vereinfacht, so: Während ihrer Verfolgung unter Nasser öffnete das Königreich die Türen für die fliehenden Islamisten - um dann, so zitiert die "New York Times" Prinz Nayef, "eine konkurrierende Ideologie zu entwickeln", konkurrierend zum Wahhabitentum, einer salafistischen Bewegung, die im 18. Jahrhundert auf dem späteren Territorium Saudi-Arabiens entstand und die durch den Bund mit der Familie Saud im 20. Jahrhundert zur Gründung des Königreichs führte. 

Ihre Ideologie brachten die flüchtigen Muslimbrüder natürlich schon mit sich - und es ist in der Tat eine völlig andere als die obrigkeitstreue wahhabitische. Die Muslimbrüder wollten immer eine aktive politische Rolle für den Islam, nicht ein Arrangement zwischen einer salafistischen Geistlichkeit und einem Königshaus wie in Saudi-Arabien. In dieser Beziehung sind sie eben eine revolutionäre und keine "fundamentalistische" Bewegung. 

Aber vor allem meinen die Saudis, dass nur die Ideen des ägyptischen Muslimbruders Sayyid Qutb (hingerichtet unter Nasser 1966), der einen aktiven Jihad gegen den "vom Islam abgefallenen" Staat propagierte, letztlich zu einem Osama Bin Laden - der seinerseits von einem wahhabitischen Hintergrund stammte - führen konnte. Sich selbst sprechen die Saudis völlig davon frei, dass sich ein extremer Wahhabismus in diese Richtung entwickeln konnte.

Wie auch immer, die Mischung aus Wahhabismus und Muslimbruderschaft war besonders explosiv. Und es gibt ganz klare Berührungspunkte des Personals: Qutbs Bruder (und Schüler) Muhammad war einer der Saudi-Arabien-Flüchtlinge, und bei ihm studierten Leute, die später Bin Laden stark beeinflussten, vor allem der Palästinenser Abdullah Yussuf Azzam (gestorben 1989 in Peshawar). Auch der Ägypter Ayman al-Zawahiri, die jetzige Nummer eins von Al-Kaida, war ursprünglich Muslimbruder. Und die vielen ägyptischen Lehrer, die im Königreich arbeiteten, trugen die Mischideologie wieder zurück in ihre Heimat und weiter.

Die "neuen" Muslimbrüder

Aber abseits der extremistischen Auswüchse - die ja Osama Bin Laden, und damit Al-Kaida, offenbar selbst für gescheitert hielt - könnte den Saudis noch eine ganz andere Herausforderung durch die Muslimbruderschaft erwachsen: nämlich dann, wenn die Muslimbrüder in Ägypten, Tunesien, Libyen - und vielleicht in Syrien - sich in ein demokratisches System integrieren. Die Muslimbrüder verfügen über nicht weniger religiöses Ansehen als die Wahhabiten, und ihr Ansehen ist weniger bekleckert als das der riesigen königlichen Familie, von deren ganz und gar unislamischen Exzessen (beziehungsweise denen einzelner Mitglieder) viele wissen. Vielleicht könnten ja die Bürger des heutigen Saudi-Arabien auch auf die Idee kommen, am Staatswesen partizipieren zu wollen. Und das wäre das Ende der absoluten Golfmonarchien. 

Übrigens ist die im Titel getroffene Aussage "Wahhabiten mögen keine Muslimbrüder" dahingehend einzuschränken, dass das ebenfalls wahhabitische Katar anders als Saudi-Arabien keine guten Beziehungen zu Hosni Mubarak hatte. Die Revolution in Ägypten war ja mindestens so sehr eine "Al-Jazeera-Revolution" wie eine Facebook-Revolution. Durch den in Doha ansässigen Fernsehsender Al-Jazeera wurde der ägyptische Muslimbruder Yussuf al-Qaradawi zum berühmtesten TV-Prediger der islamischen Welt.

Dass Katar viel bessere Beziehungen zu den Muslimbrüdern hat als Saudi-Arabien, zeigt auch der enge Umgang mit der Hamas, die ja ursprünglich nichts anderes war als der palästinensische Zweig der Bruderschaft. Hamas-Politbürochef - aus dieser Funktion soll er jetzt aber abgewählt worden sein - Khaled Meshaal ging aus Damaskus direkt nach Doha. Katar ist also bestens aufgestellt, wenn die Muslimbrüder jetzt an die Macht marschieren, wobei es mit den Salafisten genauso gut kann. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 2.5.2012)

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