Teufelsaustreibung und andere Humanrituale

2. Mai 2012, 17:26
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Die holländische Theatergruppe Hotel Modern hat mit dem kameraunterstützten Figurentheater "Shrimp Tales" verzückt

Krems - Beim Donaufestival in Krems gibt es logische Begebenheiten wie etwa die Tatsache, dass die Gruppe Invisible Playground auf ihrer Freiluftspielstätte im Stadtpark vollkommen unsichtbar wurde. Aber auch unlogische wie den Umstand, dass auf dem Gelände des einwöchigen Performance- und Musikfestivals das kleine Mineralwasser drei Euro sechzig kostet, obwohl hier junge Menschen mit T-Shirts angereist kommen, auf denen überaus deutlich "Villenlos" draufsteht.

Im Gegensatz dazu gewährt ein Tagesticket um 39 Euro/35 Euro (ermäßigt) Zutritt zu beispielsweise sechs Konzerten, fünf Performances, acht Ausstellungen und einem Film. Dieses Angebot haben am ersten Festivalwochenende wahre Heerscharen an popkulturell Interessierten wahrgenommen. Obwohl vieles dezentral stattfand - etwa die Wachau-Bustour mit God's Entertainment -, drängten sich Künstler/innen und Publikum gleichermaßen auf dem heißen Asphalt vor den Hallen, bevor das eine oder andere losging.

Bei den "Shrimp Tales" der niederländischen Theatergruppe Hotel Modern musste Publikum gar abgewiesen werden. Hotel Modern, bereits 1997 von den Schauspielerinnen Arlène Hoornweg und Pauline Kalker sowie dem bildenden Künstler Herman Helle gegründet, hat sich in den letzten Jahren durch videotechnisch unterstützte, großformatige Figurentheaterlandschaften einen Namen gemacht. Mit dem Auschwitz-Theater "Lager", eine mit kleinen Püppchen bespielte Miniatur-Nachbildung des Konzentrationslagers, gastierten sie 2007 erstmals bei den Salzburger Festspielen.

Die oft mit einem humanistischen Anliegen einhergehenden Arbeiten beschreibt man am besten als Puppen- und Objekttheater, dessen Detailszenen mit Kamera groß projiziert werden. Auch "Shrimp Tales" funktioniert als Figurentheater mit VJs. Es geht um die Spezies Mensch und all ihre (auch historischen) Gepflogenheiten und Rituale, die das Zusammenleben bestimmen. Aus Gründen der Verfremdung nehmen in diesem Theaterstück 400 Garnelen den Part der Menschen ein.

Boxkampf unter Shrimps

Fein säuberlich aufgespießt auf kleinen Drähten stellen sich die Shrimps mit ihren Fundstücken etwa bei "Kunst oder Kitsch" an oder liefern sich an anderer Stelle mit mintgrünen Boxhandschuhen einen erbitterten Ringkampf. Dabei werden sie von den mit Stirnlampe und Kamera ausgestatteten Schauspielern geführt, die zwischen den auf Tischen arrangierten Szenen hin- und herwechseln.

Neben anrührenden Szenen wie dem Zelturlaub im Regen oder dem im Gastgarten abgewiesenen Rosenverkäufer entstehen so auch lustig-brachiale Momente, die ins Splatter-Genre gehören (Stichwort: beim Chirurgen). Besondere Wirkung erzielt das Spiel mittels Point-of-View-Shots aus der Shrimp-Perspektive, etwa wenn der Obershrimp seine geliehenen Krabbenhände bei einer Teufelsaustreibung zu Christi Kreuz emporreißt und dabei die Kamera den flehenden Armen folgt.

Wesentliches Element der "Inszenierung" ist der Geräuschemacher, der die Garnelentaten mit menschlichen Lauten akkordiert. Wenn zwei Shrimps in der Geisterbahn vor dem sich neigenden Totenkopf erschrocken hochfahren, so gellen Kinderschreie. Detto stöhnt später ein Garnelenpaar beim Sex.

Ab Donnerstag zeigen sie die spacige Show "Seaplane Mothership", einen Rückblick auf die Welt von heute. Mit solch kunstvollen Attraktionen zu konkurrieren war am ersten Festivalwochende gar nicht einfach. Die Tanzperformance "Nightshift" der US-amerikanischen Musikerin und Performerin Bianca Casady wirkte dagegen trübe. Auch das zu späterer Stunde mit ihrer Schwester Sierre Casady - zusammen: Cocorosie - bestrittene Konzert offenbarte einen Hang zum Esoterischen, trotz toller Sirenenstimmen.

Im Auge behalten sollte man machineEx, eine Gruppe aus Berlin, die die Werkzeuge von Computerspielen aus dem virtuellen Raum in die Wirklichkeit verlagert. Hier lernte man, eine Bombe zu entschärfen. Rechtzeitig. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 3.5.2012)

  • Shrimps bringen Fundstücke zu "Kunst oder Kitsch". Fragwürdiges Objekt ist 
ein Mädchen.
    foto: florian schulte

    Shrimps bringen Fundstücke zu "Kunst oder Kitsch". Fragwürdiges Objekt ist ein Mädchen.

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