"Piraten sind eine feige Bande"

Interview2. Mai 2012, 17:00
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Am Donnerstag hat am Theater in der Josefstadt "Endlich Schluss" Premiere. Der Dichter und Dramatiker Peter Turrini über Sprachstümper, bepickelte Mittelschichtspiraten und Probenstress

STANDARD: "Endlich Schluss" handelt vom Schreiben, ein Journalist hält einen verzweifelten Monolog über sich und seine Rückgratlosigkeit. Sie scheinen keine hohe Meinung von Journalisten zu haben?

Peter Turrini: Das stimmt nicht, ich bin voller Mitgefühl ihnen gegenüber. Es geht ihnen ja noch schlechter als mir. Auch sie müssen die Welt kommentieren, und zwar täglich. Ich habe ja ein bisschen mehr Zeit. Aber jeden Tag eine neue Meinung, da muss man verrückt werden! Diese Geschwindigkeit zerreißt die menschliche Seele.

STANDARD: Tauchen, wenn Sie ein Stück beenden, schon die Figuren für das nächste auf?

Turrini: Ja. Einerseits sehne ich mich danach, endlich das Wort "Ende" unter ein Stück zu schreiben, andererseits fürchte ich nichts mehr als das. Also fange ich im Kopf gleich mit dem nächsten Stück an. Wenn ich keine Wortbrücken mehr habe, über die ich laufen könnte, könnte ich ja in den Abgrund fallen. Außerdem ist das Neuanfangen schön, in der Kunst, in der Liebe, in allem. Obwohl ich seit fünfzig Jahren schreibe, seit zwanzig Jahren mit einem geliebten Menschen lebe, kommt mir alles immer wieder neu vor.

STANDARD: Wie war die für Sie neue Erfahrung, mit Ihrer Partnerin Silke Hassler gemeinsam das Stück "Jedem das Seine" zu schreiben: beziehungsfördernd oder -gefährdend?

Turrini: (lacht) Es verlängert den Schreibprozess, aber auch die Beziehung - wenn man's durchsteht. Wirklich beziehungsfördernd sind nicht die Gemeinsamkeiten, sondern die Distanzen. Deshalb lebe ich in Kleinriedenthal, Silke in Retz, wir sehen uns nur ein-, zweimal in der Woche. Ich verliere bei zu viel Nähe mit einem Menschen den schönen Blick auf ihn. Auf einmal sehe ich nur Nebensächlichkeiten. Ich bin aber am Kunststreit interessiert, nicht am Alltagsstreit.

STANDARD: Apropos Streit: Hat sich im Laufe Ihres Lebens Ihr Umgang mit der Öffentlichkeit geändert?

Turrini: Ja, sehr. Ich vermeide Öffentlichkeit, soweit ich es irgendwie kann. Das hat bei mir schon fast paranoide Züge. Ich werde einfach zu oft eingeladen und zu viel gefragt. Dauernd soll ich für irgendeinen Artikel oder für irgendeine Sendung meine Meinung abgeben, etwas sagen, ein Wortschäuferl beitragen. Das kommt mir vor, als müsste ich täglich ein Stück von meiner Zunge abschneiden, bis ich eines Tages stumm bin.

Die Gesellschaft, die mediale und die bürgerliche, lässt ihre Dichter hochleben und will sie gleichzeitig vernichten. Sie werden von Buffet zu Buffet geschleppt, von Symposium zu Symposium getrieben, von Diskussionsrunde zu Diskussionsrunde gehetzt, zu immer mehr Wortspenden genötigt, bis sie nichts mehr zu sagen haben. Was ich zu sagen habe, sagen meine Figuren. Mehr muss ich nicht sagen.

STANDARD: Wie hat diese Entschleunigung Ihr dichterisches Schreiben verändert?

Turrini: Ich habe mehr Zeit zum Schreiben, aber das Schreiben wird deshalb nicht leichter, eher schwieriger. Je länger ich das Handwerk der Wortschnitzerei betreibe, desto unzufriedener werde ich mit dem Ergebnis. Ich werfe ja jeden Tag neunzig Prozent von dem weg, was ich am Vortag geschrieben habe.

"Endlich Schluss" ist vor zehn Jahren geschrieben worden, es gab also ein fertiges Stück, als Herbert Föttinger und ich darüber zu reden begannen. Wir dachten, es werde reichen, ein paar Sätze zu ändern, um das Stück zu aktualisieren. Jetzt diskutieren wir schon seit Monaten, und es gibt vierzehn Fassungen.

STANDARD: Die Uraufführung hat Claus Peymann 1997 mit Gert Voss inszeniert. Eine schwierige Vorlage für Alexander Pschill?

Turrini: Natürlich wurde von Gert Voss ein großartiger Aufschlag getätigt. Aber jetzt gibt es eine entscheidende Zäsur: Pschill ist jünger und wirkt noch jünger, als er ist. Obwohl ich das Stück selbst geschrieben habe und natürlich weiß, wie es ausgehen wird, denkt man, wie jammerschade es doch wäre, wenn der hübsche Kerl draufgeht.

STANDARD: Wie geht es Ihnen während der Proben?

Turrini: Bei Uraufführungen bin ich wie ein Kindsvater vor dem Kreißsaal, ich gehe nervös auf und ab. Am liebsten würde ich ständig meinen Senf abgeben. Sie müssen das verstehen: Ich sitze in meinem Arbeitszimmer in Kleinriedenthal, spiele und hüpfe mir meine Figuren vor und habe eine fixe Vorstellung davon, wie sie auf der Bühne zu agieren hätten. Dann schaue ich mir eine Probe an, merke, dass sie alles anders machen, als ich es mir in meiner dörflichen Abgeschiedenheit ausgedacht und vorgespielt habe und fühle mich in meinem Narzissmus tief gekränkt.

Ich bitte mir dann eine halbe Stunde Verzweiflung aus, gehe in die Kantine, werde auf die Probe zurückgeholt und merke langsam, dass mich die Schauspieler möglicherweise nicht betrogen, sondern beschenkt haben. Das Theater ist ja eine gemeinsame Kunst, alle am Theater sind größenwahnsinnige Autisten, und das ist gut so. Jeder trägt seinen Teil bei, ich bin der Textlieferant. Der einzige Punkt, an dem ich wirklich durchdrehe, ist, wenn die anderen zu dichten anfangen.

STANDARD: Aber wie wollen bzw. können Sie das verhindern? Stichwort Urheberrechtsdebatte.

Turrini: Ich bin für standrechtliche Erschießung von Regisseuren und Dramaturgen, die mir meinen Theaterbeitrag wegnehmen. Der Regisseur macht die Regie, der Bühnenbildner das Bühnenbild, und der Kantineur macht die Wurstsemmeln. Warum muss man sich immer an der Sprache der Autoren vergreifen? Es gibt ein Urheberrecht, das vor mehr als hundert Jahren mühsam erkämpft werden musste.

Ich weiß schon, dass ich neben dem Zeitgeist liege: Man nimmt von anderen, was man will, man saugt aus dem Internet, was einem beliebt, zerschnetzelt und vermischt es so lange, bis es der eigenen geistigen Augenhöhe entspricht, und fühlt sich frei und kreativ. Aber es ist die Freiheit des Diebstahls.

Da kommen diese bepickelten Mittelschichtspiraten daher, die im Internet aufgewachsen sind, und wollen alles downloaden, was nicht ihnen gehört. Das ist keine neue Partei, das ist eine feige Bande. Und das gilt auch für alle, die hinter dem Rücken der Autoren mit deren Texten machen, was sie wollen. Ich diskutiere ja gerne mit einem Regisseur, ich lasse mich auch manchmal zu einer neuen Formulierung überreden, aber ich lasse mich nicht stillschweigend enteignen.

STANDARD: Ist das bei Klassikern nicht schon lange üblich?

Turrini: Völlig richtig. Das Urheberrecht ist abgelaufen, und jeder kann mit alten Texten machen, was er will, und sei's der größte Blödsinn. Die Frage ist nicht, ob man Klassiker umdichten darf, sondern ob man es kann! Immer mehr Sprachstümper setzen sich auf die Schultern von Klassikern, spucken ein paar Alltagsfloskeln heraus, meist mit bundesdeutschem Akzent, und setzen ihre Namen neben oder vor den des Originalautors. Aber ein Liliputaner bleibt ein Liliputaner, auch wenn er sich auf die Schultern eines Riesen setzt.

STANDARD: Ein Anti-Regietheater-Plädoyer?

Turrini: Aber nein! Ein klassisches Werk muss man in die Gegenwart holen. Und ein guter Regisseur wird mit einem Gegenwartsautor über Sätze und Striche streiten. Ohne Arbeit und Fantasie der Regisseure gäbe es mein Werk nicht auf der Bühne. Aber ich wiederhole mein zorniges Argument: Wenn ungefragt umgedichtet und der Text nur mehr als knetbares Material betrachtet wird, dann findet eine Entmachtung der Autoren statt. Und darauf scheiße ich. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 3.5.2012)

Peter Turrini (67), in Kärnten geboren, zählt mit seinen gesellschaftskritischen Stücken zu den wichtigsten deutschsprachigen Dramatikern. Seit seinem furiosen Erstling "Rozznjogd" 1971 schrieb er an die 50 Stücke. Turrini lebt im Weinviertel.

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  • Verkappter Schauspieler: Der Dichter Peter Turrini spielt und hüpft sich 
seine Figuren vor.
    foto: apa/gert eggenberger

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