Politische Unruhen in Westafrika

2. Mai 2012, 14:35
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Erinnerungen an Mali vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse

Von Wien aus betrachtet ist das alles weit entfernt. Der Staub, die lauten Rufe der Marktschreierinnen, der strenge Geruch verdorbener Sheabutter und das Aroma von getrocknetem Fisch.

Als ich vor kurzem die Meldungen über die tragischen Entwicklungen im westafrikanischen Mali las, fühlte ich wieder die Hitze und sah die braunen Landschaften am Jeepfenster vorbeiziehen. Ich erinnerte mich an meine Reise nach Afrika vor ein paar Monaten und an die enorme Armut.

Bei allen Schwierigkeiten, die die Einwohner Malis durchmachten und machen, konnte man damals wenigstens sagen, dass Frieden herrscht. Die Kinder waren nicht in Gefahr, für den Krieg herangezogen zu werden, und konnten sich auf ihre Arbeit und im besten Fall sogar auf die Schule konzentrieren.

Nun wird sich das vermutlich ändern. Die Tuareg-Rebellen, die von westlichen Berichterstattern oft romantisch als edle Freiheitskämpfer dargestellt werden, ziehen mordend, plündernd und vergewaltigend durch Azawad, den Teil Malis, der bereits unter ihre Herrschaft gefallen ist.

Hilfsorganisationen können in den betroffenen Gebieten nicht mehr arbeiten, da die Tuareg ihre Zentren ausgeplündert und zerstört haben. Im Gebiet der Rebellen könnte es noch zu weiteren Schwierigkeiten kommen.
Plötzlicher Militärputsch

Zu befürchten ist etwa eine extreme Islamisierung und die Einführung der Scharia. Das würde die zaghaften Versuche der beginnenden Demokratisierung im Keim ersticken.

Als ich vor Ort war, war die Situation noch nicht so kritisch wie heute. Jeder wusste, dass er nicht in den Norden gehen durfte, da dort die Tuareg sind, die bereits viele Touristen gekidnappt haben.

Auch gab es bereits Kämpfe zwischen den Rebellen und der malischen Armee. Diese waren allerdings nichts Besonderes, da sie bereits seit Jahren stattfinden.

Aber nach dem überraschenden Militärputsch vor etwa fünf Wochen waren die Tuareg nicht mehr zu stoppen. Mehrere meiner Bekannten waren infolge ihres Vormarschs gezwungen zu flüchten. Zum Beispiel Sofie, eine schwedisch-englische Hotelinhaberin aus Djenné, die schon seit über zehn Jahren in Mali lebt und nun alles Hals über Kopf verlassen musste. Nun lebt sie in Bamako, der Hauptstadt Malis, und wartet, bis sich alles etwas abgekühlt hat.

Viele der Kinder, die mich, den für sie unvorstellbar reichen Europäer, im Jeep vorbeifahren gesehen haben, werden nie auch nur ihr Heimatdorf verlassen.

Ungerechtigkeit

Selbst verhältnismäßig gut gebildete Jugendliche, die ich bei einem Besuch der öffentlichen Schule kennengelernt habe, wissen nicht, wie man einen Brief schreibt oder einen Computer bedient. Und die Kinder, die auf dem Land leben und dazu ausgebildet werden, die selten vorbeifahrenden Touristen anzubetteln, haben erst recht keine Möglichkeit zur Bildung. Ich als westlicher Reicher konnte ihnen nur die verlangten Süßigkeiten geben und weiterziehen. Angesichts solcher Ungerechtigkeit fühlt man sich ohnmächtig. (Fabian Dietrich aus Mali, DER STANDARD, 2.5.2012)

FABIAN DIETRICH (17) besucht das GRG1 Stubenbastei in Wien.

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