"Das Leben hier ist wie ein Obstbaum"

Reportage |
  • In Süden der Mittelslowakei an der ungarischen Grenze liegt Hostice, bekannt als der Ort, aus dem zahlreiche Menschen nach Graz anreisten, um zu betteln. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 96 Prozent.
    foto: der standard/schechtner

    In Süden der Mittelslowakei an der ungarischen Grenze liegt Hostice, bekannt als der Ort, aus dem zahlreiche Menschen nach Graz anreisten, um zu betteln. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 96 Prozent.

In Hostice in der Slowakei sind die meisten Einwohner Roma. Sie leben in einem Teufelskreis aus Jobmangel und Diskriminierung

Hostice ist den meisten Grazern bekannt als der Herkunftsort ihrer ehemaligen Bettler. Die kleine ungarischsprachige Gemeinde, unter den Dorfbewohnern Gesztete genannt, liegt in der südlichen Mittelslowakei an der Grenze zu Ungarn. "Katastrophale Lebensbedingungen", "Haushalte ohne Strom und fließendes Wasser", "Arbeitslosigkeit" und "Armut" sind Schlagwörter, die in Österreich in jedem Gespräch über das Dorf fallen. Für eine Fachbereichsarbeit in Sozialmanagement, die hinter diese Fassade blicken will, reichen solche Schlagwörter jedoch nicht aus, um sich ein Bild zu machen. Eine Reise vor Ort war unerlässlich.

Ein Anlass für diese Untersuchung war das Bettelverbot, das letztes Jahr in der Steiermark beschlossen wurde. Seitdem kommen nur noch wenige aus Hostice nach Graz, um dort ein wenig Geld zu verdienen. Sie verkaufen die Straßenzeitung "Global Player".

Ein Hostice-Besuch fühlt sich an wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Nur fünf Autostunden von Graz entfernt unterscheiden sich die Bedingungen, mit denen die Einwohner zu leben haben, drastisch von der Lebenssituation in Österreich. Auf dem Weg in die Ortsmitte sieht man von der schmalen Landstraße aus auf ein verfallenes Schloss. Die heruntergekommenen Häuser machen betroffen. Die Dorfbewohner haben schlechte Erfahrungen mit Fremden gemacht, die ins Dorf kommen. Sie sind anfangs sehr zurückhaltend und distanziert.

Wenige Chancen auf Arbeit

67 Prozent der zuletzt gezählten 996 Einwohner Hostices sind Roma. Arbeitslosigkeit ist nicht umsonst ein Schlagwort, wenn es um die Gemeinde geht, denn diese liegt hier bei unglaublichen 96 Prozent. Die Menschen leben von Sozialhilfe, die aber in der Slowakei sehr niedrig ist.

"Unsere Schule ist eine ganz normale Schule wie alle anderen. Sie ist nicht so schlecht", sagt die Direktorin der Schule in Hostice. Es handelt sich um eine Grundschule, die für alle Kinder verpflichtend ist. Insgesamt besuchen sie 179 Schüler.

Die wenigsten können es sich leisten, später an höhere Schulen zu gehen, die sich in den größeren Städten befinden. Ein minimaler Teil der Schüler kommt bis zur Matura. Wenige haben Chancen auf einen Beruf. Viele bleiben in Hostice - und tun nichts.

Vererbter Teufelskreis

"Es muss fürchterlich sein, wenn man nicht gebraucht wird, obwohl man jung und stark ist", sagt August Eisner, ehrenamtlicher Chef der Notschlafstelle Vinzinest in Graz, wo man sich jahrelang um die Bettler aus Hostice kümmerte.

Mangelnde Bildungsangebote und fehlende Arbeit - dieser Teufelskreis vollzieht sich von Generation zu Generation. Zu hoffen ist auf eine Verbesserung durch die im Jänner 2012 vom Land Steiermark gespendeten 20.000 Euro an Hostice.

Was die Bewohner von Hostice am dringendsten nötig hätten, ist Arbeit. Aufgrund von Diskriminierung sind ihre Chancen in der Berufswelt jedoch sehr gering. Finden sie dennoch eine Stelle, ist ihre Bezahlung oftmals so gering, dass ihnen die Lust am Arbeiten verloren geht.

Einige Betroffene betonen, den Kommunismus zu vermissen. Durch den Zusammenbruch des Kommunismus im Jahre 1989 verloren sie ihre Arbeit, und es begann die Zeit der Armut für die Roma.

Der Besuch in Hostice ist interessant, aber bestürzend. Es ist wichtig, über die Situation in Hostice aufzuklären, sich mit den Problemen und Herausforderungen zu beschäftigen und einen Beitrag zur Verbesserung zu leisten - in Graz entstanden in den letzten Jahren sehr viele Projekte der Direkthilfe für Roma-Familien in Hostice.

Es reicht, sich vorzustellen, unter welchen Bedingungen die Dorfbewohner zu leben haben, um helfen zu wollen.

Wichtig ist es auch, Verständnis zu schaffen. "Das Leben hier ist wie ein Obstbaum. Wir geben uns Mühe. Vielleicht gibt es irgendwann schönes Obst zu ernten", sagt der Bürgermeister Frantisek Rácz optimistisch. (Barbara Schechtner aus Hostice, DER STANDARD, 2.5.2012)

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