"Das Leben hier ist wie ein Obstbaum"

Reportage | Barbara Schechtner aus Hostice
2. Mai 2012, 14:31
  • In Süden der Mittelslowakei an der ungarischen Grenze liegt Hostice, bekannt als der Ort, aus dem zahlreiche Menschen nach Graz anreisten, um zu betteln. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 96 Prozent.
    foto: der standard/schechtner

    In Süden der Mittelslowakei an der ungarischen Grenze liegt Hostice, bekannt als der Ort, aus dem zahlreiche Menschen nach Graz anreisten, um zu betteln. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 96 Prozent.

In Hostice in der Slowakei sind die meisten Einwohner Roma. Sie leben in einem Teufelskreis aus Jobmangel und Diskriminierung

Hostice ist den meisten Grazern bekannt als der Herkunftsort ihrer ehemaligen Bettler. Die kleine ungarischsprachige Gemeinde, unter den Dorfbewohnern Gesztete genannt, liegt in der südlichen Mittelslowakei an der Grenze zu Ungarn. "Katastrophale Lebensbedingungen", "Haushalte ohne Strom und fließendes Wasser", "Arbeitslosigkeit" und "Armut" sind Schlagwörter, die in Österreich in jedem Gespräch über das Dorf fallen. Für eine Fachbereichsarbeit in Sozialmanagement, die hinter diese Fassade blicken will, reichen solche Schlagwörter jedoch nicht aus, um sich ein Bild zu machen. Eine Reise vor Ort war unerlässlich.

Ein Anlass für diese Untersuchung war das Bettelverbot, das letztes Jahr in der Steiermark beschlossen wurde. Seitdem kommen nur noch wenige aus Hostice nach Graz, um dort ein wenig Geld zu verdienen. Sie verkaufen die Straßenzeitung "Global Player".

Ein Hostice-Besuch fühlt sich an wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Nur fünf Autostunden von Graz entfernt unterscheiden sich die Bedingungen, mit denen die Einwohner zu leben haben, drastisch von der Lebenssituation in Österreich. Auf dem Weg in die Ortsmitte sieht man von der schmalen Landstraße aus auf ein verfallenes Schloss. Die heruntergekommenen Häuser machen betroffen. Die Dorfbewohner haben schlechte Erfahrungen mit Fremden gemacht, die ins Dorf kommen. Sie sind anfangs sehr zurückhaltend und distanziert.

Wenige Chancen auf Arbeit

67 Prozent der zuletzt gezählten 996 Einwohner Hostices sind Roma. Arbeitslosigkeit ist nicht umsonst ein Schlagwort, wenn es um die Gemeinde geht, denn diese liegt hier bei unglaublichen 96 Prozent. Die Menschen leben von Sozialhilfe, die aber in der Slowakei sehr niedrig ist.

"Unsere Schule ist eine ganz normale Schule wie alle anderen. Sie ist nicht so schlecht", sagt die Direktorin der Schule in Hostice. Es handelt sich um eine Grundschule, die für alle Kinder verpflichtend ist. Insgesamt besuchen sie 179 Schüler.

Die wenigsten können es sich leisten, später an höhere Schulen zu gehen, die sich in den größeren Städten befinden. Ein minimaler Teil der Schüler kommt bis zur Matura. Wenige haben Chancen auf einen Beruf. Viele bleiben in Hostice - und tun nichts.

Vererbter Teufelskreis

"Es muss fürchterlich sein, wenn man nicht gebraucht wird, obwohl man jung und stark ist", sagt August Eisner, ehrenamtlicher Chef der Notschlafstelle Vinzinest in Graz, wo man sich jahrelang um die Bettler aus Hostice kümmerte.

Mangelnde Bildungsangebote und fehlende Arbeit - dieser Teufelskreis vollzieht sich von Generation zu Generation. Zu hoffen ist auf eine Verbesserung durch die im Jänner 2012 vom Land Steiermark gespendeten 20.000 Euro an Hostice.

Was die Bewohner von Hostice am dringendsten nötig hätten, ist Arbeit. Aufgrund von Diskriminierung sind ihre Chancen in der Berufswelt jedoch sehr gering. Finden sie dennoch eine Stelle, ist ihre Bezahlung oftmals so gering, dass ihnen die Lust am Arbeiten verloren geht.

Einige Betroffene betonen, den Kommunismus zu vermissen. Durch den Zusammenbruch des Kommunismus im Jahre 1989 verloren sie ihre Arbeit, und es begann die Zeit der Armut für die Roma.

Der Besuch in Hostice ist interessant, aber bestürzend. Es ist wichtig, über die Situation in Hostice aufzuklären, sich mit den Problemen und Herausforderungen zu beschäftigen und einen Beitrag zur Verbesserung zu leisten - in Graz entstanden in den letzten Jahren sehr viele Projekte der Direkthilfe für Roma-Familien in Hostice.

Es reicht, sich vorzustellen, unter welchen Bedingungen die Dorfbewohner zu leben haben, um helfen zu wollen.

Wichtig ist es auch, Verständnis zu schaffen. "Das Leben hier ist wie ein Obstbaum. Wir geben uns Mühe. Vielleicht gibt es irgendwann schönes Obst zu ernten", sagt der Bürgermeister Frantisek Rácz optimistisch. (Barbara Schechtner aus Hostice, DER STANDARD, 2.5.2012)

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"Viele bleiben in Hostice - und tun nichts."

und damit ist die ursache des elends im wesentlichen auf den punkt gebracht. zumindest den eigenen ort *etwas* in schuss halten wäre auch mit einfachsten mitteln und vor allem der vielen zeit, die sie haben, für die roma möglich. aber egal wo - meist in osteuropa - ich auf roma-siedlungen gestoßen bin, mein eindruck war immer der gleiche: entweder sie wollen im dreck leben, oder es ist ihnen egal. traurig.

das Problem ist, dass die Menschen schon von klein auf so sozialisiert werden in ihrem eigenen Haufen. Sie machen ihren Eltern einfach das nach, was die vormachen. Und wenn sie selbst Eltern sind, gehts genauso weiter.

Das kann man auch hier in Österreich beobachten bei ganz banalen Dingen. Eltern, die lesen haben lesende Kinder. Eltern, die nicht zähneputzen haben Kinder mit kaputten Zähnen....

falls jemand wirklich helfen will:

www.direkthilferoma.at
seltsam, dass die verfasserin den verein anscheinend nicht kennt, bzw darauf verweist oder bezug nimmt.

direkthilferoma?
gurken und knoblauchanbau für roma, das ist keine hilfe!

ich glaube, dass viele roma gar nicht so leben wollen wie wir uns das für sie vorstellen.

Stop Discrimination against Roma

http://marikaschmiedt.wordpress.com/

"Finden sie dennoch eine Stelle, ist ihre Bezahlung oftmals so gering, dass ihnen die Lust am Arbeiten verloren geht."

Also entweder ist der Satz unglücklich formuliert oder er sagt aus das Sozialhilfe beliebter ist als arbeiten zu gehen.

Es ist gut, wenn man helfen will.

Wenn man aber öfters in der Slowakei unterwegs ist fragt man sich, ob das viel hilft.

Ich erinnere mich an eine Siedlung am Rand einer Ortschaft, von einer NGO bezahlt und erbaut, weil einige offensichtlich über die Elendsquartiere der Roma erschüttert waren. Ich war zufällig da, als sie übergeben wurde. Ich habe die Entwicklung dieser Siedlung im Vorbeifahren über einige Jahre beobachten können. Das schockierendste war, dass bald darauf offensichtlich die Kabel aus den Wänden gerissen waren, wie man an den Verputzresten erkennen konnte.

Daneben wohnt die ebenfalls arme slowakische Landbevölkerung, die ihre kleinen Häuschen mit eigenen Mitteln und Händen in Schuss hält, so gut es eben geht.
Woher kommt wohl die Diskriminierung?

Einige Betroffene betonen, den Kommunismus zu vermissen. Durch den Zusammenbruch des Kommunismus im Jahre 1989 verloren sie ihre Arbeit, und es begann die Zeit der Armut für die Roma.

Was haben sie in der Zeit des Kommunismus aufgebaut? Wenn man dieses und andere Dörfer am Rand der Slowakei und auch Böhmens/Mährens damals und heute vergleicht, dann merkt man schon, dass die Dinge nicht so einfach liegen, wie sie hier dargestellt sind. Und die Feindseligkeit der Blicke auf "Ausländer" ist nicht neu, die kommt - etwa in Südböhmen - von der Zwangsansiedlung und der vorangegangenen Vertreibung der angestammten Bevölkerung. Und die 20.000 Euro - wird die nicht irgendein Clan-häuptling abcashen und in teure Uhren und Schmuck umwandeln? Wie will man das verhindern? Vor einigen Jahren fuhr ich mit einem ehemaligen Slowaken durch Hostice, wir diskutierten lange über die Problematik und fanden keinen brauchbaren Lösungsvorschlag.

Langsam und systematisch

Offenbar bietet es sich tatsächlich an, erst einmal theoretisch an die Sache heranzugehen. Eine Fachbereichsarbeit gibt es also schon oder ist im Entstehen. Interessant wäre auch, warum im Kommunismus alles soviel besser gewesen sein soll und warum diese Tatsache die Roma dort über dessen Zusammenbruch hinaus nicht nachhaltig gestärkt hat. Schließlich wäre dann noch so eine Art Friedensdienst angesagt, wo gut vorbereitete Fachkräfte aus verschiedenen Ländern konkrete Ansatzpunkte für Verbesserungen suchen und sie gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung umsetzen. Dafür auch junge "dumme, naive" AmerikanerInnen holen- die sind weniger befangen. Spenden oder irgendwelche Fertiglösungen alleine bringen, wie man liest, keine Verbesserung.

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