Studieneinstellungen: Rektoren halten System für innovationsfeindlich

Leiter des Forums Lehre: "Immer riesige Aufregung" bei Streichung von Studien

Wien - Die Diskussion rund um das geplante Auslaufen des Bachelorstudiums Internationale Entwicklung (IE) an der Universität Wien und vierer Lehramtsstudien an der Technischen Universität (TU) Wien zeugt laut Martin Polaschek, Leiter des Forums Lehre in der Universitätenkonferenz (uniko), von einem "innovationsfeindlichen System". "Es gibt bei uns immer riesige Aufregung, wenn sich in Bereichen irgendetwas ändert", so der Vizerektor der Uni Graz. "Das führt dazu, dass Unis sich doppelt und dreifach überlegen werden, überhaupt neue Studienangebote einzuführen."

Seit 2002 hat sich die Anzahl von Studienangeboten an Österreichs Universitäten von 498 auf 1.058 (Wintersemester 2011) mehr als verdoppelt. Polaschek führt das auf die Umstellung auf das Bologna-System zurück, durch das aus einem Diplomstudium je ein Bachelor- und mindestens ein Masterstudium wurde. Durch die im Universitätsgesetz (UG) 2002 festgeschriebene Autonomie der Universitäten können diese zudem per Senatsbeschluss "rascher und flexibler" auf Bedarf reagieren und ihr Angebot vergrößern. Im Rahmen einer Profilbildung seien Unis außerdem "mehr auf ihre Stärken und Kompetenzen" eingegangen und hätten "entsprechend neue, innovative Angebote" geschaffen.

Einsparung der Lehramtsstudien: "Überhitzte Diskussion"

Im Falle des vor vier Jahren eingeführten IE-Bachelorstudiums kam das Angebot so gut bei den Studierenden an, dass "die Hörendenzahl explodiert ist" (derzeit rund 2.000 Inskribierte) und die Uni Wien "die Notbremse ziehen musste und keine Leute mehr zulassen konnte", so Polaschek. Laut Uni-Wien-Plänen sollen Neuinskriptionen nicht mehr möglich sein und anstelle des Bachelor ein interdisziplinäres IE-Masterstudium eingeführt werden. Polaschek denkt, dass die geplante Streichung auch bei Misserfolg des Studiums ebenso viel Aufregung ausgelöst hätte. "Die Unis sollen neue Studien einführen, haben dann aber keine Möglichkeit mehr, irgendetwas nachzujustieren", kritisiert der Vizerektor der Uni Graz das "Dogma" der grundlegenden Ablehnung von Veränderung.

Dass nun "Horrorszenarien" entworfen werden, sei unfair. "Man fragt nicht, welche Überlegungen dahinter stehen, sondern ist grundsätzlich dagegen, weil es nur etwas Schlimmes sein kann", so Polaschek. Vor allem die Diskussion rund um die Einsparung von Lehramtsstudien in den Unterrichtsfächern Mathematik, Chemie, Informatik und Physik an der TU Wien hält er für "überhitzt". "Kein Mensch stellt wirklich die Frage, welche Auswirkung das auf die Lehrerbildung hat und ob das Wegfallen wirklich diese Tragik hat. Immerhin gibt es die Angebote auch an den Unis in Wien und Graz."

Mit dem bereits seit längerem angekündigten Hochschulplan wäre den Unis in dieser Frage jedenfalls geholfen. "Der Plan dabei ist, sich das Studienangebot österreichweit anzuschauen und ein Konzept zu entwickeln, welches Studienangebot wir an welchen Standorten brauchen", so Polaschek. Noch gäbe es dahingehend keine gemeinsamen Gespräche, im Rahmen der bevorstehenden Leistungsvereinbarungen zwischen Unis und Wissenschaftsministerium könne man aber bereits "einen gewissen Abstimmungsprozess" einleiten. (APA, 2.5.2012)

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3 Postings

""Das führt dazu, dass Unis sich doppelt und dreifach überlegen werden, überhaupt neue Studienangebote einzuführen." "

das sollte auch so gemacht werden. Was hat es für einen Sinn, Schnellschüsse zu planen und rückgängig zu machen.
Auf Innovationen kann man im LVA-Katalog schnell reagieren, bzw. wird das ja auch gemacht.

Rechenleistung

Wenn sich die Anzahl der Studien von knapp 500 auf etwas über 1000 verdoppelt hat und sich - wie im Artikel angegeben - ein bisheriges in mindestens zwei neue aufgespalten hat, lässt sich nicht von einer Ausweitung des Studienangebotes reden. Tatsächlich muss sich die Auswahl nach der Matura - also die Bachelor-Studien - sogar deutlich verringert haben.

Ich halte den Bachelor Internationale Entwicklung nicht für absolut notwendig, und habe auch nichts gegen die Räumung einzuwenden gehabt, aber diejenigen, die ein neu eingeführtes Studium studieren und gegen die Wiederabschaffung (oder auch sonst eine Abschaffung, die sie betrifft) protestieren, "innovationsfeindlich" zu nennen, ist manipulativ und abstoßend.

Die Abschaffung der Lehramtsstudien an der TU ist nicht das Ende der Welt, aber ganz sicher keine Innovation. Solche unehrlichen sprachlichen Tricks zur Delegitimierung des Gegenübers sagen nichts Gutes über den Verwender aus.

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