Bin Laden im US-Wahlkampf: GM lebt, Osama ist tot

Kommentar1. Mai 2012, 18:18
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Obama hat derzeit die besten Popularitätswerte seit langem

Inszenierung und Symbolik, das ist eine der großen Spezialitäten des Barack Obama: Seine Bewerbung um die demokratische Präsidentschaftskandidatur hat er wie Abraham Lincoln auf den Stufen des Kapitols von Springfield, Illinois, abgegeben. Mit schwarzen Bürgerrechtlern ist er nach Selma, Alabama, marschiert. Auf dem Hradschin in Prag hat er von einer atomwaffenfreien Welt geträumt. Und nun wird der US-Präsident im geheimnnisumwitterten "Situation Room" des Weißen Hauses auftreten, um dort in einem Fernsehinterview über die Details jener Operation plaudern, mit der die USA vor einem Jahr Osama Bin Laden zur Strecke gebracht haben.

Bereits wenige Tage nachdem Bin Laden in Abbottabad erschossen worden war, sollen die PR-Strategen des Präsidenten mit den Planungen begonnen haben, wie sie diesen Coup denn in der heißen Phase des Wahlkampfes ausnützen könnten. In einer neuen "Kommandoaktion" (so ätzt das US-Politportal politico.com) wird der Al-Kaida-Chef im amerikanischen Wahlkampf nun eben ein zweites Mal politisch seebestattet. Die Botschaft dabei: Der als Weichei verschriene Obama kann sich als jener Präsident präsentieren, der den größten Feind der USA ins Jenseits befördert hat. Gleichzeitig muss sich sein Gegner Mitt Romney rechtfertigen, warum er denn vor einigen Jahren dafür war, die teure Jagd auf Bin Laden abzublasen - Obamas Leute haben sicherheitshalber ein Video anfertigen lassen, damit das auch sicher nicht in Vergessenheit gerät.

"General Motors lebt, Bin Laden ist tot", so bilanzierte unlängst Vizepräsident Joe Biden die erste Amtszeit Obamas und beschrieb gleichzeitig die Wahlkampfstrategie für die kommenden Monate. Interessanterweise sind das akkurat jene zwei Themen, bei denen normalerweise den Republikanern erhöhte Kompetenz zugebilligt wird: die nationale Sicherheit und die Wirtschaft. Romney hat in beiden Fällen eine schlechte Figur gemacht. So wie er Bin Laden am Leben lassen wollte, sang er das Sterbelied für den größten US-Autokonzern. Beides macht keinen schlanken Fuß in der Öffentlichkeit, und der Republikaner wird sich einiges einfallen lassen müssen, um aus dieser Nummer unbeschadet herauszukommen. Die Umfragen sehen beide Kandidaten derzeit zwar noch immer eher gleichauf. Aber: Obama hat Aufwind, er kann derzeit auf die besten Popularitätswerte seit langem sehen - so beliebt wie heute war er nur nach Osama Bin Ladens Tod. (DER STANDARD, 2.5.2012)

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