Stille Wasser, gar nicht tief

1. Mai 2012, 17:53
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Im Akademietheater stehen die Wasserlachen: Stephan Kimmig hat "Wastwater" von Simon Stephens inszeniert und es nicht ganz getroffen

Dialoge über Nöte - eindimensional.

Wien - Menschen fühlen sich angespannt, wenn sie Fehler gemacht haben oder dabei sind, wissentlich einen Fehler zu begehen. Im Stück Wastwater des britischen Dramatiker Simon Stephens hat dieses Unbehagen einen Ton: das immer wiederkehrende Dröhnen von Flugzeugen, die über die Einflugschneisen nahe an die Metropolen (hier: London) herankommen. Im Akademietheater geht das mit Dolby Surround.

Drei Schauplätze in Flughafennähe führen die Unwirtlichkeit und Schutzlosigkeit des hier geführten Lebens vor Augen: ein Bauernhof, auf dem die Mutter Frieda ihren Pflegesohn Harry vermutlich für immer ins Ausland verabschiedet; ein Hotelzimmer, in dem sich zwei anderweitig Verheiratete zum Sex mit eigentümlichem Vorspiel treffen; und eine leere Lagerhalle, in der auf brutale Weise eine illegale Adoption über die Bühne geht.

Regisseur Stephan Kimmig lässt diese düsteren Schauplätze in seiner Inszenierung überlappen und platziert die drei Dialoge vor der nackten Feuermauer der Akademietheaterbühne, auf der sich auch Wasserlachen breitgemacht haben (Bühne: Anne Ehrlich). Hatte Katie Mitchells Londoner Royal-Court-Inszenierung, die im Vorjahr bei den Wiener Festwochen zu sehen war, die Ungemütlichkeit dieser Gespräche in atmosphärisch dichten hyperrealistischen Settings ausgedrückt, so reduziert Kimmig die Schutzlosigkeit der Protagonisten auf eine schlichte Betonumgebung.

Schuldgefühle

Er beraubt sich damit der Differenzierung, denn die Nöte der hier zu Wort kommenden Leute sind unterschiedlicher Art, auch wenn das Thema Schuld zentral ist. Es wird also ziemlich gleichförmig.

Harry trägt Mitschuld am Unfalltod seines Freundes und will weg hier, nach Kanada. Nervös nestelt er (Daniel Sträßer) beim Abschied von seiner Pflegemutter (Elisabeth Orth) an seinem Strickpullover herum, sodass sich dieser aufzulösen beginnt. Beim Seitensprungpaar tut sich Folgendes: Lisa (Andrea Clausen) gesteht hektisch-aggressiv, sie habe Pornofilme gedreht. Schlimm? Nein, denn Mark (Peter Knaack) ist in seiner himmelschreienden Mittelmäßigkeit ohnehin weniger an Lisas " Geschichte" interessiert. Und das Bett, in dem sie landen könnten, existiert auf der Bühne gar nicht. Die Szene driftet ins Komödiantische ab.

Und schließlich die dritte Begebenheit: Da bleibt das zwischen dem Vater in spe Jonathan (Tilo Nest) und der Kriminellen Sian (Mavie Hörbiger) abgewickelte Adoptionsverfahren einigermaßen unglaubwürdig. Die brutalen Manöver Hörbigers gehen ebenso ins Leere wie die Defensive Nests. Sian war übrigens Pflegekind von Mutter Frieda aus der ersten Szene. In weiteren Kreisen stehen die Figuren in Wastwater miteinander in Verbindung. Sie haben eine "Verwandtschaft": der einzige Grund, der für Kimmigs Einheitsbühnenbild spräche.

Die Dialoge aber gewinnen durch diese ausgemergelte Landschaft nicht, sie werden schlicht nachgedoppelt und hätten in einer gegenläufigen Umgebung wohl mehr Wirkung erzielt. So geht es mit Wastwater (der Name bezieht sich auf einen See, in dem so manche Leiche begraben liegt) von der ersten Szene Stück für Stück abwärts. Mäßiger Applaus. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 2.5.2012)

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    Nicht nur der Flugzeuglärm sorgt für Unwohlsein: Mutter Frieda (Elisabeth Orth) und Harry (Daniel Sträßer) werden sich für immer voneinander verabschieden.

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