"Wir sind eine unzufriedene Bewegung"

1. Mai 2012, 17:59
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Vom Parkpickerl bis zum globalen Frieden: Am 1. Mai ließen Wiens Sozialdemokraten die Welt wissen, was ihnen am Herzen liegt

Wien - Der Kanzler hat sich in der Farbe vergriffen. Nur mit gutem Willen geht der noble Bordeauxton seiner Krawatte als sozialdemokratisches Rot durch. Auch das obligate Tüchl zum Winken hat ihm niemand in die Hand gedrückt. So kommt er zumindest nicht in Versuchung, sich im Reflex übers Gesicht zu wischen.

Der Gewerkschaftspräsident schnappt nach Luft, des Bürgermeisters Schweißperlen glänzen den Massen entgegen: Gnadenlos brennt die Sonne den SPÖ-Granden ins Gesicht, als sie ihrem Parteivolk am Vormittag des 1. Mai die Parade abnehmen. Zwei Stunden lang zieht eine rot gescheckte Kolonne an der Festtribüne am Wiener Rathausplatz vorbei - bewaffnet mit Nelken, Luftballons und Transparenten.

Viel Gefälliges ("Vermögenssteuern jetzt", "Rauf mit den Löhnen") geben die Genossen ihren Vorderen zu lesen, manch Ausgefallenes und vereinzelt Freches. Mit Anonymous-Masken im Stil der Occupy-Bewegung marschiert ein Gewerkschaftertrupp auf. Einige Youngsters hacken auf dem Fiskalpakt herum, den der eigene Regierungschef in Brüssel abgenickt hat, andere fordern: "Raise your Fist for Sozialism!"

Parkpickerl und Kläranlage

"Die SPÖ Landstraße erinnert daran, dass Meinungsumfragen kein Regierungsprogramm ersetzen", tönt es aus den Lautsprechern bei der Tribüne. Jede Fraktion - von den Straßenbahnern bis zur Feuerwache, von den Krankenkasslern bis zu den Bezirksparteien - bekommt hier, bei dieser sozialdemokratischen Leistungsschau, ein paar Augenblicke Gehör. Es geht um die Segnungen von Parkpickerl und Hauptkläranlage ebenso wie um Umverteilung und den Weltfrieden. "Solidarität mit dem Freiheitskampf des iranischen Volkes", proklamiert eine Gruppe in exotischer Tracht: "Die Revolution kommt sicher zum Durchbruch."

Dem Ruf als Schmelztiegel alle Ehre macht die Delegation aus der Arbeiter- und Bürgermeisterhochburg Ottakring. Vorneweg dröhnt eine Blaskappelle, hintennach jammt eine Jazzcombo. Dazwischen spazieren die Bezirksgenossen inklusive österreichisch-türkischem Freundschaftsverein und vereinzelter Parteiprominenz.

Seit seinen Jugendtagen bei den sozialistischen Mittelschülern sei er treuer Besucher des Maiaufmarsches, erzählt der ehemalige Parlamentarier und ORF-Moderator Josef Broukal im Windschatten der Ottakringer Fahne, einem Museumsstück mit goldenen Quasten, das den offiziell längst abgeschafften Kreis mit den drei Pfeilen zeigt. Vor der Tribüne mit den wachelnden Granden denke man sich zwar manchmal seinen Teil, sagt Broukal - doch dass das rote Wien einst inmitten eines klerikal-konservativen Landes "eine Wohlstandsoase" geschaffen habe, sei allemal ein Grund zu feiern: "Davon zehrt die Sozialdemokratie noch 100 Jahre."

"Gemeinsam sind wir stark!"

Weit in die Geschichte - bis zu Zweitem Weltkrieg und Holocaust - holt auch Werner Faymann aus, als er nach Gewerkschaftsboss, Bürgermeister und Vizebürgermeisterin endlich selbst ans Mikro darf. Wer an die Freiheit glaube und eine Rückkehr der Gewalt für alle Zeiten verhindern wolle, "der muss für soziale Gerechtigkeit kämpfen", sagt der Bundeskanzler und SPÖ-Chef. Doch wenn fünf Millionen jugendliche Arbeitslose in ganz Europa nicht einmal die Chance bekämen, sich zu beweisen und Geld zu verdienen, könne von einem fairen Gesellschaftssystem keine Rede sein: "Wir sind also eine unzufriedene Bewegung."

Nicht abfinden will sich Faymann auch mit der wachsenden Einkommenskluft und dem gesamtschullosen Bildungssystem: "Elite heißt für mich, dass jeder die Chance hat, zu den Besten zu gehören." Nach einer Warnung vor Schwarz-Blau und einem aufmunternden "Gemeinsam sind wir stark!" trennen nur noch drei Strophen der Internationalen die Festgemeinde vor dem Bier am Maifest im Prater. Vorsorglich läuft auf der Videowall der Text mit.

Von "kämpferisch" bis "kraftlos" reichen die Zensuren der abwandernden Genossen. Aber viele sind ohnehin nicht gekommen, um Parolen zu hören. Der 1. Mai sei heute weniger eine politische Manifestation, sagt einer, " als einfach ein schönes Familienfest". (Gerald John, DER STANDARD, 2.5.2012)

  • Bunter als ihr Ruf: Anonymous-Klone marschierten ebenso für die SPÖ...
    foto: standard/fischer

    Bunter als ihr Ruf: Anonymous-Klone marschierten ebenso für die SPÖ...

  • ...wie 
altgediente Straßenbahner.
    foto: standard/fischer

    ...wie altgediente Straßenbahner.

  •  Kanzler Faymann und Bürgermeister Häupl 
trotzten dem allzu schönen Wetter.
    foto: standard/fischer

    Kanzler Faymann und Bürgermeister Häupl trotzten dem allzu schönen Wetter.

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