"Wir sind Soldaten für die Partei"

2. Mai 2012, 14:39
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Ausländerfeindliche Bewegung "Goldene Morgenröte" steht vor Einzug ins Parlament - Furcht vor Gewalt gegen Einwanderer

Athen - Es ist eine Ruine, die die griechische Politik in Angst und Schrecken versetzt. Unauffällig drückt sich das Gebäude an eine vielbefahrene Straße, einen Steinwurf vom Athener Bahnhof entfernt. Klingelt man, erscheint ein Mann an der Tür, der den Kopf zuerst misstrauisch nach links und rechts aus der Haustür streckt, bevor er einen passieren lässt. Statt eines Türschildes klebt im Hauseingang nur ein DINA4 Zettel mit den Buchstaben XA, dahinter verbirgt sich ein verwahrlostes Stiegenhaus, geschmückt mit einem leeren, mit Brettern verriegelten Liftschacht. Doch die Kraft, die hier sitzt, will bald in ganz Griechenland das Sagen haben.

Bei den Wahlen am 6. Mai kann die Partei, die sich "Goldene Morgenröte" nennt, nach Umfragen mit mehr als zehn Sitzen im Parlament rechnen. Selten zuvor schaffte es eine Gruppierung zu solcher Stärke, die so offen Hetze gegen Ausländer und den Rechtsstaat betreibt. Ihr Einzug droht Griechenland zu spalten.

Offene Hetze

Auf Flugzetteln der Partei sind einfache Slogans zu lesen, etwa: "Nicht ein arbeitsloser Grieche, nicht ein einziger illegaler Einwanderer in Griechenland", oder "Griechenland den Griechen". In einem Land, in dem jedes Jahr 130.000 Menschen einwandern, wirken solche Sprüche als sozialer Sprengstoff. Mit ihrem Aufstieg fürchten viele Griechen eine Rückkehr der Gewalt in die Politik. Bei Aufmärschen der "Goldenen Morgenröte" kam es immer wieder zu Ausschreitungen, und Augenzeugen berichten davon, dass Anhänger in Gruppen durch die Straßen ziehen, und Einwanderer attackierten. Parteiführer Nikolaos Mihaloliakos machte seine Gesinnung bereits bei seinem ersten Auftritt im Athener Gemeinderat 2010 deutlich, als er die Abgeordneten dort mit einem zum Hitlergruß gestreckten Arm begrüßte.

Im vierten Stock des Parteisitzes wartet eine dicke Frau vorgerückten Alters, die uns unwirsch begrüßt und wissen lässt, dass Herr Elias Panayiotaros unterwegs sei. Der Mann, der sich als Sprecher bezeichnet, wird nie zu dem verabredeten Treffen erscheinen und auch telefonisch nicht mehr erreichbar sein.

Der Raum, der als Büro der Partei dient, besteht aus einem großen, gekachelten Zimmer voller Klappsessel, im hinteren Teil ist eine Bar untergebracht. An den Wänden hängen Andenken an die diktatorische Vergangenheit Griechenlands und Bilder von Partei-Aufmärschen. Es riecht nach Zigarettenrauch und nach Staub. In den Sitzreihen hocken ein halbes Dutzend Freiwillige, die Wahlzettel sortieren. Zehntausende davon sollen am 6. Mai in den Urnen landen, hoffen sie. Es gebe jeden Tag mehr Zulauf zur Partei, sagt die Dicke, die mit den anderen einen mütterlichen Befehlston anschlägt. Drei ältere Männer und zwei jungen Frauen in schwarzen Blusen sortieren, falten und binden die Zettel, auf der groß der Name der Partei prangt. Er steht, sagt einer der Aktivisten, für die spirituelle Wiederauferstehung Griechenlands.

"Viel Unterstützung in der Bevölkerung"

Im hinteren Teil des Raumes steht Eleftheria, eine schlanke Frau Anfang 20 mit braunen, zu einem Zopf gebundenen Haaren, und schenkt sich einen Nescafe ein. Sie sei über ihre Eltern zur Partei gekommen, sagt sie, denn man habe ihr Zuhause "Nationalstolz" beigebracht. Sie beklagt, ihr Land werde von Fremden beherrscht, von der EU und den USA, und, fügt sie hinzu, Israel. Eleftheria studiert auf der Universität in Athen technische Chemie, nebenbei arbeitet sie im Einzelhandelsgeschäft der Eltern. "Wir sind Soldaten für die Partei", sagt sie in gepflegtem Englisch, ihre braunen Augen blicken direkt in das Gesicht des Besuchers. Ob ihre Partei die Demokratie abschaffen will, mag sie nicht beantworten. Dies sei nicht nötig, man besitze so viel Unterstützung in der Bevölkerung. Ohnehin sei es nicht nötig, diese Dinge jetzt zu hinterfragen - sie vertraue "zu 100 Prozent" dem Parteichef.

Neben ihr sitzen ein kräftiger Kerl im Overall, der grimmig auf den Besucher starrt, und ein drahtiger älterer Mann, der an einer selbst gedrehten Zigarette zieht. Die junge Studentin gibt freimütig über die Ideale der Partei Auskunft. Man lehne die Fremdherrschaft Griechenlands ab, von der Geschichte bis in die Gegenwart. Schon der Militärdiktator Ioannis Metaxas habe 1940 die Forderungen Hitlers und Mussolinis nach Unterstützung zurückgewiesen, und das Land habe die Besetzung durch Nazi-Deutschland erdulden müssen. Und dennoch betont Eleftheria, sei es kein Widerspruch, dass sich ihre Partei heute die Ideologie der Besatzer zueigen gemacht habe: Man sei "nationalsozialistisch".

Die junge Frau spricht in sanftem Tonfall, langsam und geduldig, so als wäre sie es gewohnt, anderen ihre Weltsicht zu erklären. Doch ihre Worte klingen erschütternd: Muslime gehörten nicht nach Griechenland, sie seien unvereinbar mit dem "Hellenismus", den ihre Partei vertritt. Juden misstraue sie, denn sie seien "gut mit dem Geld", und mächtig, besonders in den USA. Die historische Wahrheit über den Holocaust, sagt sie, werde von vielen angezweifelt - ob sie selbst dazu gehört, will sie nicht sagen. Sie betont hingegen, die "Vermischung der Rassen" sei ein Mittel der Feinde Griechenlands, um Hellas zu schwächen, und müsse darum aufgehalten werden. Die Fremden, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Griechenland eingewandert seien, müssten das Land verlassen - dies soll "friedlich" geschehen, aber es müsse passieren, sagt sie.

Mit ihrer Propaganda haben die Rechtsextremen auch bei den etablierten Parteien in Griechenland ihre Wirkung entfaltet. So wetterte der Favorit für die Wahl, der Konservative Antonis Samaras, kurz vor dem Urnengang gegen die "Invasion" an illegalen Einwanderern, und auch bereits im Land befindliche Migranten sollten das Land am besten freiwillig verlassen. Neben der "Goldenen Morgenröte" dürfte auch die nationalistische Partei LAOS wieder im Parlament vertreten sein, die bereits in den vergangenen Jahren xenophobe Töne anschlug, aber in der Krise zeitweise die Regierung bei der Durchsetzung ihrer Sparpakete unterstützte und dadurch Rückhalt bei ihren Wählern verlor. In den Kanon der scharfzüngigen Einwanderungsrhetorik stimmten zuletzt auch die Sozialisten mit ein, die die Errichtung von Anhaltelagern forderten, mit der die Bewegungsfreiheit von Asylwerbern eingeschränkt werden soll. Ein erstes solches Lager wurde bereits eröffnet.

Der mögliche Parlamentseinzug der Rechtsextremen wirft einen Schatten auf die Zeit nach den Wahlen in Griechenland. Beobachter fürchten, die schlechte Wirtschaftslage und weitere Sparpakete werden neue Wählerschichten in ihre Arme treiben, die bisher nichts mit den Rechts-Außen zu tun hatten. Im Jahr 2009 ist die griechische Wirtschaft zwei Prozent geschrumpft, im Jahr 2010 vier Prozent, und im Jahr 2011 fünf Prozent. Für viele Griechen gibt es kaum eine Gewissheit, außer, dass auch heuer ein schlechtes werden wird. In der Parteizentrale der "Goldenen Morgenröte" ist man sich sicher, die Stimmung nutzen zu können. "Sie hören von uns", heißt es zum Abschied.  (Von Alexander Fanta/APA, derStandard.at, 1.5.2012)

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    Ein Parteigänger der Rechtsextremen beim Wählerfang.

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