Liebe ist ...

2. Mai 2012, 20:45
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Wenn PosterInnen schwierige Begriffe erklären

Alle erinnern sich an die kitschigen "Liebe ist ..."-Cartoons der Neuseeländerin Kim Casali, die von Grußkarten und Valentinstagsschnickschnack nicht mehr wegzudenken sind. Eine zeitgemäße Definition konnte die 1997 verstorbene Casali aber nicht mehr unter die Leute bringen: Liebe ist ... wenn PosterInnen anderen schwierige Begriffe erklären. Feminismus ist ... Wiederbetätigung ist ... usw. Wie zum Beispiel Ich bin ein*_e Wiener*_In  beim Thema "In einem Jahr sollen am Wiener Hauptbahnhof die Züge rollen":

"Wer mir rot gibt, ist homosexuell!"

Da füllen Bücher über Gender-Identitäten ganze Bibliotheken, und dann macht so eine einfache Definition alles klar. Und wo wir schon mitten im Diskurs sind: Neuer Nick neues Glück hat bei der Ansichtssache "SlutWalk der Botschaften" auch was zu bieten:

"Feminismus = Faschismus.
Ich warte nur noch darauf, dass die ersten Feministinnen die Nürnberger Gendergesetze zur Endlösung vorlegen."

Und schon stoßen wir auf ein neues Minenfeld voller komplizierter Begriffe vor, die einem bei der geringsten Berührung ins Gesicht springen. Endlösung, Faschismus, Wiederbetätigung ... was bedeutet "Wiederbetätigung" noch mal schnell? i.packs.net weiß die Antwort:

"Es GIBT KEINE GEFAHR DURCH PASSIV-RAUCHEN!
HimmelarschundZwirn!
Nachlesen, wer diesen Begriff erfunden hat und auf wessen allerhöchsten Befehl, und warum er sich unter Androhung von kz merkwürdiger weise dazu entschlossen hat diesen humbug mitzumachen.
Wer von "Gefahr durch Passivrauch" redet, verstößt objektiv gegen das Verbot der Wiederbetätigung."

Ach, darum geht's dabei, da haben wir bislang alle etwas missverstanden. Bis dann zum Glück diese Erklärung bei einer Buchrezension über "Das tödlichste Ding der Welt" (gemeint ist die Zigarette) nachgereicht wurde - ein Thema, bei dem i.packs.net generell ziemlich in die Gänge kommt. Und schon geht es weiter mit enzyklopädischem Hintergrundwissen, das in der Wikipedia nicht zu finden ist. Dieser sogenannte "Arabische Frühling", von dem seit letztem Jahr plötzlich alle reden, worum geht's dabei? Und wer waren diese vielen demonstrierenden Leute, die man/frau dauernd in der Glotze sehen musste, wenn der Wegzappfinger nicht schnell genug gezuckt hat? Daniel Schmid 666 verrät es bei "Mehr als eine Million auf der Straße":

"es sind affen! die essen wahrscheinlich auch einfach ihr puh puh oder sich gegenseitig oder was... affig"

Unversehens sind wir damit bei der größten aller Fragen gelandet, nämlich der nach dem Wesen des Menschen. Unter einem Interview mit dem Tractatus-Preisträger Norbert Bolz ("Wider die Gefälligkeit") hat ein hiesiger Greis eine interessante Antwort gefunden, die - damit wir uns nicht missverstehen - nicht gelöscht wurde und deren letzter Satz noch lange nachklingt:

"Philosophie ist ja eine sog. brotlose Kunst und das sieht man deutlich an dem Herrn Seethaler (s. Internet), der ist auch Philosoph und klebt an alle Straßenbahnhaltestellen Zettelchen mit Gedichten drauf. Die Philosophie hat es ja nicht geschafft, eine Theorie zu aufzustellen, warum der Mensch Maschinen bauen will, die ihm schließlich total ähnlich sind, bis sie ihn ersetzen. Diese Philosophie hat damals "Club of Rome" geheissen, aber es waren nur Berichte an den Club of Rome, die gesammelt wurden und nie ist etwas dabei heraus gekommen. Und mit einer solchen Philosophie will man heute dem Islam entgegen treten, weil man glaubt, man hat die Kirche geistig schon geschafft. In Wirklichkeit ist die Menschheit eine geistige Diskothek."

(ZensorIn, derStandard.at, 2.5.2012)

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