Ein weißes und ein blaues Meer

Mit dem Hausboot auf den Kanälen und dem Fahrrad in Richtung Küste zur Karibik der Bretagne - den Glénan-Inseln

Ein paar Schiffe schaukeln am Morgen im Hafenbecken von Redon. Der Parkplatz am Hafen ist verlassen, kaum eine Menschenseele zu sehn. Matthiew Love schließt pfeifend und gut gelaunt das Büro der Bootsvermietung Locaboat auf. Er klettert auf das im Hafen liegende Hausboot, schaut nach dem Rechten und bringt Fahrräder an Bord.

Die Kapitäne der nächsten Stunden kommen aus Bonn, Aschaffenburg und Berlin und sind auf Entdeckungstour in der Bretagne unterwegs. Matthiew Love geht mit an Bord, gibt eine kurze Einweisung und macht die Leinen los. Sie passieren den Hafen durch eine Schleuse, lassen die südbretonische Stadt Redon hinter sich und sind nach wenigen Minuten mitten in der Natur. Josef Pömmerl übernimmt als Erster das Steuer. "Fast ein bisschen wie Autofahren, nur viel langsamer", sagt der Franke und ist erstaunt, wie leicht sich das Boot fahren lässt. Der Tourguide steht ihm zur Seite und achtet darauf, dass der Freizeitkapitän auf Kurs bleibt.

Der gebürtige Engländer aus Devin hat seiner Heimat vor zehn Jahren den Rücken gekehrt. "80 Prozent des Jahres Regen waren Grund genug, um wegzugehen", sagt der 37-Jährige. Das angeblich unbeständige nasskalte Wetter in der Bretagne sei nur ein Vorurteil. Nach dem Prinzip "Learning by doing" wurde aus dem gelernten Krankenpfleger ein Schiffsmechaniker und Tourenbegleiter. "Das Klima ist angenehm, die Leute sind freundlich und die Landschaft wunderbar", sagt der zweifache Vater, der hier auch seine große Liebe fand. Den Kanal von Nantes nach Brest, der sich von Süden nach Norden durch die Bretagne zieht, kennt er wie seine Westentasche.

Der Hafen von Redon, wo die Flüsse Oust und Vilaine zusammenfließen, entwickelte sich schon im Mittelalter zum Handelshafen. Seine Blüte erlebte er aber erst mit der künstlichen Wasserstraße des Kanals Nantes- Brest. Der Abschnitt Nantes-Redon wurde bereits 1833 für die Schifffahrt freigegeben, der gesamte Kanal 1842. Die Wasserstraße durch die Bretagne war ein Herzenswunsch Napoleons. Seitdem die Briten 1805 bei Trafalgar gesiegt hatten, kontrollierten sie auch die Gewässer vor der Bretagne, sodass den Hafenstädten Engpässe drohten. Die Kanäle dienten dem Transport von landwirtschaftlichen Gütern, von Baumaterialien wie Holz für die Schiffswerften in Brest und Schiefer aus dem Anjou. Mit dem Abzug der Engländer, den verbesserten Straßen und dem Eisenbahnverkehr ging der Verkehr auf dem Kanal zurück. Die Beschlagnahmung und Zerstörung der letzten Lastkähne im Zweiten Weltkrieg beendeten schließlich den Transport auf dem Wasser. Heute erleben der Hafen als Liegeplatz von Hausbooten und der Kanal als beliebte Strecke für Freizeitkapitäne eine Renaissance. Vom Bahnhof zu den Quais sind es zudem nur wenige Gehminuten.

Land der Sagen

Abseits der Straßen tuckert das Hausboot einmal auf graden, einmal auf sich durch die Landschaft schlängelnden Abschnitten entlang - vorbei an Seerosen und mit Platanen, riesigen Kiefern, Tannen und üppigen Farnen gesäumten Ufern. Ein Höhepunkt der Strecke ist die Île aux Pies, auf der Elstern gerne ihre Nester bauen. Auf Höhe der kleinen Insel ragen am Ufer bis zu 50 Meter hohe Granitwände gen Himmel, bevor der schmale kurvenreiche Fluss Aff Richtung Norden abzweigt.

"Das ist einer der schönsten Wasserwege überhaupt", erklärt der Tourguide. Besonders beliebt sei die Fahrt durch das Land der Sagen um den Zauberer Merlin und die Fee Viviane bis zum Schloss Josselin, dessen 600 Jahre alte Türme sich majestätisch im Wasser spiegeln. Wer die Gegend auch auf dem Landweg erkunden will, sollte vom Boot auf das Fahrrad umsteigen und auf den ehemaligen Treidelpfaden, auf denen früher Pferde die Boote zogen, am Kanal entlangfahren. Unweit davon lohnen historische Schlösser einen Abstecher. Viele bieten Privatunterkünfte und heißen Radfahrer willkommen. Die Radwege in der Bretagne, die grünen Routen, sind insgesamt über 800 Kilometer lang und werden ständig erweitert.

Die kleine Reisegruppe beendet ihre Bootsfahrt nach etwa drei Stunden im Hafen von La Gacilly. Im Restaurant Les Enfants Gat'Thés erwartet sie schon die Inhaberin und Köchin Caroline Le Douaron. Auf der Terrasse des ehemaligen Priesterhauses serviert sie Tabulé mit Thunfisch und Hanf, Rind mit Cidre und Tiramisu mit Äpfeln. "Wir verwenden nur Bio- und regionale Produkte", sagt die Köchin, die ihren Gästen gerne mit ungewöhnlichen Kreationen eine Freude macht und damit erfolgreich ist.

Gestärkt schlendert die kleine Reisegruppe durch das mit Blumen geschmückte Dorf, in dem viele Maler, Bildhauer, Glasbläser und andere Kunsthandwerker vertreten sind. Auf Bioqualität setzt auch das Kosmetikunternehmen Yves Rocher, das in La Gacilly seinen Sitz hat. Auf den Feldern der Umgebung wachsen Salbei, Kamille und andere Zutaten der Cremes und Pflegeöle. Der Firmengründer Yves Rocher, der mit einer Heilcreme nach der Rezeptur einer Bekannten aus dem Nachbarort begann, ist in Gacilly geboren und war 46 Jahre Bürgermeister der Gemeinde.

Nach seinem Tod vor zwei Jahren führen seine Söhne das Familienunternehmen weiter. Seine Vision, ein Hotel zu errichten, das sich in die Landschaft einfügt und auf einem nachhaltigen ökologischen Konzept basiert, konnte er noch verwirklichen. In dem lichten und modernen La Grée des Landes, Yves Rocher Ökohotel und Spa, wurden ausschließlich ökologischen Baumaterialien verwendet. Ein umweltfreundliches Energie- und Abfallsystem gehört zum Konzept, und der eigene Obst- und Gemüsegarten liefert die Zutaten für die feine regionale Küche. Vor den Zimmern und dem Spa-Bereich erstreckt sich ein riesiger Garten, der in die weite Landschaft übergeht.

Die Entdeckungstour neigt sich dem Ende zu, aber einen Abstecher ans Meer lassen sich die Reisenden nicht entgehen. Die Fahrt dauert nicht lange, schließlich ist kein Ort im Landesinneren mehr als 100 Kilometer von der Küste entfernt. In der Bucht von Concarneau geht es vom Badeort Fouesnant mit dem Boot weiter nach Saint-Nicolas, der größten der Glénan-Inseln.

Nach einer Stunde Überfahrt tauchen die ersten der insgesamt zwölf Inseln auf. Türkisblaues Meer, angeblich das klarste Wasser der Bretagne, weiße Sandstrände und Sandbänke, die bei Ebbe die Inseln verbinden und zum Baden einladen. So kommt man beispielsweise nur dann von der Insel Bananec nach Saint-Nicolas, und zwar über den freigelegten Strand Tombolo. "Paradiesisch, es ist wie in der Karibik", sagt Uta Linnert staunend. Der Name der Inselgruppe entstammt einem bretonischen Wort, das "klar" bedeutet.

Kein Auto, kein Hotel, kein Campingplatz stören die Stille dieser Naturschönheiten. Lebhaftes Treiben herrscht nur am Anleger in zwei einfachen Restaurants, die auch von der Politprominenz Frankreichs gern besucht werden. Von Juni bis September fahren täglich zwei Schiffe zu den Inseln und zurück. Frei von jeder Verschmutzung besitzt der Archipel ein reichhaltiges Ökosystem, das seit 1973 unter Naturschutz steht. Taucher wissen die bunte Unterwasserwelt zu schätzen, Segelfans genießen das glitzernde Meer an der Oberfläche.

Eine einmalige Pflanze haben die Inseln ebenfalls zu bieten: die weiß blühende geruchlose Glénan-Narzisse. Seit sie in den 1950er Jahren vom Aussterben bedroht war, gibt es auf Saint-Nicolas für sie ein eigenes Naturschutzgebiet. Im Frühjahr verwandeln die Blüten die große Wiese in ein weißes Meer. In diesem kleinen friedlichen Paradies freunden sich die Besucher sogar mit Riesenhaien an. Denn trotz seiner Länge von bis zu sieben Metern ernährt sich der harmlose Fisch nur von Plankton. (Katja Gartz, Album, DER STANDARD, 28.4.2012)

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