Gottes Unterschrift und Schönborns Notlüge

Blog30. April 2012, 10:40
270 Postings

Vor einem Jahr wurde Johannes Paul II. nach einem Eilzugsverfahren selig gesprochen

Das Datum 1. Mai erinnert daran, dass vor einem Jahr an diesem Tag Johannes Paul II. nach einem Eilzugsverfahren selig gesprochen wurde. Wozu die damalige Hast? Bekanntlich wird ein Verstorbener ja nicht durch die kirchliche Erklärung (quasi als Änderung des Jenseitsstatus per päpstliches Dekret) selig oder heilig - er ist es schon (oder eben auch nicht). Durch das Verfahren möchte die Kirche ihren Gläubigen lediglich Gewissheit darüber verschaffen, dass es auch wirklich so ist. Ein Versuch, amtliche Garantien zu vermitteln, wo es keine letzten Sicherheiten gibt - da ist natürlich immer auch ein wenig Hybris dabei. Weil die eigene Autorität offensichtlich nicht genug Nachdruck verleiht, verlangt man in dem Prozess auch ein Wunder, die "Unterschrift des Himmels", wie es auch Kardinal Schönborn immer noch gerne betont. Unterschriften sind freilich nicht immer verlässlich, das wissen wir schon seit den Mitteilungsheften unserer Schulzeit.

Johannes Paul II. hat in seiner Amtszeit mehr Menschen zu den Ehren der Altäre erhoben (1.339 Selig-, 482 Heiligsprechungen) als alle seine Vorgänger zusammen, Wunderanerkennungen inklusive. Dass es für einen Sachverhalt keine rationale oder wissenschaftliche Erklärung gibt, ist allerdings immer nur - wie im Blog zur Seligen Burjan ausgeführt - ein vorläufiger Befund. Beweisen lässt sich so gar nichts. Der Wiener Kirchenrechtsprofessor Bruno Primetshofer hat zudem auf eine weitere Fragwürdigkeit hingewiesen: Die Seligsprechungsprozesse folgen nämlich dem Muster der historisch überwunden geglaubten Gottesurteile, der sogenannten Ordalien. Diese waren teilweise schon im Alten Testament, aber auch in germanischen Rechtskreisen Bestandteil der Strafprozesse (nicht jedoch im antiken Rom).

Primetshofer bringt auch ein paar historische Beispiele: "So z. B. das Feuerordal, dem zufolge der Beschuldigte in der bloßen Hand ein Stück glühenden Eisens über neun Schritte tragen oder barfuß über neun glühende Pflugscharen schreiten musste. Das letztgenannte Ordal kam insbesondere gegenüber Frauen zur Anwendung, die des Ehebruchs beschuldigt wurden. Derselbe Gedanke lag dem sog. Kesselfang zugrunde. Hierbei musste eine Münze, ein Ring oder ein Kieselstein mit der bloßen Hand aus einem Kessel siedenden Wassers geholt werden. Wenn der (die) Beschuldigte sich entweder überhaupt nicht verbrannte, oder wenn die Wunden wenigstens innerhalb einer bestimmten Zeit verheilten, war die Unschuld erwiesen; andernfalls erfolgte die Verurteilung."

Die Kirche versuchte, so Primetshofers Analyse, die Ordalien zumindest abzumildern: "So wurde u. a. das Kreuzordal eingeführt (iudicium crucis, stare ad crucem), wonach die Probanden oder deren Vertreter mit ausgestreckten Armen an einem Kreuz stehen mussten. Wer zuerst die Arme sinken ließ, war unterlegen." Schließlich war es aber das Verdienst des vierten Laterankonzils 1215 und des Papstes Honorius III. (1225), Gottesurteile unter Androhung von Kirchenstrafen zu verbieten, "wobei der Papst auch eine logische und theologisch einleuchtende Begründung für dieses Verbot liefert. Vielfach seien nämlich aufgrund von Ordalien Unschuldige verurteilt worden und überdies scheine darin eine Versuchung Gottes enthalten zu sein" (Primetshofer).

Der Versuch, "allfälligen Unzulänglichkeiten des vorher geführten Prozessverfahrens um den Tugendgrad des Kandidaten" quasi durch eine Unterschrift Gottes eine übernatürliche Sicherheit zu geben, ist einfach unzulänglich. Das Fazit des Kirchenrechtlers: "Die Kirche wäre im anstehenden Fragenbereich gut beraten, letzte Reste archaisch anmutender Rechtsformen zu beseitigen und sich mit theologisch und juristisch eindeutig nachvollziehbaren Verfahrensformen und -schritten zu begnügen." 

Genau das wollte man freilich im Falle Johannes Pauls II. mit Sicherheit nicht. Ein korrektes Verfahren muss nämlich auch prüfen, welche Gründe gegen eine Seligsprechung vorliegen. Zu Recht wurde schon damals kritisiert, dass durch ein beschleunigtes Verfahren die Verantwortung des polnischen Papstes in der Missbrauchsaffäre überdeckt werden soll. Der Status eines Seligen soll ihm offensichtlich Immunität gegen Vorwürfe verschaffen.

Kardinal Schönborn verteidigte jedoch in einem Interview mit dem "Profil" die Vorgangsweise: "Ich meine nicht, dass sich die Verantwortlichen der zuständigen Vatikanischen Kongregation die Sache leicht gemacht haben." Die mildeste Interpretation dafür ist, dass es sich dabei um eine kleine Notlüge gehandelt hat. Denn der Wiener Kardinal braucht keinen Zugang zu den diesbezüglich gesperrten Archiven des Vatikans. Er war selbst Augen- und Ohrenzeuge dafür, wie Johannes Paul II. noch immer von Sanktionen gegen Groer Abstand nahm, als alle Fakten über die Verfehlungen von Schönborns Vorgänger schon auf dem päpstliche Schreibtisch lagen. 

Viel lieber wird aber dazu in Rom die Wahrheit weiterhin niedergehalten und sehnsüchtig auf ein zweites Wunder, ein weiteres "Gottesurteil" gewartet, um auf die Seligsprechung bald die Heiligsprechung folgen zu lassen.

Trotzdem oder gerade deswegen gilt weiterhin: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

Autor

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die kleinere Sünde" (Czernin-Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche

  • Unterschriften sind  nicht immer  verlässlich, das  wissen wir schon seit den Mitteilungsheften unserer Schulzeit.
    foto: derstandard.at

    Unterschriften sind nicht immer verlässlich, das wissen wir schon seit den Mitteilungsheften unserer Schulzeit.

Share if you care.