Tochter und Anwalt der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko fürchten um deren Leben
Mit Jewgenija Timoschenko und Sergej Wlasenko sprach Nina Jeglinski in Charkiw.
STANDARD: Wie weit will Julia Timoschenko mit dem Hungerstreik gehen?
Timoschenko: Ich habe meine Mutter bereits vor ein paar Tagen gebeten, mit dem Hungersteik aufzuhören. Meine Befürchtung ist, dass man sie zwangsernährt und es dabei zu unvorhersehbaren Zwischenfällen kommt.
STANDARD: Will Präsident Janukowitsch seine Hauptrivalin physisch zerstören?
Wlasenko: Er tut es bereits. Meine Mandantin erhält seit November keine medizinische Versorgung. Der Berliner Charité-Chef Professor Karl Max Einhäupl sagte, ihre Verletzungen seien teilweise bereits chronisch. Janukowitsch will sie nicht töten, aber ich habe das Gefühl, es gibt dort Leute, die Spaß daran haben, sie zu traktieren und zu quälen.
STANDARD: Denken Sie nicht, dass der Druck auf die ukrainische Regierung mittlerweile so groß geworden ist, dass sie einlenken muss?
Timoschenko: Wenn Präsident Janukowitsch bis zum Start der EURO 2012 nicht einlenkt, wäre er während des Turniers komplett isoliert. Vielleicht ist das seine Taktik, dass er sich vollends vom Westen abwenden will. Das wäre allerdings ein sehr schlechtes Vorzeichen für die Parlamentswahlen im Oktober. Dann gäbe es keine freien Wahlen.
STANDARD: Sie haben immer wieder gesagt, das Leben Ihrer Mutter sei in Gefahr. Wird es so weit kommen?
Timoschenko: Keiner weiß, was meiner Mutter in der Zelle noch zustoßen kann. Vor allem an Feiertagen - bei uns sind jetzt Maiferien. In der Vergangenheit passierten an solchen Tagen regelmäßig sogenannte Unfälle.
Wlasenko: Seit ein paar Tagen hat Julia Timoschenko zwei neue Zimmergenossinnen. Eine ist gar nicht vorbestraft. Wer sie geschickt hat und welche Aufgabe sie erledigen soll, ist unklar.
STANDARD: Wie haben Sie Ihre Mutter erlebt nach dem Vorfall vor einer Woche? Damals wurde sie unter Anwendung von Gewalt gegen ihren Willen in das staatliche "Krankenhaus des Eisenbahners" verlegt.
Timoschenko: Ich sah sie vier Tage nach dem Übergriff. Es fiel ihr nicht leicht, darüber zu sprechen, weil sie uns als Familie schützen will. Allerdings sah ich, wie sie ein paar Mal zitterte. Ich denke, es kam nicht nur vom Hungerstreik.
STANDARD: Was passierte am 20. April?
Timoschenko: Bevor die Unbekannten in die Zelle kamen, wurde die Etage von allen anderen Häftlingen geleert, auch die Frau, die bis dahin die Zelle mit meiner Mutter teilte, ist seither verschwunden. Mama wusste, dass die drei Männer, die an ihr Bett traten, keine guten Absichten hatten. Sie teilten ihr mit, sie sollten sie ins Krankenhaus bringen. Daraus entwickelte sich eine verbale und tätliche Auseinandersetzung. Meine Mutter wurde zutiefst gedemütigt. Drei Männer gegen eine Frau, das ist in jedem Fall unfair. Es gab keine Zeugen.
STANDARD: Nachdem der Übergriff und Hungerstreik zu heftigen internationalen Protesten geführt hat, erlebte die Ukraine am Freitag mehrere Bombenexplosionen in der Heimatstadt Timoschenkos. Steht das im Zusammenhang mit dem Fall Timoschenko?
Wlasenko: Mein Gefühl sagt mir: Das sind keine Zufälle. Ich habe dafür zwar keine Beweise, aber der internationale Druck auf die Führung in Kiew ist innerhalb weniger Tage extrem gestiegen. Wenn die Explosionen von Dnjepropetrowsk tatsächlich in Zusammenhang mit der Lage Timoschenkos stehen, hat das Regime Janukowitsch allen Kredit verspielt.
STANDARD: Die deutschen Ärzte haben festgestellt, dass Julia Timoschenko verhandlungsunfähig ist. Der zweite Prozess, der derzeit gegen sie läuft, wurde am Samstag vertagt, weil das Gericht nun selbst den Gesundheitszustand Timoschenkos überprüfen will. Wann rechnen Sie mit einem Urteil?
Wlasenko: Sie wollen das Urteil möglichst noch vor Beginn der EURO 2012 (8. Juni, Anm.), aber das wird schwer einzuhalten sein. (Nina Jeglinski, DER STANDARD, 30.4.2012)
Jewgenija Timoschenko (32) ist das einzige Kind Julia
Timoschenkos. Sie studierte in England und hat einen Abschluss der
London School of Economics.
Sergej Wlasenko (43) ist Anwalt und Parlamentsabgeordneter. Er stammt aus dem westukrainischen Lwiw (Lemberg).
