Bildungspolitik auf Oberösterreichisch

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Anmerkungen zu jüngsten Reformvorschlägen führender Funktionäre der ÖVP-Landespolitik zu PISA-Test und Lehramtsdebatte, Kategorie "grober Unfug"

Lange Zeit hindurch konnte man aus Oberösterreich vernünftige Ideen zur Bildungspolitik hören. Seit kurzem scheint es damit vorbei zu sein: Zuerst erklärt der Landeshauptmann, dass er sich vorstellen könne, dass das Pisa-Ergebnis auch in Schulnoten einfließen sollte. Und dann erklärt der amtsführende Landesschulratspräsident, dass man aus der Einstellung der Lehramtsstudien an der Technischen Universität Wien schließen könne, dass die Universitäten sowieso nicht an der Lehrerausbildung interessiert seien und man daher die gesamte Lehrerausbildung an die Pädagogischen Hochschulen verlegen sollte. Beide Äußerungen sind - milde gesagt - grober Unfug.

Zunächst einmal zum Thema Pisa und Schulnoten: Am Pisa-Test nehmen immer nur die Schüler eines einzigen Geburtenjahrgangs teil, und zwar auch nicht der ganze Jahrgang, sondern weniger als zehn Prozent der Schüler dieses Jahrgangs. Sollen für die Pisa-getesteten Schüler (eine verhältnismäßig kleine Gruppe) bei der Benotung andere Spielregeln gelten als für alle anderen Schüler? Oder sollte besser ein führender Politiker, bevor er Vorschläge zur Bildungspolitik macht, mit Fachleuten reden, damit er es vermeidet, absoluten Unsinn zu verzapfen?

Zum Thema Lehrerausbildung zunächst ein paar Zahlen: Es gibt in Österreich ungefähr 17.000 Lehramtsstudierende an Universitäten und 11. 000 Lehramtsstudierende an Pädagogischen Hochschulen. Alleine an der Universität Wien gibt es 10.000 Lehramtsstudierende (in 26 Studienfächern), die Universität Wien ist damit die größte Lehrerausbildungsinstitution in Österreich. Mehr als zehn Prozent der Studierenden der Universität Wien sind angehende Lehrer, also sind die Lehramtsstudierenden auch innerhalb der Universität Wien eine numerisch durchaus relevante Gruppe.

Die Technische Universität Wien hat 27.000 Studierende, davon studieren knapp 400 in einem Lehramtsstudium (es gibt an der TU fünf Lehramtsfächer). Die Einstellung des Lehramtsstudiums an der TU Wien betrifft also knapp vier Prozent aller Lehramtsstudierenden an Universitäten und 1,5 Prozent der Studierenden der TU Wien.

Aktion "Umfärben"?

Eine einzelne Universität, die TU Wien, hat also beschlossen, aus finanziellen Nöten einen winzig kleinen Teil ihres Studienprogramms, der noch dazu nicht zu ihren öffentlich wahrgenommenen Kernkompetenzen gehört, einzustellen. Daraus zu schließen, dass "die Universitäten" kein Interesse an der Lehrerausbildung haben, liefert Hinweise auf mangelndes Sachverständnis beim Umgang mit Zahlen. Dieses Sachverständnis ist übrigens eine der zentralen Kompetenzen, die beim Pisa-Test überprüft werden.

Als gelernter Österreicher kommt man übrigens noch auf eine weitere Idee. An einigen PHs (zum Beispiel in Wien und in Oberösterreich) steht die Neubesetzung der Rektorate an. Wenn man mit aufmerksamen Beobachtern spricht, dann hört man öfters das Wort "umfärben". Es geht also in den Personaldiskussionen wieder einmal um die Parteizugehörigkeit. Als Österreicher weiß man um den viel zu großen Einfluss von Parteipolitik im Schulwesen. Diesen unmittelbaren Zugriff der Politik in Personalfragen gibt es in der Lehrerausbildung an den Universitäten nicht.

Stecken also beim Wunsch von Politikern (aus welcher Partei auch immer) nach einer kompletten Verlagerung der Lehrerausbildung an die Pädagogischen Hochschulen vielleicht Begehrlichkeiten auf einen unmittelbareren Zugriff bei der Personalauswahl in der Lehrerbildung? (Erich Neuwirth, DER STANDARD, 30.4.2012)

Autor

Erich Neuwirth lehrt Informatik, Statistik und Mathematik an der Universität Wien und war vor seinem Ruhestand Leiter des Fachdidaktik- und Lernforschungszentrums für Informatik.

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