Ohne Stars, aber dafür mit guten Ideen

29. April 2012, 17:53
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Die neunte Ausgabe von Crossing Europe zeigte, dass sich das Linzer Festival zum Event für ein junges Publikum entwickelt hat

Linz - Crossing Europe ist mehr als die Summe seiner Filme. Neben umgänglichen Menschen prägen adäquate Räumlichkeiten seine Atmosphäre. Im Offenen Kulturhaus in Linz zum Beispiel, dem bewährten Anker des neuen, sogenannten "OÖ Kulturquartiers" am OK-Platz, befinden sich nicht nur drei der fünf Kinosäle des Festivals (eine sechste Spielstätte ist heuer im Ursulinenhof gegenüber dazugekommen): Tagsüber wird zwischen den Vorführungen unten im Gastgarten pausiert. Nachts wird das Mediendeck ganz oben zur Partyzone umfunktioniert.

Im und um den wuchtigen grauen Gebäudeblock wimmelte es in den letzten Tagen folglich ganz gewaltig. Trotz kinofeindlichen Sommerausbruchs zur Wochenmitte konnte Festivalleiterin Christine Dollhofer am Sonntag positiv bilanzieren: Gegenüber 19.000 Besuchern im Vorjahr wurden für 2012 rund 21.000 ermittelt.

In den Kinos war schon die Woche über zu merken, dass sich das europäische Filmfestival seit seinem Start 2004 ein treues internationales und lokales Publikum erarbeitet hat. Dabei wurden im Wesentlichen keine inhaltlichen Zugeständnisse gemacht: Zwar gab es Filme wie This Ain't California, der großartiges Archivmaterial über die Skaterszene der DDR geradezu fahrlässig auffrisiert.

Es fanden sich aber auch sympathischere Feelgoodmovies wie die Romanze-am-Rockfestival You Instead von David Mackenzie. Oder wie Sound It Out, Jeanie Finlays liebevolle Beobachtung eines britischen Schallplattenladens und seiner vinylsüchtigen Kunden.

Umgekehrt stellte der ungebrochene Zulauf zu spröden, komplexen oder anderswie fordernden Arbeiten unter Beweis, dass auch solche Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme gesehen werden wollen und dass dieses Interesse im Verleihbetrieb womöglich doch unterschätzt wird.

Treffsichere Preise

Die Preisträger spiegeln diese Mischung wieder: Den Hauptpreis etwa erhielt das raue polnische Gesellschaftsdrama Z daleka widok jest piekny / It Looks Pretty from A Distance von Anka und Wilhelm Sasnal. Der Film fasst seine Geschichte in wenige Worte und umso deutlichere Bilder. Er spielt in einem heruntergekommenen Dorf, dessen Bewohner vor allem durch Neid und Bosheit verbunden sind. Kleine Buben zischen als böse Vorboten auf ihren Fahrrädern durchs Geschehen. Das plötzliche Verschwinden eines jungen Mannes zieht drastische Reaktionen nach sich.

Den Publikumspreis erhielt die britische Gay-Love-Story Weekend von Andrew Haigh. Produktionen aus Großbritannien schaffen es ohne Stars oder leicht verkäufliche Themen nur noch selten in den regulären Spielbetrieb. Ähnliches gilt fürs skandinavische Kino, das neben Lars von Trier noch über andere, spannende Autoren verfügt. Darunter Joachim Trier, der mit seinem dänischen Landsmann nicht verwandt ist und in Norwegen arbeitet.

Fünf Jahre vergingen seit seinem viel beachteten Debüt Reprise, nun erzählt Oslo, 31. August von einem jungen Mann, der in seinem Dasein keinen Sinn mehr erkennen kann. Anders war drogensüchtig, jetzt ist er clean und sucht an einem Sommertag in Oslo Freunde von früher auf. Trier inszeniert eine Serie von Begegnungen und Gesprächen, an denen sein Protagonist nur äußerlich Anteil nimmt. Ein wenig wirkt er schon wie ein Geist, der manchmal in Unschärfen verschwindet.

Schickes Milieu

Der Trick des Films - er basiert auf derselben Vorlage von Pierre Drieu La Rochelle wie Louis Malles Das Irrlicht: Hier wird ein größerer Gesellschaftsausschnitt vermessen. Banales wie Triftigeres entfaltet durch den Blick eines möglichen Selbstmörders plötzlich eine seltsame Intensität. Erneut reflektiert Trier Lebensmodelle und -phasen. Das hip-urbane Milieu des Films scheint eher durch schicke Interieurs als durch Erfahrungen zusammengehalten zu werden.

Auch Ruben Östlunds Play ist ein Gesellschaftsstück, ein Relevanzfilm, allerdings einer der raffinierten Sorte. Im Mittelpunkt stehen halbwüchsige schwarze Teenager, die sich mit manipulativen Spielen die Zeit vertreiben. Sie verwickeln ein paar weiße Jungs in Gängeleien, indem sie behaupten, diese seien im Besitz gestohlener Mobiltelefone. Daraus entstehen gruppendynamische Prozesse, die nicht zuletzt deshalb brisant sind, als hier Jugendliche aus Einwandererfamilien die Vorurteile ausagieren, die man ihnen gegenüber gern zum Ausdruck bringt.

Formal ist Östlunds zweiter Langspielfilm angemessen vertrackt gebaut. Die fast immer starren Einstellungen zeigen bevorzugt den Ausschnitt einer Szenerie, sie sind entsprechend unübersichtlich und verstellt. Es gibt keinen Master-Shot, und vieles trägt sich im Off des Bildes zu.

Wo andere Filme solch heikle Sujets oft als bemühte Sozialdramen umsetzen, spitzt Play die Kontraste einer liberalen Wohlstandsgesellschaft zu - bis zum Wutausbruch. Am 2. Mai läuft er als Gastspiel in Wien im Filmmuseum. (Dominik Kamalzadeh, Isabella Reicher/DER STANDARD, 30.4. 2012)

  • Crossing-Europe-Sieger 2012 "It Looks Pretty from A Distance" und "Play", eine Entdeckung aus Schweden.
    foto: xe

    Crossing-Europe-Sieger 2012 "It Looks Pretty from A Distance" und "Play", eine Entdeckung aus Schweden.

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