Der Groschen ist gefallen

Blog28. April 2012, 23:01
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Politik der leeren Stühle bei der Fußball-EM in der Ukraine - In Wien kämpft das Funkhaus um sein Überleben

Der Groschen ist gefallen. Endlich. Auch in Politikerköpfen sickert die Erkenntnis durch: Sport ist nicht nur Brot und Spiele oder ein Mega-Werbeevent. Internationales Hochleistungssporteln bewegt sich nicht im politisch luftleeren Raum. So hat auch die Fußball-EM primär nichts mehr mit einer Frieden fördernden Völkerverbindung zu tun. Es geht ums schiere Geld - sehr viel Geld vor und hinter den Kulissen - und um die Reputation des Gastgeberlandes. EU-Politiker wollen nun im Falle der Ukraine die Notbremse ziehen, ein Exempel statuieren. Wegen Politjustiz und Missachtung der Menschenrechte.

Boykott der Eröffnungsfeier, eine Politik der leeren Stühle ist angesagt. Deutschlands Innenminister denkt öffentlich darüber nach, ebenso EU-Kommissarin Viviane Reding. Den ersten Kick gab Joachim Gauck, der jüngst zum deutschen Bundespräsidenten gekürte Bürgerrechtler. Er sagte seine Teilnahme beim EU-Präsidententreffen in Kiew ab. Begründung: die unzulässige, Menschenrechte verachtende Behandlung der inhaftierten, schwerkranken, früheren Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Deren Tochter Eugenia im O-Ton: "Ohne den Druck der EU wäre meine Mutter nicht mehr am Leben."

Lernprozesse brauchen Zeit

Steter Tropfen höhlt den Stein, Lernprozesse brauchen Zeit. Schon anlässlich der olympischen Sommerspiele in China hatten wir Reporter ohne Grenzen ein Jahr vor der Eröffnung zu einer Politik der leeren Stühle aufgerufen. Als Protest gegen die Missachtung von Menschenrechten und Pressefreiheit in China.

In Peking, vor dem Haus des IOC, des Internationalen Olympischen Komitees, riefen wir 2007 zu einem solchen Boykott auf, zu leeren Ehrentribünen. Bei der Eröffnung der Spiele am 8. August 2008 in Peking war die internationale Politpromi-Bühne natürlich prall besetzt. - Die spinnen ja, die Reporter ohne Grenzen, hieß es damals in internationalen, politischen Kreisen.

Protest und Verhöre in China

Der chinesische Sicherheitsapparat hingegen nahm uns ernst, sehr ernst. Einiges nach Mitternacht, suchten uns Beamte im Viererteam in unseren Hotelzimmern auf. Einzelverhöre waren angesagt. Alles sehr höflich und keineswegs vergleichbar mit Verhören von inländischen Unliebsamen. Angenehm war dieser nächtliche Besuch trotzdem nicht und ich gestehe gerne damals in mir aufkommende Angst. Schließlich wurden wir mit Blaulicht zum Flughafen Peking eskortiert und gesondert in die Rückreisemaschine gesetzt.

Angst führt zu Selbstzensur

Heute geht es in der Ukraine um eine prominente Politikerin. Das ist gut so. Dennoch sollten wir darüber nicht die prekären Lebens- und Arbeitsumstände dortiger Medienmenschen vergessen. Zensur macht stumm, Angst führt zu Selbstzensur. Auf dem Pressefreiheits-Index von Reporter ohne Grenzen steht die Ukraine auf Platz 116 von insgesamt 179 analysierten Staaten.

Die Situation hat sich zwar, verglichen mit dem Vorjahr, verbessert. Doch noch immer bleiben Journalistenmorde ungeklärt und ungesühnt. Noch immer ist der Mord an dem Regierungskritiker Gregori Gongadze - Gogandze war im Herbst 2000 enthauptet und säureverätzt in einem Wald aufgefunden worden - nicht aufgeklärt. Vielleicht, weil vieles darauf hinweist, das der damalige Präsident Leonid Kutschma verwickelt gewesen dürfte?

Fall Gongadze nicht aufgeklärt

Nach dem jüngsten Regierungswechsel wurde im vergangenen Jahr das Strafverfahren gegen ihn eingestellt. Gongadzes Witwe Myrislava, die mit ihren Kindern in den USA Asyl gefunden hatte, kämpft von dort aus für die Aufklärung des Mordes an ihrem Mann weiter. Könnte nicht auch der Fall Gongadze von EU-Politikern thematisiert werden?

Sport und Menschenrechte

Es ist nicht nur eine Frage politischer Kultur und Bildung, bei Menschenrechtsverletzungen hinzuschauen oder wegzusehen. Bei der Formel 1 in Bahrein spielten ausschließlich Geld, Image und das noble Hobby Autosport eine Rolle. Was, fragten die betuchten Beteiligten, hat unser Sport mit Menschenrechten zu tun?

Kultur und Bildung "Daheim"

Kultur und Bildung beginnt bekanntlich im "Daheim"-Staat. Wenn dort Kulturbewusstsein und historische Bildung selbst bei Führungspersonen und in kommerzfixierten Managerkreisen flöten gehen, ist das kein gutes Zeichen für den Gesamtzustand eines Landes. Stichwort: das denkmalgeschützte ORF-Funkhaus.

"Trauriger Sonntag"

Heute zitierte dort Cornelius Obonya im Ö1-Klassik-Treffpunkt aus Hermann Leopoldis "Trauriger Sonntag" ein einstiges Ländermatch zwischen Ungarn und Österreich als Familienfest in Budapest. In der Ukraine werden die Länderspiele anders ausschauen. In den Wiener Schlachthöfen solche Ö1-Treffpunkte anders klingen.

Schon gehört: Eine Unterschriftenliste fordert: "Rettet das Funkhaus". An die 5000 haben bereits online unterschrieben. Zum Überleben braucht das Funkhaus weitaus mehr. Noch ist es nicht zu spät. Damit auch hier der Groschen fällt. (Rubina Möhring, derStandard.at, 28.4.2012)

  • "Freiheit für Julia" forderten am Freitag Unterstützer der früheren Ministerpräsidentin Timoschenko in Kiew.
    foto: epa/sergey dolzhenko

    "Freiheit für Julia" forderten am Freitag Unterstützer der früheren Ministerpräsidentin Timoschenko in Kiew.

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