"Der wilde Mix entspricht meinem Leben"

29. April 2012, 18:28
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Peter Coeln, Gründer des Fotomuseums Westlicht, hält in Wien-Neubau den Open-House-Gedanken hoch

Der Foto-Enthusiast und WestLicht-Museumschef Peter Coeln bewohnt den ersten Stock einer ehemaligen Fabrik im 7. Wiener Bezirk. Michael Hausenblas besuchte ihn.

"Ich wohne jetzt seit 18 Jahren hier. Hier, das heißt in einer ehemaligen Glasfabrik aus dem Jahre 1954. Das Gebäude steht in einem, sagen wir Hinter-Hinter-Hof, wo es extrem ruhig ist. Unter der Wohnung liegt das Fotomuseum WestLicht und daneben der Leica-Shop. Das heißt, ich fahre nicht mit dem Auto, sondern mit dem Lift zur Arbeit. Klar fällt das Abschalten schwerer, wenn man es so nahe zur Arbeit hat. Aber vielleicht will ich auch gar nicht abschalten.

Apropos runterkommen: Direkt an die Wohnung schließt ein 400 Quadratmeter großer, selbst angelegter Dachgarten an. Das entspricht auch ungefähr der Größe der Wohnung. Der Garten mit seinem Wintergarten, den ein altes Industrie-Glashaus überdacht, ist das Herzstück von all dem hier. Der Garten ist wie die Wohnung: wild. Zweimal pro Jahr kommt eine Gärtnerin, das war's. Er muss nur bewässert werden. Den Rest besorgt sich die Natur selbst. Das ist gut so. Nichts würde mich mehr belasten als etwas, das viel Pflege braucht.

Natürlich ist so viel Platz mitten in der Stadt ein wunderbarer Luxus. Den Platz brauche ich auch für all mein Klumpert. Außerdem ist es nicht so, dass ich hier nur wohne. Erstens sind meine beiden schon großen Kinder immer wieder hier, zweitens bewirte ich sehr gern viele Gäste, und drittens finden hier oft Besprechungen mit Mitarbeitern statt. Also ich sperre mich hier nicht ein, und penibel bin ich auch nicht. Dieser Open-house-Gedanke ist mir sehr wichtig. Das ist Teil meines Lebens. Gäste zu haben, also die Kommunikation in einem privaten Raum, ist anders als im Wirtshaus, wobei ich auch ein leidenschaftlicher Wirtshausgeher bin. Außerdem fische ich sehr gern, und wenn ich einen wirklich großen Fisch gefangen habe, gibt's gleich ein Essen für Freunde.

In der Wohnung herrscht kein architektonisches Konzept. Der braune, alte Schiffsboden war ursprünglich Schwarz. Den haben wir 16-mal abgeschliffen. Von den Wänden haben wir den Putz entfernt, und der Rest ist mit der Zeit hereingewachsen. Das war auch alles nicht teuer.

Der wilde Mix aus all den Dingen, der hier herrscht, entspricht meinem Leben. Vieles hab ich ganz zufällig gefunden. Da gibt es zum Beispiel diesen riesigen Tisch mit seinen 22 Sesseln, der einst als Besprechungstisch im Haus der Industrie diente. Ein Freund hat mich angerufen und gemeint, er hätte den perfekten Tisch für mich. Der hätte vielleicht was zu erzählen, wenn er reden könnte! Das englische Motorrad vor dem Bücherregal hab ich aus dem Polytechnischen Museum in Moskau. Völlig absurd. Es ist Baujahr 1914 und war für das russische Grüne Kreuz im Einsatz. Das Bücherregal dahinter musste extra mit einem Kran in die Wohnung gehievt werden. Als Arbeitstisch nütze ich den Vorstandstisch einer schottischen Flugzeugfirma von 1946. Dabei suche ich diese Dinge gar nicht. Sie fliegen mir zu.

Meine Leidenschaft für das Sammeln von Fotografie begann auch auf diese Weise. Genauer gesagt mit einem großen Bild von Tracey Moffatt, das ebenfalls hier hängt. Wir haben es auf der Kunstmesse in Basel entdeckt. Das ist jetzt 18 Jahre her - mein erstes Foto. Mittlerweile ist es eine Ikone der Fotografie, die ich damals für gerade einmal 1500 Dollar gekauft habe. Dabei hab ich Kunst oder Fotos nie spekulativ gekauft. Fotos müssen mich einfach anspringen, so wie all die anderen Dinge. Bei diesem Bild hat sich auch meine Wahrnehmung nie verändert. Das spricht für das Foto. Es ist ein absoluter Fixstern, keine Sternschnuppe.

Ich finde nicht, dass Besitz belastet - nicht in meinem Fall. Diese Dinge sind ja nur Einrichtung, und die Wohnung ist gemietet." (Michael Hausenblas, DER STANDARD, 28./29.4.2012)

Peter Coeln wurde 1954 in Linz geboren. Er studierte Fotografie an der Graphischen Bundes Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Unter anderem eröffnete er 1991 den ersten Leica Shop in Wien, gründete 1994 die Rare Camera Company in London und eröffnete 2001 das Fotomuseum Westlicht in Wien. Er führt das weltweit größte Auktionshaus für Kameras. Am 4. Juni eröffnet die Galerie Ostlicht in der ehemaligen Ankerbrotfabrik und für Ende Juni ist die Eröffnung des Leica-Stores in der Wiener Walfischgasse 1 geplant.

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leicashop.com

westlicht-auction.com

  • "Wenn der reden könnte", sagt Peter Coeln über diesen Tisch, der einst als Konferenztisch im Wiener Haus der Industrie seinen Dienst tat.
    foto: lisi specht

    "Wenn der reden könnte", sagt Peter Coeln über diesen Tisch, der einst als Konferenztisch im Wiener Haus der Industrie seinen Dienst tat.

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