Betreuungsplatz oder Heim: Amtsendbehandlung

Kommentar der anderen27. April 2012, 19:12
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Aufzeichnungen vom Umgang mit Behinderten im sozialen Wien

Ebenso gut hätte es auch mich erwischen können. Aber es war mein zwei Jahre älterer Bruder, den das Schicksal geschlagen hat. Schicksal ... Es gibt kein anderes Wort. - Jürgen kommt gesund zur Welt. Die Welt, das ist ein obersteirisches Dorf, weit hinten im Gebirge. Im Alter von einem halben Jahr erkrankt er. Der Dorfarzt diagnostiziert Lungenentzündung. Die Hirnhautentzündung übersieht er. Es bleibt ein schwerer Gehirnschaden. Dazu Autismus.

Was das für die Mutter heißt? Füttern, anziehen, ausziehen, waschen, Haare schneiden, Nägel schneiden, rasieren, Windeln wechseln, Topf ausleeren, Hintern auswischen. Und das ein halbes Jahrhundert lang. Tag für Tag.

Jürgen spricht nicht, aber immerhin: Er geht. Geht gern und viel. Im Garten haben sich seine immer gleichen Wege tief eingegraben in die Erde. Er geht, abgehoben von der Welt, eingesperrt in sein inneres Gefängnis. Meist ist er übrigens ganz umgänglich. Umarmt seine Geschwister, wenn sie auf Besuch da sind. Lässt sich den Ball zuwerfen. Lacht. Ist dankbar für jeden Spaß.

Freilich, er kann auch wütend werden. Maßlos und abgrundtief. Dann schreit er und stürzt aus dem Zimmer. Zerreißt seine Kleider. Das Schlimmste kommt unerwartet, letzten Herbst: Er schlägt sich. Eines Morgens sieht er nicht mehr aus den Augen, so zugeschwollen sind sie. Und er ist durch nichts davon abzuhalten weiter hinzuschlagen, immer wieder und wieder.

Mit der Rettung nach Graz in die Landesnervenklinik. Dort kommt er in die geschlossene Abteilung, zu den forensischen Patienten, wie es im Fachsprech heißt. (Ist er eigentlich ein Straftäter?) Ratlose Ärzte. Dann Zahnuntersuchung in Vollnarkose, freiwillig macht er den Mund ja nicht auf. Sechs Zähne werden operativ entfernt. Unerträgliche Zahnschmerzen, das war wohl der Grund für die Schläge. Er kann schließlich nicht sagen, dass ihm was wehtut. Damit scheint die Sache abgetan, zurück nach Hause. Die Mutter hat ihn mit den besten Kleidern und Schuhen hingeschickt. Heim kommt er in alten Fetzen. Bloßfüßig. Seine sämtlichen Habseligkeiten sind in der geschlossenen Abteilung verschwunden.

Das Selbstschlagen geht sofort wieder los, nicht weniger schlimm als vorher. Wieder nach Graz. Mit irgendeinem Zeug vollgepumpt wird er nach wenigen Tagen von der Rettung zu Hause abgeliefert. Ohne Schuhe übrigens. Geändert hat sich nichts, die Autoaggressionen sind stärker denn je. Schließlich landet er über unbeschreibliche, kafkaeske Umwege ein drittes Mal in Graz. Habe ich schon erwähnt, dass er nichts mehr isst, nichts mehr trinkt, dass er künstlich über eine Sonde ernährt werden muss?

Das ist die Kurz- und Schonvariante dessen, was meine Angehörigen erlebt und erlitten haben. Genug davon. Aber man sollte einmal davon reden, wie unsere Gesellschaft mit ihren Behinderten umgeht. - Zwei Reaktionsmuster: Erstens bürokratisches Abwimmeln, kaltschnäuziges Wegschieben, sich nicht für zuständig erklären. Zweitens Verständnis, Hilfsbereitschaft. In kaum einem anderen Berufsfeld wird man auf warmherzigere, verständnisvollere Menschen treffen. Die Hilfsbereitschaft ist groß, die tatsächlich geleistete Hilfe gering.

Für Jürgen gibt es nur eine Lösung: von Graz nach Wien. Dort leben wir seit Jahrzehnten, eine Schwester, zwei Brüder. Die einzigen, die sich um ihn kümmern können. Denn Mutter, Stiefvater und Tante - alle zwischen 70 und 80 Jahre alt und keineswegs gesund - können es nicht mehr. Das Neurologische Krankenhaus im 13. Bezirk nimmt Jürgen auf. Ein erster Schritt, damit er seine Krankheit überwinden und einen neuen Platz zum Leben finden kann. Und tatsächlich: Er entschließt sich, wieder zu essen und zu trinken.

Ansonsten ist es in Wien wie in der Steiermark: Zuerst kommen die fix besoldeten Abwimmler. Die Wiener wollen keine Steirer. Behinderung ist Ländersache. Dann kann aber doch ein Antrag gestellt werden. Schließlich gibt es noch Recht und Gesetz.

Das systematische amtliche Abwimmeln hat einen schändlichen Hintergrund: Es gibt keine Plätze! Zwei Jahre ist die Mindestwartezeit für die Unterbringung in einer passenden Wiener Behinderteneinrichtung, im besten Fall. So lautet die allerallerallererste Auskunft, die man beim Fonds Soziales Wien kriegt. - Was macht man eigentlich in der Zwischenzeit? Die junge, verständnisvolle Beraterin schaut betroffen.

Nächster Schritt: Wochen-, monatelang die Institutionen und Vereine aus der FSW-Broschüre abklappern, all die hilfsbereiten Menschen kennen- und schätzen lernen. Überall tiefstes, ehrlichstes Bedauern ernten: kein Platz frei derzeit, auch nicht auf absehbare Zeit, gerne in Evidenz nehmen ...

Aber ja doch, es gibt freie Plätze. Das ungeduldig werdende Krankenhaus empfiehlt wärmstens ein privat geführtes Pflegeheim im Wienerwald. Wir fahren hin. Bei der Besichtigung zuerst Schrecken, dann blankes Entsetzen. Plötzlich wird uns klar, was droht: Endverwahrung bei den Alten, die aufs Sterben warten. Lainzer Versorgungsheim revisited. Wie ein Monument aus grauer Vorzeit. Wir lehnen ab, zuerst höflich, dann immer bestimmter. Das Krankenhaus insistiert. Wie lange werden wir uns dagegen wehren können?

Manchmal frage ich mich, ob all die Landeshauptleute, Landesräte, Stadträte, Bürgermeister, Minister und wer auch immer für diese soziale Schande verantwortlich sein mag, überhaupt wissen, worum es geht? Um es ganz klar zu sagen, hier geht es um die nackte Existenz: Was geschieht mit jenen, die sich nicht selbst helfen können? Wie dürfen sie leben? Dürfen sie leben? (Kurt Bauer, DER STANDARD, 28./29.4.2012)

Kurt Bauer, Historiker, geboren 1961 in St. Peter am Kammersberg in der Steiermark, lebt seit 1983 in Wien.

  • Endstation Lainz: Das geriatrische Versorgungsheim wurde zwar vor Jahren 
geschlossen, der Begriff "Pflegeskandal" ist aber für manche Betroffene immer 
noch von bedrohlicher Aktualität.
    foto: standard/fischer

    Endstation Lainz: Das geriatrische Versorgungsheim wurde zwar vor Jahren geschlossen, der Begriff "Pflegeskandal" ist aber für manche Betroffene immer noch von bedrohlicher Aktualität.

  • Verzweifelter Schritt an die Öffentlichkeit: Kurt Bauer.
    foto: privat

    Verzweifelter Schritt an die Öffentlichkeit: Kurt Bauer.

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