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Endstation Lainz: Das geriatrische Versorgungsheim wurde zwar vor Jahren geschlossen, der Begriff "Pflegeskandal" ist aber für manche Betroffene immer noch von bedrohlicher Aktualität.

Verzweifelter Schritt an die Öffentlichkeit: Kurt Bauer.
Ebenso gut hätte es auch mich erwischen können. Aber es war mein zwei Jahre älterer Bruder, den das Schicksal geschlagen hat. Schicksal ... Es gibt kein anderes Wort. - Jürgen kommt gesund zur Welt. Die Welt, das ist ein obersteirisches Dorf, weit hinten im Gebirge. Im Alter von einem halben Jahr erkrankt er. Der Dorfarzt diagnostiziert Lungenentzündung. Die Hirnhautentzündung übersieht er. Es bleibt ein schwerer Gehirnschaden. Dazu Autismus.
Was das für die Mutter heißt? Füttern, anziehen, ausziehen, waschen, Haare schneiden, Nägel schneiden, rasieren, Windeln wechseln, Topf ausleeren, Hintern auswischen. Und das ein halbes Jahrhundert lang. Tag für Tag.
Jürgen spricht nicht, aber immerhin: Er geht. Geht gern und viel. Im Garten haben sich seine immer gleichen Wege tief eingegraben in die Erde. Er geht, abgehoben von der Welt, eingesperrt in sein inneres Gefängnis. Meist ist er übrigens ganz umgänglich. Umarmt seine Geschwister, wenn sie auf Besuch da sind. Lässt sich den Ball zuwerfen. Lacht. Ist dankbar für jeden Spaß.
Freilich, er kann auch wütend werden. Maßlos und abgrundtief. Dann schreit er und stürzt aus dem Zimmer. Zerreißt seine Kleider. Das Schlimmste kommt unerwartet, letzten Herbst: Er schlägt sich. Eines Morgens sieht er nicht mehr aus den Augen, so zugeschwollen sind sie. Und er ist durch nichts davon abzuhalten weiter hinzuschlagen, immer wieder und wieder.
Mit der Rettung nach Graz in die Landesnervenklinik. Dort kommt er in die geschlossene Abteilung, zu den forensischen Patienten, wie es im Fachsprech heißt. (Ist er eigentlich ein Straftäter?) Ratlose Ärzte. Dann Zahnuntersuchung in Vollnarkose, freiwillig macht er den Mund ja nicht auf. Sechs Zähne werden operativ entfernt. Unerträgliche Zahnschmerzen, das war wohl der Grund für die Schläge. Er kann schließlich nicht sagen, dass ihm was wehtut. Damit scheint die Sache abgetan, zurück nach Hause. Die Mutter hat ihn mit den besten Kleidern und Schuhen hingeschickt. Heim kommt er in alten Fetzen. Bloßfüßig. Seine sämtlichen Habseligkeiten sind in der geschlossenen Abteilung verschwunden.
Das Selbstschlagen geht sofort wieder los, nicht weniger schlimm als vorher. Wieder nach Graz. Mit irgendeinem Zeug vollgepumpt wird er nach wenigen Tagen von der Rettung zu Hause abgeliefert. Ohne Schuhe übrigens. Geändert hat sich nichts, die Autoaggressionen sind stärker denn je. Schließlich landet er über unbeschreibliche, kafkaeske Umwege ein drittes Mal in Graz. Habe ich schon erwähnt, dass er nichts mehr isst, nichts mehr trinkt, dass er künstlich über eine Sonde ernährt werden muss?
Das ist die Kurz- und Schonvariante dessen, was meine Angehörigen erlebt und erlitten haben. Genug davon. Aber man sollte einmal davon reden, wie unsere Gesellschaft mit ihren Behinderten umgeht. - Zwei Reaktionsmuster: Erstens bürokratisches Abwimmeln, kaltschnäuziges Wegschieben, sich nicht für zuständig erklären. Zweitens Verständnis, Hilfsbereitschaft. In kaum einem anderen Berufsfeld wird man auf warmherzigere, verständnisvollere Menschen treffen. Die Hilfsbereitschaft ist groß, die tatsächlich geleistete Hilfe gering.
Für Jürgen gibt es nur eine Lösung: von Graz nach Wien. Dort leben wir seit Jahrzehnten, eine Schwester, zwei Brüder. Die einzigen, die sich um ihn kümmern können. Denn Mutter, Stiefvater und Tante - alle zwischen 70 und 80 Jahre alt und keineswegs gesund - können es nicht mehr. Das Neurologische Krankenhaus im 13. Bezirk nimmt Jürgen auf. Ein erster Schritt, damit er seine Krankheit überwinden und einen neuen Platz zum Leben finden kann. Und tatsächlich: Er entschließt sich, wieder zu essen und zu trinken.
Ansonsten ist es in Wien wie in der Steiermark: Zuerst kommen die fix besoldeten Abwimmler. Die Wiener wollen keine Steirer. Behinderung ist Ländersache. Dann kann aber doch ein Antrag gestellt werden. Schließlich gibt es noch Recht und Gesetz.
Das systematische amtliche Abwimmeln hat einen schändlichen Hintergrund: Es gibt keine Plätze! Zwei Jahre ist die Mindestwartezeit für die Unterbringung in einer passenden Wiener Behinderteneinrichtung, im besten Fall. So lautet die allerallerallererste Auskunft, die man beim Fonds Soziales Wien kriegt. - Was macht man eigentlich in der Zwischenzeit? Die junge, verständnisvolle Beraterin schaut betroffen.
Nächster Schritt: Wochen-, monatelang die Institutionen und Vereine aus der FSW-Broschüre abklappern, all die hilfsbereiten Menschen kennen- und schätzen lernen. Überall tiefstes, ehrlichstes Bedauern ernten: kein Platz frei derzeit, auch nicht auf absehbare Zeit, gerne in Evidenz nehmen ...
Aber ja doch, es gibt freie Plätze. Das ungeduldig werdende Krankenhaus empfiehlt wärmstens ein privat geführtes Pflegeheim im Wienerwald. Wir fahren hin. Bei der Besichtigung zuerst Schrecken, dann blankes Entsetzen. Plötzlich wird uns klar, was droht: Endverwahrung bei den Alten, die aufs Sterben warten. Lainzer Versorgungsheim revisited. Wie ein Monument aus grauer Vorzeit. Wir lehnen ab, zuerst höflich, dann immer bestimmter. Das Krankenhaus insistiert. Wie lange werden wir uns dagegen wehren können?
Manchmal frage ich mich, ob all die Landeshauptleute, Landesräte, Stadträte, Bürgermeister, Minister und wer auch immer für diese soziale Schande verantwortlich sein mag, überhaupt wissen, worum es geht? Um es ganz klar zu sagen, hier geht es um die nackte Existenz: Was geschieht mit jenen, die sich nicht selbst helfen können? Wie dürfen sie leben? Dürfen sie leben? (Kurt Bauer, DER STANDARD, 28./29.4.2012)
Kurt Bauer, Historiker, geboren 1961 in St. Peter am Kammersberg in der Steiermark, lebt seit 1983 in Wien.
Das geschilderte Schicksal ist schrecklich, und koennte mit mehr Geld sicher erleichtert werden.
Aber hat er ein Recht darauf? Sind die Anderen - die Steuerzahler schuld an seinem Schicksal?
Ich glaube nicht. Daher sehe ich nicht ein, weshalb man diese durch hoehere Steuern sie noch mehr berauben sollte.
Reiche zu schroepfen scheint modern zu sein. Dabei sollte man aber auch nicht vergessen, dass viele Leute freiwillig auf ein Einkommen verzichten und damit die Steuerbasis schwaechen: Etwa indem sie laenger studieren, Theaterwissenschaft statt BWL machen,...
Diese Leute stellen ihre Selbstverwirklichung ueber die Moeglichkeit, in Faellen wie hier zu helfen.
Nicht dass ich es fuer falsch hielte - nur sollten sie nicht auf moralisch machen
Schon mal überlegt, dass es auf ein Leben ohne Behinderung kein Monopol gibt? Wie lange würden Sie auf einen „Platz“ in einer adäquaten Einrichtung für Menschen mit Behinderung warten wollen? Ja, es sollte definitiv einen Rechtsanspruch dafür geben…
Wenn Sie ein Recht auf kostenintensive Massnahmen kreieren, dann wird dieses Recht moeglicherweise auch von so Leuten wie mir wahrgenommen werden.
Also: Wieviel waeren Sie bereit zu Zahlen, damit ein Ungustl wie ich betreut wuerde?
hat man den Ländern die Möglichkeit gegeben, Geldmittel vom Bund in die Budgets einzubauen. Die Botschaft der Länder, lautete dabei immer, das Pflegeld wird vom Träger einkassiert, liest man die einzelnen Landesgesetze aufmerksamer durch wird man schnell eines besseren belehrt. Die Einführung des Pflegeldes wurde durch eine Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge um 0,5 % sowie die Abschaffung der damals gültigen Hilflosenzuschüsse, finanziert. Plötzlich war ein Geldtopf von ein paar Milliarden Schillingen vorhanden, auf den alle gierig zugriffen. Gleichzeitig wurden jedoch die Leistungen langsam zurückgefahren. Bis sie vor ein paar Jahren eingefroren wurden.
Ich hätte noch viel zu sagen, aber nun geh ich auf den Balkon.... schönen So
ich hab das selbst erlebt bei meiner Schwester. Mit Metastasen im Kopf ist das Leben sehr sehr beschwerlich: Keine Stimme, Tremor in beiden Armen bis in die Finger, kein selbständiges Gehen mehr möglich... aber klarer Verstand. Nach der Strahlenbehandlung wurde sie - allein wohnend - entlassen. Von einer Rund um die Uhr Pflege war keine Rede.
Die hab ich gemacht. 2 Monate lang Stand by.
Superlustig! Ganz abgesehen, dass die Kommunikation mit Sterbenden auch nicht immer romantisch hinhaut...
Diese Gesellschaft ist den Begriff nicht wert! Haifischbecken wäre schon eher treffend.
Und der Autor der Story soll sich bitte nicht unterkriegen lassen!!!
das Pflegegeld konnte jedoch zum Kostenbeitrag herangezogen werden. Somit war der erste Schritt zur Ausgrenzung von Menschen, und zur Beendigung der Hilfe des Staates - durch Sachleistungen - beginnen. Die Gleichstellung sozialer Dienstleistungen mit unseren Raubkapitalistischen Wirtschaftssystemen hatte begonnen. Kostenträger und Einrichtungsträger, Konsumentenschutz und Juristen, Behindertenvertreter und Gewerkschaften, Gesetzgeber und Medizin, alle fingen an den Bereich Behindertenarbeit neu zu überdenken zu strukturieren und umzubauen. Viel gutes ist geschehen aber auch viel Menschenunwürdiges. Im Prinzip geht es hier um Geldmittel die einerseits aus dem Bund und andereseits vom Land kommen. durch die Einführung des Pflegegeldes
zwischen 1970 und 1990 gab es überdies einen politischen Willen, die soziale Situation stetig zu adaptieren und zu verbessern. Ab Einführung des Pflegegeldgesetzes etwickelte sich immer rascher eine fatale Spirale. Die Gesellschaft entdeckte den Behinderten als KUNDEN. und so wurde er auch immer immer öfter "behandelt" als KUNDE. nun gibt es auch in der GEschäftswelt KUNDEN die wir gerne wollen und solche die wir nicht wollen (siehe auch Werbungseinschaltungen - welche Konsumentenschicht wird angesprochen?) Mahner dieser Entwicklung, wie z.B. Doz. Dr. Berger Neurologisches Krankenhaus, wurden gnadenlos ausgebotet. Es ging schlieslich ums Geschäft. Das Pflegeld ersetzte den Hilflosen- oder den Blindezuschuss, welche nicht pfändbar waren.
ich arbeite seit 1979 in der Behindertenarbeit. Damals waren die Zustände in den "Anstalten" derart katastrophal, dass eine Beschreibung nicht sinnvoll scheint. einerseits durch Personalmangel - die eingekleideten Schwestern und und Nazi Schergen aus den Vernichtungslagern verschwanden langsam in Pension - (wobei ich beide nicht vergleichen wollte) wurden junge Leute (meist aus der Hippyszene) eingesetzt. ein weiterer, positiver Impuls kam aus dem neu eingeführten Zivildienst, der damals noch von Menschen genutzt wurde, die einen gewissen Bildungsstandard hatten. Im Lauf der Jahre wurde die "Szene" VERRECHTLICHT. Arbeitszeitgesetze, Gesundheist Krankenpflegegesetz, Heimaufenthaltsgesezt, Unterbringungsgesetz, wurden immer präsenter.
ich finde es äußerst problematisch, dass man alte und behinderte menschen in ein und derselben institution unterbringt. so unterschiedliche bedürfnisse jeder einzelne hat, desto unvereinbarer erscheint mir eine solche konstellation. wenig verwunderlich wird dann auch ein überfordertes pflegepersonal sein.
Hier wird ganz selbstverständlich von der Allgemeinheit gefordert, dass sie prompt und zuverlässig so etwas wie betreutes Wohnen zur Verfügung stellt.
Eine Forderung, die in meinen Augen sinnvoll ist. Aber eine Forderung, die wie andere sinnvolle Forderungen die den Autor momentan nicht tangieren, Steuergeld kostet.
Und wir haben ja in den letzten Jahrzehnten doch gelernt, dass der Staat sparen muss, dass wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten können, dass mehr privat,weniger Staat gilt, dass die Versorgungsmentalität ein Ende haben muss, dass jeder selbst vorsorgen muss, dass Steuern einheben Diebstahl ist usw.
Wir haben diese Weltansschauung zu unserer Religion gemacht und das ist der Skandal.
P.S.: Warum Wien, nicht Graz?
Du bist zum Kaffeautomaten geworden, zu einem Ding, einen mechanisch und elektronisch funktionierenden Ding.
Es würde genügen, dich in regelmässigen Abständen an eine "Regenerationseinrichtung" anzudocken, Bezahlung für eine Arbeitsleistung ist eigentlich nicht mehr notwendig, wenn du einmal nicht funktionierst, wirst du durch einen neuen "Kaffeeautomaten" ersetzt, das war es.
Das ist die Zukunft der Kaffeeautomaten.
Mensch ist etwas ganz anderes.
Und da muss man wieder die Möglichkeiten in den USA loben: eine Klage gegen den behandelnden Arzt mit Entschädigung in entsprechender Höhe hätte sich ein wenig geholfen.
Könnte der Behinderte nicht bei einem der Geschwister leben und es kommen mobile Krankenpflegerinnen?
Es wird z.B. nicht geschrieben, inwieweit sich die Geschwister einbringen (können). Ein bisschen vage der Bericht.
Ich könnte mir vorstellen, dass durch Reanimationen viele schwer Behinderte entstehen. Vor 20 Jahren wären die alle verstorben.
Könnte es sein, dass die Behindertenbetreuung durch diese zusätzlichen Behinderten überfordert ist ?
Sind Sie jetzt für die Abschaffung der Reanimation, weil dadurch möglicherweise eine Behinderung entstehen könnte? Durch Reanimation werden Leben gerettet! Ist für Sie ein Leben mit Behinderung nicht lebenswert? Ich frage mich, welches Menschenbild verbirgt sich wohl hinter Ihrer Argumentation?
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