"Promis sind auch nur ganz normale Menschen"

Interview27. April 2012, 19:03
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Dompfarrer Toni Faber erzählt, was Partys mit Seelsorge zu tun haben, was ihn sonst treibt und warum er die Pfarrerinitiative für unterstützenswert hält

Standard: Herr Dompfarrer, wir treffen uns im Hotel am Stephansplatz, im Hintergrund der Dom ...

Toni Faber: So schön war die Fassade noch nie. Die Restaurierung hat vier Jahre gedauert. Das Riesentor haben wir vor zehn Jahren gemacht. Das ist schon wieder nachgedunkelt.

Standard: Der Stephansdom ist vor allem Touristenmagnet. Ist den Wienern ihr Dom abhandengekommen?

Faber: Es sind zwar 5,2 Millionen Besucher, die im Laufe eines Jahres den Dom betreten, aber wenn Sie den Tag im Dom erleben, dann sehen Sie gleichzeitig auch eine sehr beachtliche Zahl von Wienerinnen und Wienern, die hier einen der sieben Gottesdienste feiern, eine Kerze anzünden, zur Anbetung gehen, täglich ein paar hundert. Und wenn Sie in der Früh den Gottesdienst feiern, gehört der Dom nur den Wienern. Es sind ein paar hundert, die in der Früh da sind. Die Touristen kommen nicht vor acht Uhr. Wir müssen halt den Spagat aufrechterhalten, damit der Dom für beide Gruppen da ist.

Standard: Sie sind sehr für die Dom-Umbaupläne von Raiffeisen-General Christian Konrad eingetreten, mit unterirdischem Besucherzentrum und Verlegung der Dombauhütte unter Tag. Das endete mit einem Eklat zwischen Stiftung und Verein "Unser Stephansdom", dem Rücktritt von Konrad und anderen, etwa Bürgermeister Häupl. Ist das Projekt endgültig gestorben?

Faber: Dieses Großprojekt ist gestorben. Da hat der Kardinal sein Veto eingelegt. Das müssen wir akzeptieren und ein neues Kapitel aufgeschlagen. Jetzt denken wir darüber nach, ein kleineres Projekt zu machen, um die Nordseite des Doms schöner zu gestalten. Das Bischofstor zu öffnen, den Zugang von dort zu ermöglichen. Den Domshop zu vergrößern, aber an der Position der jetzigen Dombauhütte nichts zu ändern. Und wir verhandeln über einen Bauplatz am Donaukanal, damit wir zumindest einen Teil der Arbeit nicht direkt am Dom durchführen müssen.

Standard: Günther Havranek ist nicht nur der Dom-Stiftungschef, sondern auch bei der Periodika Privatstiftung, welche die Gratiszeitung "Heute" herausgibt. Im eher unwahrscheinlichen Fall, dass diese Stiftung aufgelöst wird, wäre der Stephansdom Begünstigter. Finden Sie das gut?

Faber: Wir waren überrascht. Wir wünschen der Zeitung Heute sicher nicht den Tod, damit wir begünstigt wären, sondern waren verwundert, dass wir davon nichts wissen. Wir werden das im Vereinsvorstand weiter zu beraten haben. Wir haben mit Havranek wenig Kontakt. Ich trage ihm nichts nach, er hat sich ehrenvoll eingesetzt für den Verein, aber er hat sich sehr vehement gegen das Besucherzentrum gewandt.

Standard: Diese Begünstigung zeigt aber eine gewisse Nähe der katholischen Kirche zu Boulevardmedien, die sich auch darin zeigt, dass der Kardinal eine Kolumne in der "Kronen Zeitung" schreibt.

Faber: Ich schreib in einer Qualitätszeitung.

Standard: Und sind Dauergast der Society-Seiten des Boulevards.

Faber: Auch nicht immer positiv. Michael Jeannée hat mich kürzlich verrissen, da hab ich mich gefragt, was hab ich ihm getan?

Standard: Aber sind Sie daran nicht selbst schuld? Sogar die APA hat Sie zu Ihrem 50er als kirchlichen Society-Löwen bezeichnet.

Faber: Medien nannten mich auch "Don Camillo", und das war nicht ehrenvoll gemeint. Aber seien wir ehrlich: Wir nähren uns alle nicht nur aus intellektuellen Magazinen, sondern lesen auch Boulevard. Wir haben ein Bedürfnis nach nutzlosem Wissen über Prominente. Dabei sind diese Promis auch nur ganz normale Menschen, die es auch verdienen, seelsorglich begleitet zu werden. Aber wenn ich das, neben meiner sonstigen vielen Arbeit, auch noch tue, wird das medial so verkürzt, als ob ich nur dort arbeiten würde.

Standard: Wenn Sie auf eine Party gehen ist das Seelsorge?

Faber: Ich bilde es mir ein und kann es auch beweisen, dass ich bei solchen Anlässen laufend seelsorgliche Begegnungen habe, wo ich wie ein Fischer für Wiedereintritte, für Taufen, für Trauungen und Segnungen aller Art werbe. Ich habe die meisten Wiedereintritte aller Priester Österreichs. Dass ich meine Sandler habe, mit denen ich per du bin, meine Senioren, meine Begräbnisse, meine Hochzeiten, das nimmt niemand medial wahr.

Standard: Dauerpräsenz in Boulevardmedien hat auch Schattenseiten. Sie mussten Rede und Antwort stehen zu Ihrer "Promillefahrt" mit dem Auto, andererseits wurden Sie gefragt, ob Sie mit Radiomoderatorin Claudia Stöckl ein Verhältnis und ein Kind haben. Ist das nicht peinlich?

Faber: Mit Claudia Stöckl habe ich sogar einige hundert Kinder - jene Kinder unseres Projekts "Zuki - Zukunft für Kinder" in Kalkutta. Da ist sie wirklich sehr engagiert. Im Ernst: Wenn mir Woman hundert Fragen stellt, davon 99 unter der Gürtellinie, fragt man sich schon, ob man sich so ein Interview überhaupt antun will. Mitten im Interview hab ich mir gedacht, ich breche ab, wenn keine anderen Fragen kommen. Dann hab ich mir aber gedacht, vielleicht schaffe ich doch den Spagat, Leute, die das eher lesen, statt in die Kirche zu kommen, irgendwie anzurühren.

Standard: Wie das?

Faber: Ich hab mich entschieden, dass ich zu meinem Leben stehe, auch zu dem, was mir misslungen ist. Ich versuche authentisch zu sein und glaube, wir werden mehr Leute mit dem Evangelium in Berührung bringen, wenn wir nicht so tun, als ob wir besser wären. Meiner Mutter ist das oft unangenehm, aber was soll ich tun? Arg ist es schon, wenn dich ein Freund anruft und fragt: "Ich hab gehört, du bist wegen Pädophilie im Gefängnis. Stimmt das?" Dabei hab ich Gefangene besucht und war bei jemandem in der Zelle. Irgendwer hat mich gesehen, dann kam's zu Spekulationen, und die nächste Person will schon gesehen haben, wie ich im Dom mit Handschellen abgeführt worden bin.

Standard: Da sind Gerüchte um Frauen ein Klacks dagegen.

Faber: Daraus folgt aber, dass ich weiß, sobald ich mich mit einer Frau sehen lasse, meinen alle, dass ich mit der ein Verhältnis habe. Das ist halt ein Nachteil, wenn man bekannt ist. Andererseits liebe ich es, weil ich dadurch auch etwas bewegen kann. Manche Dinge sind verrückt - aber die Vorteile überwiegen bei weitem.

Standard: Sie leben ein modernes Amtsverständnis, waren aber Gegner des Kirchenvolksbegehrens. Wie passt das zusammen?

Faber: Ich habe das Kirchenvolksbegehren vor 15 Jahren nicht als probates Mittel gesehen, in den Reformen etwas voranzubringen. Ich sehe das jetzt bei der Pfarrerinitiative, die ich vor fünf, sechs Jahren auch nicht so geschätzt habe, ein bisschen anders. Das Kirchenvolksbegehren war mir viel zu plakativ und zu aussichtslos. Jetzt bin ich ein paar Jahre gescheiter und reifer geworden, vielleicht stünde ich heute anders dazu.

Standard: In der Causa Groër sollen Sie gesagt haben: "Wenigstens hat er seine Opfer nicht vergewaltigt." Stimmt das?

Faber: Das war eine sehr unglückliche Ausdrucksweise. Ich habe das natürlich nicht als Verharmlosung gemeint. Sondern ich wollte nur - leider mit unglücklichen Worten - feststellen, dass er unter den Missbrauchstätern nicht einer war, dem man vorgeworfen hätte, er hätte jemanden vergewaltigt. Er war einer, der Menschen anscheinend betastet, begrapscht und geküsst hat. Das ist eine andere Tatebene. Und nur in der Abgrenzung dazu habe ich das so unglücklich gesagt. Dass man das auch als Verharmlosung verstehen konnte, tut mir leid.

Standard: Was sagen Sie zu den Querelen rund um Stützenhofen?

Faber: Ich beichte jetzt, dass ich ein wenig schadenfroh war - obwohl der Schaden ja die Kirche insgesamt trifft. Aber dieser Pfarrer, der angibt, konservativ und gehorsam zu sein, dem Kardinal in den Rücken fällt und sich oberbeleidigt zurückzieht. Und dann wird er aufgedeckt als einer, der mit dem Finger auf andere zeigt und nicht bemerkt, dass drei Finger auf ihn selbst zeigen.

Standard: Die katholische Kirche ist keine Demokratie. Ist da nicht jede Reformbestrebung vergebens?

Faber: Nein, gar nicht. Wenn Sie die Lebenswirklichkeiten in den Gemeinden in Niederösterreich und Wien ansehen, die ich besser überblicken kann als in anderen Bundesländern, gibt es keine Pfarre, die nicht mehrheitlich von weiblichen Mitarbeiterinnen getragen wird. Es gibt auch diözesanweit eminent wichtige Aufgaben und Posten, die von Frauen besetzt sind. Die Frage der Priesterweihe für Frauen wird von Rom eben so beantwortet, wie es zurzeit ist. Da bewegt sich kein Zentimeter. Die Lebenswirklichkeit ist ganz anders. Da wird die Entwicklung auch weitergehen. Ich bitte alle liberalen, aufgeklärten Frauen in der Kirche: Habt Geduld. Beißt euch nicht die Zähne am Frauenpriestertum aus, die Diakonenweihe für Frauen ist theologisch schon lange möglich. Das ist der nächste Punkt.

Standard: Warum sind Sie für die Pfarrerinitiative?

Faber: Ich versuche, etwas für die Kirche voranzubringen. Es hat keinen Sinn, wenn sich Kardinal Schönborn und Helmut Schüller einen Showdown bieten. Das wollen beide nicht, aber immer wieder geraten sie in so eine Situation. Schüller ist auch nicht grundsätzlich ein ungehorsamer Mitarbeiter. Er ist ein aufrichtiger, verdienstvoller, treuer Pfarrer, der versucht, Signale der Erneuerung zu senden. Allein mit dem Wort Ungehorsam hat sich überhaupt erst etwas bewegt, sie sind zuvor totgestreichelt worden. Jetzt wird wieder aufrichtiger, auf Augenhöhe diskutiert, wir haben in Gremien, wo Schüller und Kardinal zusammensitzen, gute Diskussionen gehabt. Ich vertraue darauf, dass wir in manchen Punkten etwas weiterbringen. Wir brauchen Bewegung.

Standard: Sie sind spätberufener Jäger, zelebrieren sogar Hubertusmessen, wo Sie, wie der Tierschützer Martin Balluch kritisiert, tote Tiere in den Dom tragen lassen ...

Faber: Das habe ich noch nie gemacht, außer, es war irgendwo eine tote Kirchenmaus dabei. In meinen Messen wurde noch nie ein totes Tier in den Dom getragen.

Standard: Lassen Sie sich auf Jagden einladen?

Faber: Ich bin geprüfter, aber noch kein praktizierender Jäger. Ich war noch nie auf der Jagd, das hat sich noch nicht ergeben. Ich habe aber schon viele Einladungen bekommen und hätte eigentlich auch kein Problem, das anzunehmen. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 28./29.4.2012)

Toni Faber (50), Sohn eines Wiener Straßenbahners und einer Hausfrau, ist seit 1997 Dompfarrer zu St. Stephan. Faber fand als 17-Jähriger, nach einer schweren Nierenkrankheit, zu seiner Berufung. Seit 2007 Träger des Großen Ehrenzeichens der Republik.

  • Des Dompfarrers Appell an die Frauen in der Kirche: "Beißt euch nicht die Zähne am Frauenpriestertum aus."
    foto: standard/hendrich

    Des Dompfarrers Appell an die Frauen in der Kirche: "Beißt euch nicht die Zähne am Frauenpriestertum aus."

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