Brasiliens Waldgesetz als "Frankenstein-Projekt"

Analyse | Gerhard Dilger aus Porto Alegre
27. April 2012, 19:13

Präsidentin Dilma Rousseff will Teil-Veto einlegen - Das ist Amazonasschützern allerdings zu wenig

Noch einmal durfte das brasilianische Agrobusiness jubeln: Mit 274 zu 184 stimmte jetzt das Abgeordnetenhaus in Brasília für eine Novelle des Waldgesetzes, die noch weit über das hinausgeht, was der Senat im Dezember verabschiedet hatte. Das neue Gesetz wäre ein Freibrief für den Raubbau - schon die einjährige Debatte hatte die Waldzerstörung begünstigt.

Allerdings fehlt noch die Unterschrift von Präsidentin Dilma Rousseff. Und es gilt als ausgeschlossen, dass sie den Parlamentsbeschluss hinnimmt - bedeutet er doch eine herbe Niederlage für die linke Staatschefin, die im Juni den UN-Umweltgipfel Rio+20 eröffnen wird. Von Vertrauten ließ sie verbreiten, Straffreiheit für Waldzerstörer werde sie nicht zulassen. Rousseff werde das Gesetz "mit kühlem Kopf analysieren" und in etwa 14 Tagen entscheiden, sagte Präsidialamtsminister Gilberto Carvalho. Umweltschützer fordern ein vollständiges Veto.

Schutzzonen verkleinert

Mit der Novelle würden bislang vorgeschriebene Schutzzonen verkleinert und Landbesitzer von Wiederaufforstungspflichten befreit. Nur eine Vorschrift konnte die Regierung wegen eines Verfahrensfehlers retten: Nach Rodungen müssten Landbesitzer zerstörte Ufer an bis zu zehn Meter breiten Flüssen auf 15 Meter wiederaufforsten. An 20 Punkten wurde der Senatsentwurf verwässert, etwa zugunsten von Krabbenzüchtern. Weitere " Flexibilisierungen", etwa an breiten Flüssen, sollen in die Zuständigkeit der meist konservativ regierten Bundesstaaten übertragen werden.

Die Großfarmer dominieren das brasilianische Parlament und drängen auf eine ungebremste Ausweitung der Anbauflächen, auch in Quellgebieten, an Berghängen und Kuppen. Schon jetzt kommt es bei heftigen Regenfällen in dichtbesiedelten Gebieten regelmäßig zu großen Erdrutschen mit zahlreichen Toten. "Ein Frankenstein-Projekt", schimpfte der Grüne Sarney Filho. Sein Parteikollege Alfredo Sirkis beklagte eine "Offensive von Bodenspekulanten und Großgrundbesitzern".

Sojaanbau und Rinderzucht

Der Agronom José Eli da Veiga fürchtet, das neue Gesetz werde vor allem den "Billigexport von Naturressourcen" wie Soja und Rindfleisch beflügeln. Damit widerspreche es den Zielen der brasilianischen Klimapolitik und den Bestrebungen, die einheimischen Betriebe wettbewerbsfähiger zu machen. Brasilien erleichtere es ausländischen Konkurrenten, höhere Zölle für brasilianische Agrarimporte zu fordern, und werde dadurch "geopolitisch verwundbar", meint Virgílio Viana von der Stiftung Nachhaltiger Amazonas. (Gerhard Dilger aus Porto Alegre, DER STANDARD, 28./29.4.2012)

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18 Postings
Schnell Regenwald kaufen

um ihn zu retten!

Husch husch!

Ich sehe zwei Hauptschuldige hinter diesem Desaster

1) Die EU. Die hochsubventionierte europäische Landwirtschaft braucht eben massenweise Futtermittel um weiterhin sinnlose Überschüsse produzieren zu können (Etwa 40 % der brasilianischen Exporte von Sojabohnen gehen in die EU; bei Sojaschrot sind es sogar fast 60 %). Dh perverserweise sind wir selbst, die Steuerzahler, es die die Regenwaldvernichtung subventionieren und dafür bezahlen, ohne dass uns irgendjemand fragt ob wir das auch so wollen.

2) Der kurzsichtige Run auf Biokraftstoffe, der letztlich nur in riesige, krankheitsanfällige Monokulturen (dh also eine Gefährdung der Biodiversität) münden wird, ohne aber irgendwelche Verkehrsprobleme strukturell lösen zu können.

Die Schuld für so einen Irrsinn per se der Marktwirtschaft zu geben ist falsch

Was in Brasilien nicht funktioniert sind die Rahmenbedingungen. Ökologische Rahmenbedingungen, soziale Rahmenbedingungen.

Was in Brasilien nicht funktioniert ist der Staat, was dort nicht funktioniert sind die Institutionen. Dort sitzt in Brasilien grossteils die Mafia und keine verantwortungsvollen Politiker.

entschuldigung

aber die parlamentarier sind gewählt, was nicht funktioniert ist hier die demokratie! stimmenkauf, bildungsungleichheit und egoistische kapitalisten wohin das auge blickt, nicht nur in brasilien. ähnliches spielt sich in den usa ab und auch in österreich (die krake raika und ihre medien zb.)

Wie mans nennt, ist nicht so wichtig:

Was nicht funktioniert, ist, dass der Markt nicht ausreichend geregelt ist.

Der Markt ist das ziemlich genaue Gegenteil von Vernunft, und wenn er sich selbst überlassen bleibt, ist die Erde bald unbewohnbar.

Das heißt natürlich nicht, dass der Staat vernünftig wäre. Aber bei dem betsteht wenigstens Hoffnung.

Ich liebe dieses Wirtschaftssystem und wie der "Markt" sich selbst reguliert.

Es lebe der Kapitalismus (und die Sozialdemokratie ohne deren Hilfe dieses System schon längst am Misthaufen der Geschichte gelandet wäre).

Der Markt sind wir

Vor allem wir reiche Europäer können das Schicksaal des Regenwalds beeinflussen - mehr als der durchschnittliche Brasilianer. Der ist zu sehr mit dem nackten überleben im Alltag beschäftigt. Der verbraucht ohnehin schon einen Bruchteil der Ressourcen.

Wir können weniger Fleisch kaufen oder zB. mit einem Teil unseres Vermögens in Nachhaltige Bewirtschaftung des Regenwaldes investieren.

Die meisten von uns tun es aber nicht. Den meisten von uns ist der Wald solche Verzichte nicht wert.

Der Markt hat nicht versagt. Es spiegelt lediglich die Gleichgültigkeit und Gier der Nördlichen Welt.

Hat der Wald ueberhaupt eine Chance? Steigende Fleisch, Soya und Palmoelpreise, Oel und Gas, Mineralienpreise, lassen dem 'romantischen' Waldschutz nicht wirklich eine Chance.
Die wilde Commodity Preisspekulation hat die Preise verdreifachen lassen innerhalb wenigen Jahren, zumindest Soya, Fleisch. einige Mineralien sind sogar schneller gestiegen.
Die Chinesische Expansion ist auch merklich dafuer verantwortlich. Palmoel und Soya betriebe in Brasilien und Indonesien habe entweder schon direkte Chinesische Beteiligung oder sind die Exklusiv abnehmer. Die Chinesen sind auch die einzigen grossen Betriebe, die zwangslos Korruptionszahlungen leisten. Die Chinesen sind die neuen Amerikaner der 70er Jahre.

einfach nur Wahnsinn! ;((

"Die Großfarmen dominieren das brasilianische Parlament"..

Und der Agrarriese Monsanto dominiert die brasilianischen Großfarmer. So schließt sich der Kreis.

Für alle die es noch nicht gehört haben:
Das EU-Patentamt gewährt Monsanto das Patent auf Brokkoli, 800 weitere Patente auf Pflanzen und Tiere wurden bereits eingereicht.

Hier gibts nen Artikel:
http://www.importantlinks.de/?p=1206

Da findet ihr auch ne Doku über Monsanto, wenn ihr wissen wollt wer dieser Monsanto Konzern überhaupt ist.

Es gilt nur zu hoffen dass Frau Präsidentin Rousseff Nerven zeigt und dem Wahnsinn Paroli bietet!

Das ist übersimplifiziert

Der, nach dem Amazonas Dschungel, zweitgrösste Regenwals des Amerikanischen Kontinentes, der Atlantische Regenwald, wurde schon Jahrzehnte bevor dieser Konzern in Südamerika richtig Fuss fasste fast zur Gänze ausgerottet. Gier und Ignoranz sind auch ganz ohne Monsanto allgegenwärtig.

(BTW war auch fast in ganz Europa der letsten Jahrhunderte ziemlich identisch, auch schon Jahrhunderte vor der Gründung von Monsanto)

wisst ihr eigendlich was monsanto frueher auch produziert hat? Agent Orange, mit dem Vietnam und Laos entwaldet worden sind. Und die menschen auch dazu.
Entwalden ist immer noch der Hauptjob, wies scheint...

es ist mir ein rätsel, warum sich couragierte bürger noch nicht dazu durchgerungen haben diese monsanto bude heiss abzutragen - würd als legitime selbstverteidigung durchgehen

Na um das zu verhindern gibt's Terrorparagraphen.

Oder dachtest du etwa ernsthaft, dass man sich all die Mühe wegen eingen fanatischen Moslems gemacht hat?

mich würde mehr interessieren wieso ich im Standard über die Patente und die weiteren 800 Tier- und Pflanzenpatente gelesen habe .. aber die Reaktionen die man hier teilweise auf Postings bekommt: "eso-mist, verschwörungstheorie" lässt eigentlich nur darauf schließen, dass der Standard vorsorglich und aus Rücksichtnahme der teils horizontlosen Leser und Poster solche schwer verdaulichen Themen gezielt umgeht.

Man will ja die Menge nicht unnötig verunsichern.

-> moment, war da nicht vor kurzem die Panikmache aus dem Finanzsektor.. Wirtschaft kollabiert, EU droht Kollaps, Mord und Totschlag ..

naja muss wohl was anderes sein..

preach on bro - es ist zwar zum speiben, aber in zeiten der infomationsfreiheit wird sich das blatt zum erstenmal in der geschichte wenden können - hier sind ja auch schon genug, die die propaganda durchschauen - die menschen werden aufwachen, und dann möcht ich nicht der sein, dem monsanto gehört;-)

Wieder ein Festival der Gier des Menschen .... einzige gute daran ist das Er sich damit sein eigenes Grab schaufelt.

Und das inzig Schlechte dass es die reichen und mächtigen persönlich als letzte zu spüren bekommen

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