Depressionen beeinflussen Aktienkurse

27. April 2012, 18:06
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Für Verhaltensforscherin Kramer ist es "kein Zufall", dass Börsencrashes gehäuft in den Herbst- und Wintermonaten auftreten

Wien - Der Frühling ist da. Die Tage werden länger, die Sonne scheint. Dass die dunklen Wintermonate vorüber sind, hat einen Einfluss auf die Finanzmärkte. Denn Investoren sind wetterfühlig, belegen aktuelle Studien aus Kanada. Die Winterdepression lässt viele Anleger nach Sicherheit suchen, im Frühjahr werden wieder Aktien gekauft. "Menschen, die an Depression leiden, gehen weniger Risiken ein. Wenn im Winter mehr Menschen depressiv sind und daher weniger riskante Wertpapiere kaufen, drückt das den Preis von riskanten Aktien in dieser Zeit," sagt Lisa Kramer, Finanz-Professorin an der University of Toronto. In der aktuellen Studie "This Is Your Portfolio on Winter" hat sie zusammen mit Kollegen untersucht, ob die Winterdepression das Anlageverhalten beeinflusst (an einer "seasonal-affective disorder" leidet laut Schätzungen für die USA jeder zehnte).

Tatsächlich gibt es laut Kramer ein "sehr starkes Muster". Besonders wenig Risiko bei Finanzfragen gehen ab Herbst Menschen mit einer diagnostizierten Winterdepression ein. Aber: "Selbst jene ohne Depression wählten in den Wintermonaten die sichere Anlage." Es sei daher "kein Zufall, dass es historisch so viele Börsencrashes in den Herbst- und Wintermonaten gab," gibt Kramer zu bedenken. Anleger würden Wirtschaftsdaten deutlich negativer einschätzen als in den Sommermonaten.

Kramer und ihre Kollegen arbeiten mit verhaltensökonomischen Modellen der Behavioral Finance, um Börsen-Phänomene zu erklären. Kramer hat kürzlich ein Jahr am Department of Psychology der University of Stanford geforscht.

Nicht nur Fundamentaldaten

Für sie reicht die klassische Finanzforschung, die sich auf Fundamentaldaten von Aktienunternehmen stützt, oft nicht aus. "Wir beobachten massive Schwankungen an den Aktienmärkten, ohne jegliche Neuigkeiten, die das rechtfertigen. Offenbar sind noch andere Faktoren im Spiel," fasst Kramer die größer gewordene Rolle der Behavioral Finance zusammen.

Kramer ortet ein gestiegenes Interesse von Pensionsfonds wie auch öffentlichen Institutionen an dieser Forschung, auch verstärkt durch die Finanzkrise. Am 3. Mai ist die Kanadierin in Wien und hält einen Vortrag am WU Gutmann Center.

Dabei geht die Ökonomin davon aus, dass die Erforschung des Investorenverhaltens die Börsen etwas weniger schwankungsanfällig machen könnte. Denn viele Finanzprofis lernen rasch, sagt Kramer. Nicht ohne Grund gibt es die Börsenweisheit, Aktien im Mai zu verkaufen und im Oktober wieder einzusteigen - "Sell in May and go away" heißt es etwa in den USA und "Buy when it snows, sell when it goes" in Kanada.

Der menschliche Faktor

Ein gut dokumentiertes Phänomen, das die traditionelle Forschung kaum erklären kann, ist der Momentum-Effekt. Aktien, die in der jüngsten Vergangenheit überdurchschnittlich stark gestiegen sind, setzen ihren Aufwärtstrend oft fort. Dabei würde die Theorie davon ausgehen, dass die Bewertung der Aktien eine größere Rolle spielt. Für Kramer lässt sich der Momentum-Effekt psychologisch gut erklären: "Wir bevorzugen es nun einmal, anderen Menschen ähnlich zu sein. Das ist natürlich. Niemand möchte sich wie ein Außenseiter fühlen." Also kaufen Portfoliomanager dieselben Aktien wie ihre Kollegen.

Dass die Psychologie an den Börsen weniger wichtig wird, weil immer mehr Geschäfte von Computern abgewickelt werden, glaubt Kramer nicht: "Es ist zu früh, den menschlichen Faktor auszublenden." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 28./29.4.2012)

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    Das Gehirn als Schlüssel. Nicht nur ökonomische, sondern auch mentale Depressionen wirken auf die Finanzmärkte.

  • Lisa Kramer: "Zu früh, den menschlichen Faktor auszublenden."
    foto: betts

    Lisa Kramer: "Zu früh, den menschlichen Faktor auszublenden."

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