So einfach ist das

Antonio Fian, 27. April 2012, 18:05

Personen:

Profil, besorgter Bürger (Europa)

Sims, Ökonomienobelpreisträger (USA)

PROFIL: Steht die Eurozone kurz vor dem Zusammenbruch?

SIMS: Das ist schwer vorherzusagen. Nehmen wir Länder mit hoher Inflation. Aufgrund der Inflation steigen die Zinsen. Nehmen wir an, die politische Situation ist festgefahren, und die Steuern können nicht erhöht werden. Erhöht die Regierung sie aber doch, gehen die Zinsen nicht nach oben, denn keiner bezahlt Steuern. Im Falle einer Erhöhung der Zinsen durch die Zentralbank würde der Zinsaufwand des Regierungshaushalts nach oben gehen. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Haushaltspolitik. Denn nur wenn die Gesetzgebung mit höherem Zinsaufwand auf diese Herausforderung eingeht, indem sie mehr Geld druckt, um das Defizit auszugleichen, hat das keine verknappenden Auswirkungen auf den Zinsanstieg.

So einfach ist das.

PROFIL: Eine andere Frage: Steht die Eurozone vor einer Rezession?

SIMS: Das kann sein.

PROFIL: Meinen Sie, dass Griechenland pleitegehen soll?

SIMS: Diese Frage lässt sich nicht grundsätzlich mit Ja oder Nein beantworten.

PROFIL: Was geschieht im schlimmsten Fall?

SIMS: Die Spekulanten wetten gegen den Euro und auf steigende Zinsen italienischer, spanischer, portugiesischer und irischer Kredite. Sie glauben nicht, dass der Rettungsschirm groß genug ist, um allen Krisenländern zu helfen. Denken immer mehr Menschen so, steigen die Zinsen. Es ist dann eine klassische sich selbst erfüllende Prophezeiung.

PROFIL: Sollte Europa Finanztransaktionen besteuern?

SIMS: Viel Einfluss auf den Finanzmarkt wird sie nicht haben, denn es gibt Wege, um die Steuer mit Transaktionen, die nicht besteuert werden, zu umgehen. Dann wäre letztlich das Steueraufkommen kleiner als gedacht.

PROFIL: So einfach ist das?

SIMS: So einfach ist das. Kommen außerdem hohe Kosten auf die Finanzbranche zu, wäre auch das Wachstum des Finanzplatzes Europa gefährdet.

PROFIL: Gott bewahre!

(Vorhang)

Material: "Es könnte zu Aufständen der Bevölkerung kommen" - Interview mit Christopher Sims, "Profil" 16/2012

(Antonio Fian, DER STANDARD, 28./29.4.2012)

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