Faschisten wittern Morgenluft

Reportage
28. April 2012, 14:27
  • ...und die Faschisten-Parole "Griechenland den Griechen" auf dem Vorplatz der Panteleimonas-Kirche.
    foto: standard/bernath

    ...und die Faschisten-Parole "Griechenland den Griechen" auf dem Vorplatz der Panteleimonas-Kirche.

"Goldene Morgendämmerung" heißt die Partei der Faschisten, die bei den Wahlen am 6. Mai wohl erstmals ins Parlament kommt

Panteleimonas war ein Wunderheiler, doch in seinem Stadtviertel schwärt heute Athens übelste Wunde. Blaue Hakenkreuze überall an den Hausmauern, griechische Fahnen, trotzig auf Balkonen aufgepflanzt, vor allem die "Hellas"-Schriftzüge auf dem Straßenasphalt markieren das Terrain der Neofaschisten. "Griechenland den Griechen" steht in blauer Farbe und vier Meter groß auf dem Vorplatz der Kirche - damit es die Einwanderer aus Bangladesch oder Nordafrika gleich kapieren. In Agios Panteleimonas, einem heruntergekommenen Viertel nördlich des Athener Zentralbahnhofs, hat sich Chrysi Avgi eingenistet, die Partei der "Goldenen Morgendämmerung". Jetzt setzt sie zum Sprung ins Parlament an.

Alle Umfragen sagen den Einzug der Faschisten bei den Wahlen am 6. Mai voraus. 17 Sitze könnten es werden, vielleicht auch mehr. "Die Unterstützung für uns ist viel höher als die fünf oder sechs Prozent in den Wahlumfragen", behauptet am Telefon Ilias Kasiliaris, Nummer zwei der Partei und Neffe von Nikolaos Michaloliakos, dem Parteigründer. Kasiliaris hat keine Zeit für ein Treffen mit Journalisten, schon gar nicht für ausländische, die keine Stimmen bringen. "Die Griechen wählen uns, weil wir die einzige Partei sind, die die Wahrheit sagt", erklärt er und legt auf.

Die "Wahrheit" steht auf kleinen Aufklebern an Hauseingängen und Lampenpfosten in Agios Panteleimonas: "Ich wähle Chrysi Avgi, damit Griechenland gesäubert wird." Und auf Hausmauern, von den Anarchisten übersprüht und von den Faschisten wieder erneuert. Parolen wie "Arbeit für griechische Arbeiter" oder "Werft den Koran ins Feuer". Eine Moschee in einem Kellergeschoß unweit des Attiki-Platzes steckten Anhänger von Chrysi Avgi im vergangenen Jahr in Brand.

Der Wahlkampf der regierenden Sozialisten und Konservativen hat sich der Kampagne gegen die Ausländer schon gebeugt, zu groß ist der Druck durch die Faschisten und durch rechtsgerichtete Parteien wie die Orthodoxe Volksversammlung (Laos) und die Unabhängigen Griechen geworden.

"Wir müssen unsere Städte zurückerobern", sagt Antonis Samaras, der Chef der konservativen Nea Dimokratia und mögliche nächste Premier. Als "Hygiene-Bombe, die vor der Explosion steht" bezeichnet der Minister für öffentliche Ordnung, der Pasok-Politiker Michalis Chryssohoidis, die illegalen Einwanderer. Er macht den Griechen mit angeblich ansteckenden Krankheiten der Afrikaner und Asiaten Angst. 1,1 Millionen Immigranten soll es in Griechenland geben, 400.000 haben keine Papiere. Nach jahrelangem Zuwarten hat die Regierung den Bau von 30 Sammellagern für illegale Einwanderer angekündigt. Das erste wird nächste Woche nördlich von Athen eröffnet.

5,3 Prozent hat Chrysi Avgi in Athen bei den Kommunalwahlen Ende 2010 erhalten, den ersten Wahlen nach Ausbruch der Finanzkrise und den drastischen Sparmaßnahmen. Neun Prozent waren es in Agios Panteleimonas und in manchen Wahlbüros des Stadtviertels sogar 20 Prozent.

Die Drei-Prozent-Hürde für das Parlament werden die Faschisten nun mit Leichtigkeit nehmen. Staatsbankrott und Immigrantenproblem haben sie stark gemacht. "Sie haben es geschafft, die Einwanderer von den Plätzen im Zentrum von Athen zu vertreiben", stellt der Historiker Antonis Liakos fest. "Die Faschisten haben angefangen, Geschäfte der Griechen zu ,beschützen‘, und starke Organisationen in Schulen aufzubauen. Sie sind ihr Reservoir", sagt der Geschichtsprofessor von der Uni Athen. Nicht ihre nationalsozialistische Ideologie habe Chrysi Avgi populär gemacht, sondern das Ausländerthema. "Die Leute fühlen sich nicht mehr durch den Staat geschützt."

Nächtliche Patrouillen

Nachts patrouillieren Kommandos von Parteianhängern durch das Viertel, tagsüber drücken sich junge Männer in Trainingsanzügen mit ihren Hunden an Straßenecken herum. Die Polizei duldet die einschüchternde Präsenz der Faschisten. Petros Constantinou, ein linksradikaler Politiker aus Agios Panteleimonas, geht noch weiter: "In Griechenland hat die Polizei immer schon mit den Faschisten zusammengearbeitet."

Constantinou ist der Gegenspieler von Michaloliakos, dem Chef von Chrysi Avgi. Beide waren 2010 als Abgeordnete in den Athener Stadtrat gewählt worden. Im Jänner 2011 kam es zum Eklat. Weil Michaloliakos zu den Sitzungen mit einem Trupp schwarz gekleideter und angeblich bewaffneter Parteimitglieder erschien, protestierte Constantinou lautstark. Im folgenden Tumult trat Michaloliakos (55), vorbestrafter Rechtsextremist, den Rückzug an. Zum Abschied erhob er zweimal den Arm zum Hitlergruß. (Markus Bernath aus Athen, DER STANDARD, 28.4.2012)

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wer in irgendeinem land europas heutzutage faschistische, rechtsnationale oder klerikalfaschistische parteien wählt, ist einfach nur dumm oder destruktiv, denn er zerstört damit die hoffnung auf vernunft und freiheit auf generationen!

und bevor jetzt die erste trottelantwort kommt: ja, ich halte auch parteien wie die spö oder övp inzwischen für unterstützer einer quasi faschistischen weltordnung. siehe: sicherheitspolizeigesetz.

da müssten eigentlich auch alle fpö-ler mitklagen, die immer so laut für "direkte demokratie" brüllen.

das konnte unter den augen der eu passieren... UNFASSBAR!

Golden Dawn described itself as a "People's Nationalist Movement" and "uncompromising Nationalists." Michaloliakos described Golden Dawn as opposing the "so-called Enlightenment" and the Industrial Revolution. According to the Party's charter, "only Aryans in blood and Greeks in descent can be candidate members of Golden Dawn". The charter also puts the leader in total control of the party, and formalizes the use of the Hitlergruss for party members. At first, the party embraced neo-Pagan beliefs, in accordance to Nazi occultism, describing Marxism and liberalism as "the ideological carriers of Judeo-Christianity."

das sind die echten freunde unseres herrn strache.

In a 1998 interview with the newspaper Eleftherotypia, Georgios Romaios (the then Panhellenic Socialist Movement (PASOK) Minister for Public Order) alleged the existence of "fascist elements in the Greek police", and vowed to suppress them. In a TV interview that same year, Romaios again claimed that there was a pro-fascist group within the police force although he said it was not organized, and was only involved in isolated incidents. The same year, Eleftherotypia published a lengthy article called "The lower limbs of the police", which outlined connections between the police and neo-fascism. (wiki)

na servas

http://en.wikipedia.org/wiki/Gold... n_(Greece)

und auf den "order of the golden dawn" beziehen die sich offenbar auch. das war schon eine der -grundlegend von ihnen missverstandenen- ideologischen grundlagen von hess und himmler...

bei so viel inseln gibt es in griechenland gar keine piraten?

Dazu geht's denen zu schlecht. Sowas sortiert schon ein bisserl unter "Luxus" und blüht nur dort, wo es den Leuten relativ gut geht.

"Goldene Morgendämmerung" das ist wenigstens mal mal ein piffiger Parteinamen. Kann ja nicht jede Rechtspartei so langweilige Namen wie in Österreich haben. FPÖ und BZÖ sind ja fade Namen.

welch überraschung.

wenn die politische mitte versagt,oder keine perspektiven für die zukunft bereitstellen kann,flüchten immer mehr wähler ins rechts oder linksextreme lager.

nicht nur in gr.

soziale und ethnische differenzen gibst ja nicht erst seit heute.
die eu elite ignorierte diese probleme und steckte den kopf in den sand.

wird ein spannendes jahr 2012.ausgang ungewiss.

1,1 Millionen - wenn das stimmt - ist ganz schön viel

Woher sollen für so viele in einem relativ kleinen Land Arbeitsplätze kommen?

Eine Verteilung auf ganz Europa findet ja offenbar legal nicht wirklich statt. GR liegt halt "ungünstig", deren Pech und so. Europa hat die Griechen mit dem massiven Zuzug lange alleingelassen, und die Griechen selbst haben auch kein Ohrwaschl gerührt, um irgendwas zu verbessern.

Dass die Gegenreaktion in GR genau die von extrem rechts ist, das war abzusehen. Wenn Sündenböcke sich eh anbieten, dann ist die grosse Sündenbock-Ideologie nie weit und punktet.

HINTER dem Faschismus steht das KAPITAL!

Aber: Der Kampf um Freiheit ist international!

interessant.

ich meine wo wir doch internationale politische "zusammenarbeit" um die grossen banken (die kleinen die nicht spekuliert haben gehen drauf) retten sehen.

als was bezeichnen sie denn das?

Tschuldigung, aber üben Sie gerade für den Ersten Mai?

das Kapital

steht hinter antikapitalistischen Ideologien, sehr interessant

Wenn du das Buch mit dem schönen Untertitel "Kritik der politischen Ökonomie" meinst, hast du sogar recht. ;-)
Wenn du hingegen den Faschismus für antikapitalistisch hältst, fällst du aber auf dessen Propaganda rein.

nein, maximal du auf

die Propaganda der Linken

der faschismus hat viele hässliche gesichter; eines davon ist die maske des antikapitalisten. leider muss ein faschist aber immer auch kapitalist sein, denn wie würde er sonst die bewaffnung seiner heere finanzieren..?

genauso wie

der Kommunist, was soll der Bloedsinn ?

die dodlpropaganda der faschisten selbst, nämlich dass der faschismus gegen "das kapital" gerichtet ist, glauben nur sehr naive tölpel... so wie nur sehr naive tölpel an die soziale mission eines herrn strache oder einer frau lePen glauben.

Nein, das Kapital steuert den Faschismus nicht. Aber die beiden können sehr gut miteinander und helfen sich oft gegenseitig.

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