Faschisten wittern Morgenluft

Reportage
  • ...und die Faschisten-Parole "Griechenland den Griechen" auf dem Vorplatz der Panteleimonas-Kirche.
    foto: standard/bernath

    ...und die Faschisten-Parole "Griechenland den Griechen" auf dem Vorplatz der Panteleimonas-Kirche.

"Goldene Morgendämmerung" heißt die Partei der Faschisten, die bei den Wahlen am 6. Mai wohl erstmals ins Parlament kommt

Panteleimonas war ein Wunderheiler, doch in seinem Stadtviertel schwärt heute Athens übelste Wunde. Blaue Hakenkreuze überall an den Hausmauern, griechische Fahnen, trotzig auf Balkonen aufgepflanzt, vor allem die "Hellas"-Schriftzüge auf dem Straßenasphalt markieren das Terrain der Neofaschisten. "Griechenland den Griechen" steht in blauer Farbe und vier Meter groß auf dem Vorplatz der Kirche - damit es die Einwanderer aus Bangladesch oder Nordafrika gleich kapieren. In Agios Panteleimonas, einem heruntergekommenen Viertel nördlich des Athener Zentralbahnhofs, hat sich Chrysi Avgi eingenistet, die Partei der "Goldenen Morgendämmerung". Jetzt setzt sie zum Sprung ins Parlament an.

Alle Umfragen sagen den Einzug der Faschisten bei den Wahlen am 6. Mai voraus. 17 Sitze könnten es werden, vielleicht auch mehr. "Die Unterstützung für uns ist viel höher als die fünf oder sechs Prozent in den Wahlumfragen", behauptet am Telefon Ilias Kasiliaris, Nummer zwei der Partei und Neffe von Nikolaos Michaloliakos, dem Parteigründer. Kasiliaris hat keine Zeit für ein Treffen mit Journalisten, schon gar nicht für ausländische, die keine Stimmen bringen. "Die Griechen wählen uns, weil wir die einzige Partei sind, die die Wahrheit sagt", erklärt er und legt auf.

Die "Wahrheit" steht auf kleinen Aufklebern an Hauseingängen und Lampenpfosten in Agios Panteleimonas: "Ich wähle Chrysi Avgi, damit Griechenland gesäubert wird." Und auf Hausmauern, von den Anarchisten übersprüht und von den Faschisten wieder erneuert. Parolen wie "Arbeit für griechische Arbeiter" oder "Werft den Koran ins Feuer". Eine Moschee in einem Kellergeschoß unweit des Attiki-Platzes steckten Anhänger von Chrysi Avgi im vergangenen Jahr in Brand.

Der Wahlkampf der regierenden Sozialisten und Konservativen hat sich der Kampagne gegen die Ausländer schon gebeugt, zu groß ist der Druck durch die Faschisten und durch rechtsgerichtete Parteien wie die Orthodoxe Volksversammlung (Laos) und die Unabhängigen Griechen geworden.

"Wir müssen unsere Städte zurückerobern", sagt Antonis Samaras, der Chef der konservativen Nea Dimokratia und mögliche nächste Premier. Als "Hygiene-Bombe, die vor der Explosion steht" bezeichnet der Minister für öffentliche Ordnung, der Pasok-Politiker Michalis Chryssohoidis, die illegalen Einwanderer. Er macht den Griechen mit angeblich ansteckenden Krankheiten der Afrikaner und Asiaten Angst. 1,1 Millionen Immigranten soll es in Griechenland geben, 400.000 haben keine Papiere. Nach jahrelangem Zuwarten hat die Regierung den Bau von 30 Sammellagern für illegale Einwanderer angekündigt. Das erste wird nächste Woche nördlich von Athen eröffnet.

5,3 Prozent hat Chrysi Avgi in Athen bei den Kommunalwahlen Ende 2010 erhalten, den ersten Wahlen nach Ausbruch der Finanzkrise und den drastischen Sparmaßnahmen. Neun Prozent waren es in Agios Panteleimonas und in manchen Wahlbüros des Stadtviertels sogar 20 Prozent.

Die Drei-Prozent-Hürde für das Parlament werden die Faschisten nun mit Leichtigkeit nehmen. Staatsbankrott und Immigrantenproblem haben sie stark gemacht. "Sie haben es geschafft, die Einwanderer von den Plätzen im Zentrum von Athen zu vertreiben", stellt der Historiker Antonis Liakos fest. "Die Faschisten haben angefangen, Geschäfte der Griechen zu ,beschützen‘, und starke Organisationen in Schulen aufzubauen. Sie sind ihr Reservoir", sagt der Geschichtsprofessor von der Uni Athen. Nicht ihre nationalsozialistische Ideologie habe Chrysi Avgi populär gemacht, sondern das Ausländerthema. "Die Leute fühlen sich nicht mehr durch den Staat geschützt."

Nächtliche Patrouillen

Nachts patrouillieren Kommandos von Parteianhängern durch das Viertel, tagsüber drücken sich junge Männer in Trainingsanzügen mit ihren Hunden an Straßenecken herum. Die Polizei duldet die einschüchternde Präsenz der Faschisten. Petros Constantinou, ein linksradikaler Politiker aus Agios Panteleimonas, geht noch weiter: "In Griechenland hat die Polizei immer schon mit den Faschisten zusammengearbeitet."

Constantinou ist der Gegenspieler von Michaloliakos, dem Chef von Chrysi Avgi. Beide waren 2010 als Abgeordnete in den Athener Stadtrat gewählt worden. Im Jänner 2011 kam es zum Eklat. Weil Michaloliakos zu den Sitzungen mit einem Trupp schwarz gekleideter und angeblich bewaffneter Parteimitglieder erschien, protestierte Constantinou lautstark. Im folgenden Tumult trat Michaloliakos (55), vorbestrafter Rechtsextremist, den Rückzug an. Zum Abschied erhob er zweimal den Arm zum Hitlergruß. (Markus Bernath aus Athen, DER STANDARD, 28.4.2012)

Share if you care