Freundliche Öffnung der Orchesterarbeit

Interview

Seit 2010 hat das ORF RSO Wien mit Cornelius Meister einen sehr präsenten neuen Chefdirigenten

Am 8. Mai musiziert er im Musikverein, am 11. Mai eröffnet er die Wiener Festwochen. Daniel Ender sprach mit ihm.

STANDARD: Maestro Meister, Sie haben früh und schnell Karriere gemacht. Haben Sie bei der Arbeit mit dem RSO Wien eigentlich mehr Ihre eigene Entwicklung oder jene des Orchesters im Auge?

Cornelius Meister: Idealerweise sind sich die Ziele des Dirigenten und des Orchesters so ähnlich, dass man sich genau deswegen über Jahre hinweg zu einer festen Beziehung entschließt. Das RSO und ich haben ganz klare gemeinsame inhaltliche Schwerpunkte. Ich bin als Dirigent offen für Neues, und es ist mir daher wichtig, möglichst viele Uraufführungen selbst zu dirigieren. Ebenso bin ich neugierig gegenüber lange nicht gespielten Werken, die manchmal auch im Gesamtwerk von sehr bekannten Komponisten schlummern, bei denen man es gar nicht erwarten würde. Auch hinsichtlich der äußeren Ziele (Tourneeplanung, Aufnahmen) besteht größte Übereinkunft. Die letzte Japan-Tournee wurde von jenen, die alle bisherigen Gastspiele erlebt haben, auch aufseiten der japanischen Gastgeber, zu den erfolgreichsten gezählt. Das freut mich natürlich.

STANDARD: Haben Sie den Eindruck, dass sich das Orchester seit Ihrem Amtsantritt verändert hat? Worauf legen Sie die Schwerpunkte in der Probenarbeit?

Meister: Wir arbeiten stets daran, die stilistischen und klanglichen Unterschiede weiter herauszuarbeiten, wenn wir uns etwa mit dem Übergang von der Spätromantik zur Moderne beschäftigen. Wir haben an diesen Werken viel erarbeitet, mit dem sich das RSO noch nicht so oft beschäftigt hatte. Unsere Sibelius- und Martinu-Zyklen erfreuen sich auch beim Publikum großer Beliebtheit. Dass ein Konzert mit der vierten Martinu-Symphonie (gestern, Freitag, im Konzerthaus, Anm.) ausverkauft ist, bestärkt uns in unserer Programmplanung. Wir haben uns in letzter Zeit noch mehr geöffnet, etwa mit unserem großen Konzert im Donauzentrum, wo wir ganz neue Publikumsschichten angesprochen haben, die vielleicht überhaupt noch nie ein Symphonieorchester live gehört haben. Dazu gehören auch unsere Konzerte mit FM4. Ö1 bleibt unsere Heimat, aber auch mit der Eröffnung der Wiener Festwochen im Fernsehen erreichen wir nochmals ein anderes Publikum.

STANDARD: Können Sie Ihre musikalischen Ziele genauer benennen?

Meister: Wenn man sich 20 oder 30 Jahre alte Aufnahmen mit dem RSO anhört, bemerkt man eine gigantische Entwicklung. Das Orchester ist heute unglaublich flexibel in der Gestaltung. Das bedeutet für mich als Dirigent, dass ich umso spontaner sein kann. Vieles, das man geprobt hat, lässt sich in der Aufführung noch weiterentwickeln. Das ist besonders bei Tourneen wichtig, wenn man dasselbe Stück oft, aber idealerweise immer verschieden aufführt. Das Aufeinanderhören, das gemeinsame Musizieren innerhalb der Instrumentengruppen hat sich in letzter Zeit ebenfalls stark weiterentwickelt.

STANDARD: Bei Ihren Konzerten fällt unter anderem Ihre Körpersprache auf, die mir häufig freundliche Ermunterung und Freudigkeit auszudrücken scheint. Ist dies speziell auf das RSO gemünzt, ist es Teil Ihrer Persönlichkeit, oder kommt es von Ihrer Tätigkeit als Kapellmeister im Theater?

Meister: Ich versuche immer, die Erfahrungen, die ich in der Oper und der Symphonik, aber auch als Pianist sammle, miteinander zu verbinden. Wenn ich bereits Opern von Richard Strauss dirigiert habe, werde ich seine symphonischen Dichtungen anders verstehen. Gerade in der Arbeit mit Sängern habe ich viel gelernt, das mir beim Orchester hilft. Meine Erfahrungen als Kammermusiker haben mir Erkenntnisse für die symphonische Arbeit gebracht. Viele Symphonien entspringen ja über weite Strecken einem kammermusikalischen Kern. Dass ich mich beim Dirigieren freue, stimmt tatsächlich. Es gab bisher kein einziges Konzert, das ich nicht mit ganz großer Lust dirigiert hätte, da ich weiß, dass die Musiker des RSO bereit sind, in jeder Sekunde alles zu geben. Diese Grundsicherheit ist etwas sehr Schönes. Und wenn ich es dann noch schaffe, einen hervorragenden Musiker dazu zu bringen, dass er sogar noch besser spielt, dann habe ich mein Ziel erreicht.

STANDARD: Sind Sie auch bei Ihrer Arbeit im Konzertbereich von Opernerfahrungen geprägt?

Meister: Ich glaube, das wäre etwas verengend. In meinem Terminplan hält sich beides gut die Waage. Selbstverständlich bemühe ich mich bei solchen Werken, in denen es vor allem um dramatischen Ausdruck geht - wie bei manchen symphonischen Dichtungen - darum, diese Dramatik auch herauszuarbeiten. Aber es gibt andere Musik, bei der Opernhaftigkeit völlig fehl am Platz wäre. Glücklicherweise gibt es in unseren Breiten eine große Offenheit beim Publikum, wenn ein Dirigent beide Bereiche pflegt. In anderen Ländern ist das ja nicht so. (Daniel Ender, DER STANDARD, 28./29.4.2012)

Cornelius Meister, geboren 1980 in Hannover, ist seit 2005 Generalmusikdirektor des Theaters und Orchesters Heidelberg, seit 2010 außerdem Chefdirigent und künstlerischer Leiter des ORF Radiosymphonieorchesters (RSO) Wien.

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