Ortloses Heimweh

27. April 2012, 17:41
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Der niederländische Autor Gerbrand Bakker hat einen traumschönen Roman über eine todkranke junge Frau geschrieben

"Am Steinkreis hatte sie sich eigentlich hinsetzen wollen, beschloß aber weiterzugehen. Die Steine waren trocken, die Flechten hellgrau und fahlgelb. In der Nähe des Stechginsters hing ein kaum wahrnehmbarer Kokosgeruch. Sie betrat den natürlichen kleinen Deich zwischen den harten Grasbüscheln. Von den großen schwarzen Rindern keine Spur, sie hörte auch keine Vögel.

Vollkommen allein bewegte sie sich durch diese Landschaft, es war, als wäre sie gar nicht da." Die Landschaft, das ist das zum Meer hin abfallende walisische Hügelland, und "sie", das ist die sich bei Besuchern als Emily ausgebende junge Frau aus Amsterdam, die eigentlich Agnes heißt. Warum genau die Literaturwissenschafterin Knall auf Fall aus ihrem geordneten Leben in den Niederlanden aus- und in die Abgeschiedenheit des walisischen Landlebens eingetreten ist, erfährt der Leser von Der Umweg, des jüngst auf Deutsch erschienenen Romans von Gerbrand Bakker, lediglich aus losen szenischen Rückblenden, aber auf empirische Ursachenforschung kommt es bei Gerbrand Bakker ohnehin nie an.

Dass Agnes krank, sehr krank ist, erschließt sich aus Andeutungen, deren Setzungen der Autor so geschickt vornimmt, dass eine Handlung entsteht, ohne dass diese als "Erzählung hinter einem Prosahügel" (Thomas Bernhard) daherkäme. Als plötzlich der 20-jährige Bradven über die Gartenmauer gesprungen und in Agnes' Leben kommt, scheint es für einen Moment, als sei der Lauf der Dinge noch aufzuhalten, aber auch er wird ihr nicht so recht glauben, dass sie beim Sonnenbad von einem Dachs gebissen wurde, auch er wird nicht verstehen, dass es für einen wundgelebten Menschen an keinem Ort ein Heimischwerden gibt, auch wenn sich zusehends herausstellt, dass auch Bradven ein das Entkommen Suchender ist, der die Wunde Heimat durch unbändiges Tatmenschentum zu stillen sucht.

Während Bradven mit Gartenarbeiten, Einkaufsfahrten und Kochen beschäftigt ist, verbringt Agnes ihre Tage mit Paracetamol- und Koffeinzufuhr ("Einfach nur Kaffee trinken, das konnte man immer"), Kettenrauchen und den erfolglosen Versuchen einer erneuten Vertiefung in Emily Dickinsons Gedichte, von denen sie nicht loskommt, auch wenn sie viele davon für dilettantisch und völlig überschätzt hält: "Plötzlich empfand sie Wut, (...) auch auf Dickinson selbst. Diese Frau, die Zuwendung erzwang, auch wenn sie sich in ihrem Haus und ihrem Garten versteckte. Die mit allem, was sie tat oder nicht tat, wortlos ausdrückte, dass sie nicht beachtet werden wollte, und doch um Anerkennung bettelte wie ein Kind, voller Angst, ihre (...) Sympathien könnten unerwidert bleiben."

"Wird der Sprache nicht mit dieser Aufgabe, den fremden Ton in seiner Fremdheit wiederzugeben, also nicht das Fremde einzudeutschen, sondern das Deutsche umzufremden, etwas Unmögliches abverlangt?", fragt Franz Rosenzweig, ein Zeitgenosse von Walter Benjamin, dessen berühmter Aufsatz Die Aufgabe des Übersetzers den modernen Übersetzungsdiskurs entscheidend geprägt hat.

So bequem und Usus es ist, diese "Unmöglichkeit" beim Besprechen ursprünglich fremdsprachiger Belletristik zu umgehen, indem man sie übergeht, so unumgänglich ist das im vorliegenden Fall, wird der Roman doch von einer englischen bzw. einer übersetzten Fassung des Dickinson-Gedichtes Ample make this bed eröffnet bzw. beschlossen, welches - am cineastischen Rande erwähnt - auch Alan Pakulas gleichnamige Verfilmung von William Styrons Roman Sophie's Choice grundiert und mit dem Maryl Streep 1983 ihren ersten Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann: "Ample make this bed./Make this bed with awe; /In it wait till judgment break Excellent and fair./Be its mattress straight,/Be its pillow round;/Let no sunrise' yellow noise/Interrupt this ground."

Wenn denn gilt, was Franz Fühmann über die Wesenhaftigkeit eines wahrhaftigen Gedichtes schreibt - nämlich dass man mit ihm alles machen könne, außer es zerstören -, dann braucht es keinen besonders großen interpretatorischen Wagemut, um Bakkers Roman in mehrfacher Hinsicht als 228-seitigen Übersetzungsversuch zu betrachten.

Diese Lesart drängt sich bei einer formalen Betrachtung des Textes geradezu auf; die durchgängig wiederkehrenden Zitationen einzelner Verse sind lediglich die vordergründigsten Indizien, ist Bakker doch ein Autor, der uneingeschränkt als Virtuose des Subtilen bezeichnet werden darf. Auch wenn von der ersten Seite an alles gesagt zu sein scheint und auf ein Sad End zuläuft, ist der Roman durch eine unerhörte sprachliche Leichtigkeit gekennzeichnet und führt vor, wie man vom Sterben erzählen und doch in allem lebenszugewandt bleiben kann.

Der Diplomgärtner Bakker weist sich einmal mehr als begnadeter Autor aus, und an dem Umstand, dass die vielleicht wichtigste Neuerscheinung dieses Bücherfrühlings auf so wundersame Weise vom späten Herbst in Wales und dem zu frühen Herbst eines Lebens erzählt, hat der Übersetzer Andreas Ecke maßgeblichen Anteil: "Üppig mach dies Bett./ Scheu und ehrfurchtsvoll;/ Warte dort auf das Gericht/ Feierlich und hell./ Die Matratze glatt Und das Kissen rund;/ Keiner Frühe gelber Lärm/ Störe diesen Grund." (Josef Bichler, DER STANDARD, 28./29.4.2012)

Gerbrand Bakker, "Der Umweg". Aus dem Niederl. von Andreas Ecke. € 20,60 / 228 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2012

  • Legt mit "Der Umweg" den vielleicht wichtigsten Roman des Frühjahrs vor: 
Gerbrand Bakker.
    foto: jürgen bauer/ suhrkamp verlag

    Legt mit "Der Umweg" den vielleicht wichtigsten Roman des Frühjahrs vor: Gerbrand Bakker.

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