Die aus dem Süden kamen

  • Ausgrabungen in Schweden werfen ein neues Licht auf den Beginn der Landwirtschaft in Europa.
    foto: göran börenhult

    Ausgrabungen in Schweden werfen ein neues Licht auf den Beginn der Landwirtschaft in Europa.

Migranten aus dem mediterranen Raum brachten wahrscheinlich die Landwirtschaft nach Mittel- und Nordeuropa

Uppsala/Wien - Südschweden vor gut 5000 Jahren: Der Landstrich gehörte zwar auch damals nicht zu den klimatisch vorteilhaftesten Gegenden Europas, doch an natürlichen Ressourcen herrschte wohl kein Mangel. Die Region war bereits bewohnt, für Menschen gab es offensichtlich genug zu essen.

Und die Bevölkerung war de facto multikulturell. An einigen Flecken wie zum Beispiel bei Gökhem nahe der heutigen Stadt Göteborg hatten sich jungsteinzeitliche Bauern niedergelassen. Sie gehörten der sogenannten Trichterbecher-Kultur an. Andernorts lebten Jäger und Sammler, deren Gebrauchsgegenstände der Grübchenkeramik zugeordnet werden. Die beiden Volksgruppen siedelten etwa 1000 Jahre lang in denselben Regionen. "Sie müssen sich definitiv öfter begegnet sein", sagt der schwedische Forscher Pontus Skoglund im Gespräch mit dem STANDARD. "Es ist allerdings schwierig einzuschätzen, wie viel Kontakt es tatsächlich zwischen diesen Kulturen gegeben hat."

Kulturelle Distanz 

Allzu intensiv dürfte der Austausch indes nicht gewesen sein. Jede Kultur beharrte schließlich über viele Generationen hinweg auf der eigenen traditionellen Lebensweise. Die Kluft zeigt sich auch im Erbgut, berichtet Skoglund. Der Populationsgenetiker der Universität Uppsala hat, zusammen mit schwedisch-dänischen Experten, zum ersten Mal eine detaillierte Untersuchung von chromosomaler DNA aus den Knochen von vier Steinzeit-Schweden durchgeführt. Drei dieser Menschen waren Jäger und Sammler von der Insel Gotland, der vierte ein Bauer aus Gökhem. Alle Gebeine stammten aus circa 5000 Jahre alten Grabstätten.

Die Wissenschaftler isolierten DNA-Sequenzen mit insgesamt 249 Millionen Basenpaaren und verglichen diese untereinander sowie mit dem Erbmaterial von über 2000 modernen Europäern. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die neolithischen schwedischen Landwirte hatten ganz andere genetische Wurzeln als ihre jagenden Nachbarn. Die DNA der Letzteren zeigt am ehesten eine Verwandtschaft mit den heutigen Finnen und Balten. Der Mann aus Gökhem dagegen scheint aus dem Mittelmeerraum zu stammen. Seine Gene sind denen von Bewohnern Zyperns und Sardiniens am ähnlichsten. Eine Analyse der im Skelett eingelagerten Strontium-Isotope beweist aber: Der prähistorische Bauer wurde in weniger als 100 Kilometern Entfernung von seiner letzten Ruhestätte geboren.

Viele Fachleute glauben, die Landwirtschaft habe sich im Rahmen eines kulturellen Prozesses über Europa verbreitet. Demnach hätten Menschen unterschiedlicher Völker die Idee voneinander übernommen und weitergereicht. Die schwedisch-dänische Studie, heuer im Fachmagazin "Science" (Bd. 336, S. 466) veröffentlicht, deutet jedoch in eine ganz andere Richtung. Anscheinend zogen Migranten aus Südeuropa nach Norden, ließen sich dort als Bauern nieder, und blieben lange Zeit unter sich. Eine genetische Vermischung mit den jagenden Ureinwohnern fand zunächst nicht statt. Die Trennung war gleichwohl nicht von Dauer. "Vermutlich wurden die Jäger und Sammler irgendwann assimiliert", meint Skoglund. Die heutigen Schweden zeigen jedoch mit keiner der beiden genetischen Gruppen große Ähnlichkeit. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 27.4.2012)

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