"Postkolonialismus" verschärft die Hungersnot

27. April 2012, 06:15
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Die Nachfrage nach Ackerland in den ärmsten Ländern Afrikas sei ungebremst, besagt eine neue Studie über Landgrabbing

Berlin/Wien - "Das ist eine Art Postkolonialismus, der da stattfindet, sagt Frank Braßel von Oxfam Deutschland. Unterstützt von seiner Organisation, haben fünf europäische Forschungsinstitutionen alles zusammengetragen, was es an Information über das undurchsichtige Phänomen des Landgrabbing gibt: Welche Investoren in welchen fremden Ländern auftreten und welche Ziele sie mit den Aufkäufen von agrarischen Flächen verfolgen.

1217 bekannte Fälle

Das Fazit von 1217 bekannten und deshalb untersuchten Fällen mit einem Flächenausmaß von zusammen mehr als 80 Millionen Hektar: Landgrabbing tritt vor allem in Afrika auf, und da wiederum zumeist in besonders armen Ländern. "Das ist eine Schande, wenn man bedenkt, dass die Ernten der aufgekauften Felder nicht im Land bleiben, sondern in den Export gehen." Da die Nahrungsmittelversorgung in diesen Ländern schon vor den Landverkäufen oft prekär war, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es künftig noch häufiger zu Hungersnöten kommt. Verstärkt wird dies dadurch, dass die Landverkäufe an die ausländischen Investoren in der Regel die fruchtbarsten Äcker umfassen.

Die Nähe zählt

Wie die Studie ausführt, ist es weiterhin vor allem China, das strategische Landkäufe tätigt Pachtverträge abschließt. Auch arabische Länder wie Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und sogar Ägypten treten als Investoren in Afrika, und da vor allem in Ostafrika, auf. Auch aus den reichen Industriestaaten des Norden wurden solche Investitionen bekannt: Aus den USA, aus Japan und aus Europa (Großbritannien, Niederlande, Schweden, Italien, Schweiz).

Auch sei bei Landgrabbing eine Art neuer Regionalismus zu beobachten, wird in der Studie aufgezeigt: Länder wie Brasilien, Argentinien und Südafrika suchen außerhalb ihrer Grenzen, aber auf ihrem Kontinent neues Agrarland.

Als Investoren treten häufig Staatsbetriebe (China, Südkorea) auf, aber auch Firmen, Großunternehmer und Investmentfonds.

Lokalpolitik profitiert

"Die Situation ist äußerst undurchsichtig", heißt es in der Studie " Transnational Land Deals for Agriculture in the Global South". Wahrscheinlich gibt es viel mehr solcher Transaktionen, als bekannt. Sehr oft sitzen die Regierungen der Länder des Südens mit im Boot und sind nicht zimperlich, was die Vertreibung der ursprünglich ansässigen Bauern betrifft. Regierungen und lokale Politiker profitieren mehr von den Geldflüssen anlässlich eines solchen Kaufs als die vorherigen Besitzer. Um Landgrabbing künftig besser verfolgen zu können, wurde nun eine Datenbank dazu online gestellt. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 27.4.2012)

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    Landgrabbing, also die großflächige Landnahme durch andere Staaten oder Konzerne, stellt auch in Äthiopien eine große Bedrohung dar.

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