"Plötzlich wollen Progressive nur mit dem Papst reden"

Interview27. April 2012, 06:15
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Kurienkardinal Kurt Koch über den Umgang mit Pius-Brüdern und ungehorsame Pfarrer im Vatikan

STANDARD: Die Reformer machen Druck, die österreichische Pfarrerinitiative rund um Helmut Schüller möchte einen Termin beim Papst. Wird es dazu kommen?

Koch: Nein. Ich glaube nämlich nicht, dass die Gespräche hier an Ort und Stelle in Österreich so ans Ende gekommen sind, dass man nur noch mit dem Papst reden kann. Oder anders gesagt: Wenn man an einem konkreten Ort Probleme hat, redet man mit dem Bürgermeister - und nicht gleich mit dem Bundespräsidenten.

STANDARD: Beschäftigt die Pfarrerinitiative überhaupt Rom?

Koch: Da bin ich der falsche Ansprechpartner, ich bin zuständig für die Ökumene, also für alle jene, die nicht der katholischen Kirche angehören. Und ich gehe davon aus, dass die Pfarrer der Initiative zur katholischen Kirche gehören.

STANDARD: Sie sind erst zuständig, wenn die Pfarrer verstoßen sind?

Koch: Vom Aufgabengebiet her schon - aber ich hoffe das nicht.

STANDARD: Bei den Lefebvre-Brüdern tut man sich hingegen überraschend leicht. Mit Ultrakonservativen wird geredet, mit der österreichischen Pfarrerinitiative nicht. Ist das nicht merkwürdig?

Koch: Bei den Pius-Brüdern geht es nur darum, die Türe zu öffnen und Gespräche zu führen. Das Ergebnis steht noch nicht fest. Man muss die Ebenen unterscheiden. Wenn die Lefebvre-Bewegung nur eine Wiener Angelegenheit wäre, dann würde sich der Vatikan auch nicht damit beschäftigen. Die Lefebvre-Bewegung agiert weltweit. Die Pfarrerinitiative ist ein rein österreichisches Ereignis.

STANDARD: Also zu klein für Rom?

Koch: Nein, aber wir wollen unsere katholischen Prinzipien aufrechterhalten. Die Verantwortung, die die Bischöfe haben, wollen wir respektieren. Mich erstaunt, dass Progressive plötzlich alle Bischöfe ausschalten und nur mit dem Papst reden wollen.

STANDARD: Es gibt ja auch in anderen Ländern Reformbewegungen. So klein ist das alles nicht. Muss Rom nicht mehr hinhören?

Koch: Natürlich hört man all diese sogenannten Reformer. Ich war 15 Jahre Bischof, es gab keinen Pastoralbesuch ohne diese Fragen. Aber: Es wird ja immer vom Reformstau gesprochen. Und dass Fragen nicht entschieden sind. Nur: Diese Fragen sind längst entschieden. Papst Johannes Paul II. hat klar gesagt, dass die katholische Kirche keine Kompetenz hat, die Frauenordination einzuführen.

STANDARD: Sie sagen, man habe in der Ökumene "kein gemeinsames Ziel". Ist das nicht eine Bankrotterklärung?

Koch: Nein, das würde ich so nicht sehen. Es gibt in allen menschlichen Beziehungen Krisen und Schwierigkeiten, wo man nicht mehr genau weiß, in welche Richtung man geht. Dann ist es notwendig, Zwischenhalt zu machen und sich neu zu orientieren.

STANDARD: Wie sollte eine ökumenische Neuorientierung aussehen?

Koch: Generell ist das schwierig zu sagen. Wir haben insgesamt 16 verschiedene Dialoge mit 16 verschiedenen Kirchen. Der Dialog mit den orthodoxen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen hat eine ganz andere Richtung als jener mit den reformatorischen Kirchen. Mit den Orthodoxen haben wir eigentlich keine Diskussion über das Ziel der Ökumene. Wir haben auch ein breites gemeinsames Fundament über das Kirchenverständnis. Wohingegen wir mit den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen viel grundlegendere Fragen diskutieren müssen.

STANDARD: Johannes Paul II. hat mit der Enzyklika "Ut unum sint" von der Möglichkeit eines neuen Verständnisses des Papstamtes gesprochen, um Ökumene zu ermöglichen. Die Enzyklika ist rund 17 Jahre alt. Was ist jetzt das neue Papstverständnis?

Koch: Es war ein großer Schritt von Papst Johannes Paul II., alle Kirchen einzuladen, mit ihm in einen Dialog zu treten, um eine Form des Petrus-Dienstes zu finden, der nicht mehr ein Stolperstein für die Ökumene ist, sondern eine Hilfe. Da sind viele Antworten gekommen. Die müssen ausgearbeitet und bewertet werden. Ein Resultat gibt es noch nicht. (Peter Mayr, Markus Rohrhofer, 27.4.2012)

KURT KOCH (62)

ist Schweizer Theologe, Kurienkardinal im Vatikan und ehemaliger Bischof von Basel. Seit Juli 2010 ist Koch Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

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