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vergrößern 800x450Momentaufnahmen der weltweiten Occupy-Bewegung (hier: Zürich): "Art Covers Politics" von Rafa Tomas.
"Wo ist hier eigentlich die Kunst?" Diese Frage, mit der gelegentlich ein Spießbürger gegen die Zumutungen des modernen Ausstellungsbetriebs aufbegehrt, wurde am Mittwoch in Berlin auch in einem neuen Zusammenhang hörbar. Denn bei der Eröffnung der 7. Berlin Biennale waren es auch die Profis, die dies fragten. Daraus kann man schließen, dass es dem polnischen Kurator Artur Zmijewski gelungen ist, klassische Diskussionslinien der Moderne weiter hinauszuschieben.
Denn dass Kunst alles sein kann, als was sie auf den ersten Blick nicht erscheint, das wäre ja nur ein alter Hut. Ist es aber möglicherweise auch noch Kunst, wenn eine Ausstellung offensichtlich zur Gänze und nicht nur mit ein paar ergänzenden Veranstaltungen auf Systemveränderung hinaus will? Die Antworten auf diese Fragen sind so vage wie das Prozedere, mit dem bei den jungen Occupy-Bewegungen in aller Welt diskutiert wird. Klar ist, dass Zmijewski die Biennale in einem hohen Maß "besetzen" ließ.
Im Hauptraum in den KunstWerken ist ein Zeltlager aufgebaut, in dem die zumeist jüngeren Leute sich niederlassen können, die nach der Räumung des Camps vor dem Reichstag nach einem neuen Versammlungsort suchen (weitere Okkupanten aus aller Welt sind auch vertreten, inzwischen gibt es auch schon ein "Occupy Museum"). Schon bei der Pressekonferenz vor der Eröffnung waren es vor allem Leute von Occupy, die das Wort ergriffen, während das Team sich kurz fasste. Auf diese Weise wurde der üblicherweise frontale Vortrag schon einmal in eine vermittelte Kommunikation aufgehoben.
In ähnlicher Weise ist die gesamte 7. Berlin Biennale weniger denn je eine Veranstaltung, bei der man sich Dinge ansieht, die jemand an die Wand gehängt hat. Im Grunde müsste man sich jetzt ein paar Wochen Urlaub nehmen, um in den von zahlreichen Graffitis, Plakaten, Parolen, Diagrammen, Zitaten begleiteten Diskussionsprozess einzutreten, der bei dieser Biennale vorgesehen ist. Zmijewski selbst hat mit seinen Videoarbeiten dieses Element Workshop selbst schon in den Mittelpunkt gestellt, als Filmemacher der streitbaren Demokratie.
Dokumentation von Aktion
Bei der Biennale tritt er nun aber als Regisseur einer großen Improvisation auf, die zum Beispiel in den russischen Aktivisten der Gruppe Wojna Mitstreiter sucht. Voina leben im Untergrund, was sie machen, ist keine Kunst, hat aber aktionistischen Charakter. Die jungen Frauen, die in der Ukraine barbusig gegen Sextourismus und Frauenausbeutung kämpfen, sind in den KunstWerken in einem Video vertreten. Die Dokumentation von Aktionen ist bei der Berlin Biennale 12 gleichwertig neben die eigentlichen Arbeiten getreten.
Man muss in den KunstWerken ganz nach oben gehen, um zu einer der handgreiflichsten Arbeiten zu gelangen: Der polnische Künstler Lukas Surowiec hat 320 Birkensetzlinge aus dem Gebiet der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau nach Berlin gebracht und wird diese nun sukzessive in die Stadt verpflanzen. Auf diese Weise entsteht ein diskretes, weiteres Holocaust-Mahnmal, das aber eher neben die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig tritt, die an vielen Orten in den Boden eingelassen sind und an deportierte Menschen erinnern.
Mit der konsequenten Ausrichtung auf den Berlin nahen Osten, auf Polen, Ukraine, Weißrussland und Russland, hat Zmijewski der Stadt zweifellos etwas Gutes getan. Denn diese historischen Verbindungen werden viel langsamer wieder aufgegriffen als die alten Westbindungen, die sich nicht zuletzt auch in den Karrieren früherer Biennale-Kuratoren niederschlagen. Die erste Berlin Biennale 2002 trug wesentlich dazu bei, einen Kunstmarkt wachzuküssen, der dann vor vier Jahren ein rauschendes Fest erlebte, von dem die Biennale 2010 unter Katrin Rhomberg und die diesjährige nur Ausnüchterungen darstellen.
Doch Zmijewski verbindet diese Absage an eine Biennale, die zur Reserve-Messe geraten war, mit einem guten Gespür für theatralische Gesten. Und so wird es sich in den kommenden Wochen erst erweisen müssen, ob zum Beispiel das "Reenactment" (deutsch: Nachspielen) der Schlacht um Berlin 1945 mehr sein kann als nur ein Gaudium für ein Kunstpublikum, das zwischen trockener Institutionenkritik und hedonistischer Feierlaune häufig so etwas wie eine Parallelaktion zu den Finanzmärkten aufgeführt hat.
So viele Revolutionen, wie diese 7. Berlin Biennale in Ansätzen dokumentiert und begleitet, kannte nicht einmal der Arabische Frühling, von dem diese Schau natürlich auch inspiriert wurde. Nach zwei Monaten bei freiem Eintritt wird sich die Frage "Wo war die Kunst?" wahrscheinlich dem Publikum nicht mehr stellen. Die Experten aber dürften dann noch einiges nachzuarbeiten haben, aber die sind dann längst bei der Documenta. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 27.4.2012)
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Möglich dass das Angebot an die Occupy-Leute von diesen genutzt wird. Möglich dass der Prozess manch Interessantes zeitigt. Möglich ist es. Denkbar. Aber auch die umgekehrte Richtung könnte interessant sein, mehr noch sogar. Ein Besuch der Kunst respektive der KünstlerInnen im Celt-Lager:http://celle.k-haus.at/occupy
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