Das blinde Beharren auf alten Rezepten

Der Familienfilm "Kuma" erzählt stereotyp von gewaltsam konservierten Traditionen

Wien - Schon die Hochzeit in Anatolien ist ein abgekartetes Spiel. Unter dem Vorwand, dass sich Hasan (Murathan Muslu), Sohn einer türkisch-österreichischen Familie, endlich für eine Frau entschieden hat, wird die 19-jährige Ayse (Begüm Akkaya) nach Wien überführt. Dort dient sie als Zweitfrau von Familienvater Mustafa (Vedat Erincin): Freundlich fügt sie sich in den Familienverbund. Sie spricht zwar kein Wort Deutsch, zeigt sich aber im Haushalt versiert, und wenn sie nächtens vom Alten bestiegen wird, strahlt sie am Morgen sogar besonders.

Kuma, das Spielfilmdebüt des kurdisch-österreichischen Regisseurs Umut Dag, breitet den Alltag einer Einwandererfamilie aus, die jedem Integrationsexperten als besonders harte Nuss gelten muss. Von der Außenwelt weitgehend abgeschirmt, hat man sich im Inneren einer nur von milchigem Licht durchzogenen Wohnung seinen traditionellen Wertekatalog bewahrt. Probleme werden nach altem Rezept gelöst. Ausgestellt und eingelöst werden diese allerdings nicht vom Vater, wie man vermuten könnte - es ist die 50-jährige Fatma (Nihal Koldas), die im Stillen die Zukunft der Familie absichern will.

Kuma funktioniert nach dem Muster einer dramatischen Eskalation, die sich jedoch in entschleunigtem Tempo vollzieht. Mit der Zweitfrau, die sich zunächst noch wie die ideale Tochter gebärdet (im Unterschied zur aufmüpfigen, westlich geprägten Brut), gerät das autoritäre Konzept der fremdbestimmten Lebensführung selbst in die Krise.

Dag orientiert sich inszenatorisch allerdings selbst an einer denkbar konservativen Form. Nicht nur in der monotonen Abfolge der Konfrontationen zwischen Familienmitgliedern, denen man mit der einen oder anderen gegenläufigen Wendung gegensteuern will, erinnert der Handlungsverlauf an fernsehübliche Soap-Formate. Die Figuren entwickeln kaum Eigenleben, weil sie nach stereotypen Rollenbildern entworfen sind. Anstatt Widersprüche auszutragen, bleiben sie auf einseitige Ideen beschränkt.

Das ist umso bedauerlicher, als Dag 2011 mit seinem Kurzfilm Papa eine starke, veristische Studie über die Überforderung eines jungen Vaters vorgelegt hat. In Kuma indes erfasst eine schon dramaturgisch fragwürdige Anhäufung von Schicksalsschlägen die Figuren, was diese ähnlich festlegt wie die Mise en scène. Ein Film, der davon erzählen möchte, dass sich tradierte Formen nur mit Gewalt erhalten lassen, sollte selbst mehr Mut aufbringen, mit Regeln zu brechen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 27.4.2012) 

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