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Die Frage, für wen eigentlich geplant wird und welchen Anforderungen öffentlicher Raum gerecht werden muss, sollte im Vorfeld einer Planung ernsthaft diskutiert werden, sagt Stadtplanerin Wencke Hertzsch.
vergrößern 697x466In einer Untersuchung zum Umbau des Bahnhofs Wien-Mitte zeigte sich, dass öffentlicher Raum nur als Restkategorie behandelt wird, so die Stadtplanerin.
Stadtentwicklung sozial nachhaltig zu gestalten ist noch keine Selbstverständlichkeit, dennoch gibt es immer häufiger Konzepte, in denen die Menschen, die den in Planung befindlichen Raum später nützen werden, bereits im Vorfeld durch Kommunikation und Partizipation in den Entstehungsprozess eingebunden werden. Inwiefern sozial nachhaltige Stadtplanung hierzulande schon funktioniert und was für die Praxis dafür notwendig ist, darüber sprach derStandard.at mit Stadtplanerin Wencke Hertzsch vom Fachbereich Soziologie (ISRA) der TU Wien.
derStandard.at: Öffentliche Räume sind auch immer soziale Räume. Wie sieht das Konzept sozialer Stadtplanung aus?
Hertzsch: Da gibt es viele Einfallswinkel, aber ganz einfach formuliert heißt soziale Stadtentwicklung, mit Menschen und für Menschen zu planen, Wohn- und Lebensbedingungen zu stabilisieren und verbessern, aber auch gesellschaftliche und individuelle Lebenschancen zu erhöhen. Das ist ein Auftrag, den Planung ja auch ganz grundsätzlich hat, also einen Prozess zu gewährleisten, der "alle" berücksichtigt, wobei das "alle" differenziert zu betrachten ist und es natürlich immer unterschiedliche Ziele und Fokusgruppen gibt.
derStandard.at: Lässt sich der Begriff der sozialen Nachhaltigkeit in diesem Bereich genau definieren?
Hertzsch: Der Nachhaltigkeitsbegriff ist meiner Meinung nach generell schwer zu greifen. Im Verständnis der sozialen Nachhaltigkeit spricht man auch von Generationengerechtigkeit. In einer sozial orientierten Stadtplanung mag sich soziale Nachhaltigkeit unter anderem auf die Sicherung von Grundbedürfnissen, Chancengleichheit, kulturelle Vielfalt, Partizipation und Empowerment beziehen. Doch generell sind diese schwer zu evaluieren.
Bei Bauträgerwettbewerben in Wien beispielsweise gibt es seit circa drei Jahren die vierte Säule der sozialen Nachhaltigkeit und es wurde damit auf die Ausdifferenzierung und Heterogenisierung der Gesellschaft reagiert. Darunter werden unter anderem flexible Grundrisse und Wohnformen, Gemeinschaftsräume sowie nutzungsneutrale und partizipativ genutzte Räume verstanden. Es kann aber auch der Freiraum dazwischen sein, der die Anforderungen von unterschiedlichen Gruppen bedienen muss. Diese Auslegung und Umsetzung wird allerdings vielfältig interpretiert.
derStandard.at: Wenn unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammentreffen, können öffentliche Räume zu sozialen Brennpunkten werden. Inwiefern kann eine gute Planung sozialen Spannungen entgegenwirken?
Hertzsch: Für mich gehört da ganz viel Bewusstseinsbildung dazu, und zwar Bewusstseinsbildung auf vielen verschiedenen Ebenen unter der Fragestellung "Für wen wird eigentlich geplant?". Darüber hinaus muss sich bei planungsverantwortlichen und planungshandelnden AkteurInnen noch viel stärker manifestieren, dass kooperative oder partizipative Planungsprozesse sehr sinnvoll sind, um soziale Spannungen abzufedern.
Bahnhöfe und Vorplätze von Bahnhöfen sind prädestinierte Beispiele, wenn wir über soziale Spannungen und öffentlichen Raum sprechen. Sie bilden mehr oder minder das Wohnzimmer der Gesellschaft ab und zeigen, dass alle gesellschaftlichen Gruppen einen Platz brauchen und zu finden haben. Die Praxis sieht aber leider oft so aus, dass solche Räume baulich so gestaltet sind, dass sogenannte "Randgruppen" - die ja nur gesellschaftlich so tituliert werden - oft keinen Platz mehr finden.
derStandard.at: Durch welche planerischen Maßnahmen im öffentlichen Raum wird diese Exklusion gewisser Gruppen sichtbar?
Hertzsch: Grundsätzlich stehen wir dem Phänomen der Ausweitung privater Interessen im öffentlichen Raum gegenüber, vor allem im Umfeld von Bahnhöfen und Einkaufszentren. In einem - nicht mehr sichtbaren - Wechselspiel zwischen privatem und öffentlichem Raum verschwimmen private und öffentliche Interessen. Pflege und Unterhalt dieser Räume sind verbunden mit den Zielen Sicherheit, Sauberkeit und Service und münden oft in eine Wegweisemöglichkeit unerwünschter Gruppen.
Manchmal zeigt es sich in der Gestaltung, dass zum Beispiel keine Bänke mehr aufgestellt werden. Oder wenn sie aufgestellt werden, sind sie so gestaltet, dass nur ein kurzfristiges Verweilen möglich ist, um gewissen Szenen den Aufenthalt zu erschweren und sie vom Ort zu verweisen. Es braucht einen Diskurs, was Stadt und öffentlicher Raum an dieser Stelle auffangen müssen, der schon im Vorfeld in die Planungsprozesse integriert wird.
derStandard.at: Kommt dieser Diskurs gewöhnlich zu kurz?
Hertzsch: In einer Untersuchung unseres Fachbereichs zum Umbau des Bahnhofs Wien-Mitte zum Beispiel zeigte sich, dass öffentlicher Raum einfach nur als Restkategorie behandelt wird. Es gab von Anfang an keine Überlegungen, keine Visionen, was dieser öffentliche Raum tatsächlich leisten muss. Es hat sich in den Gesprächen mit Planungsverantwortlichen gezeigt, dass dies auch ein sehr angstbesetzter Raum ist, weil man auch immer daran denkt, wer sich bei Bahnhöfen aufhält.
Das werden nicht nur die Passanten sein, sondern auch die Gruppen, die schon im Vorfeld da waren und die diesen Ort aufgrund der hohen Frequenz nutzen, etwa um ihren Lebensunterhalt zu sichern, indem sie Straßenzeitungen verkaufen oder um Geld bitten. Wünschenswert an dieser Stelle ist die frühzeitige Berücksichtigung des öffentlichen Raumes in einem großen Planungsvorhaben und den damit verbundenen Anforderungen, die an ihn gestellt werden.
derStandard.at: Sie meinen also, soziale und gesellschaftliche Aspekte werden bei der Planung vieler Projekte einfach ausgeklammert, weil es ein unangenehmes Thema ist?
Hertzsch: Die Praxis sieht so aus, dass sehr viel "designing out" sozialer Probleme stattfindet. Damit meine ich das vorhin beschriebene Phänomen der Hochglanz-Gestaltung öffentlicher Räume und die Wegweisungsmöglichkeiten unter der Prämisse Sicherheit, Sauberkeit und Service im Sinne einzelner Gruppen.
Gewisse Gruppen haben dann gar keine Möglichkeit mehr, sich dort aufzuhalten. Entweder weil der Raum so unattraktiv gestaltet wird oder sie ins letzte zugige Eck abgeschoben werden, wo sie tatsächlich auch kein Geld mehr verdienen können. Der jeweilige Platz ist dann zwar "geordnet" und "sauber", die sozialen Probleme sind aber allenfalls verlagert.
derStandard.at: Was sollte im Sinne einer sozialen Raumplanung also anders gemacht werden?
Hertzsch: Für mich fängt Sensibilisierung auf vielen Ebenen an und ist ganz grundsätzlich mit der bereits erwähnten Frage verbunden: "Für wen wird eigentlich geplant und welchen Anforderungen muss öffentlicher Raum gerecht werden?" Diese Frage muss ernsthaft und anlassbezogen diskutiert werden. Das Setting der sozialen Gruppen, die in irgendeiner Form einen "Anspruch" an einen Raum haben, muss aufgespannt werden und die Erwartungshaltungen davon abgeleitet werden. Es geht darum, genau das abzufragen, ernst zu nehmen und es nicht nur als Alibihandlung zu verstehen.
derStandard.at: Bei einem Projekt wie einem neuen Bahnhof ist aber der Wunsch, gewisse in der Gesellschaft ohnehin "unerwünschte" Gruppen in die Planung einzubinden, wohl nicht sehr groß.
Hertzsch: Ja, aber genau dafür ist soziale Stadtteilentwicklung und sozial nachhaltige Planung auch da. Für mich heißt es, diese Gruppen genauso in den Fokus zu nehmen, und nicht nur für die gutbürgerliche Mitte den Raum zu gestalten. Gesellschaft ist einfach vielfältiger.
derStandard.at: Welche Möglichkeiten in der Planung gibt es, die Akteure des öffentlichen Raums in der Gestaltung mitbestimmen zu lassen?
Hertzsch: Es geht darum, öffentliche Räume nach den Bedürfnissen unterschiedlicher NutzerInnengruppen zu planen. Um diese Bedürfnisse feststellen zu können, braucht es aus meiner Perspektive erstens ein Mehr an sozialraumanalytischen Zugängen und zweitens ein Mehr partizipativer oder kooperativer Planungsprozesse.
derStandard.at: Wie sieht solch ein sozialraumanalytischer Zugang aus?
Hertzsch: Bei einer Sozialraumanalyse schaut man nicht nur auf einer quantitativen Ebene, welche Konzentration von sozialen Gruppen in welchem Einzugsbereich ist, die den Raum nutzen, sondern geht auch ganz stark in den qualitativen Bereich hinein und fragt nach den Bedürfnissen, Anforderungen und Erwartungshaltungen, die diese Gruppen an den Raum stellen. Darüber hinaus stehen nachbarschaftliche Netzwerke und Akteurssettings im Fokus. Einerseits geht es um eine Bestandsaufnahme, andererseits um eine Aktivierung der Akteure und Gruppen, die später die Räume bespielen und nutzen werden. Wo liegt ihr Interesse, was soll an den Orten passieren, welchen Beitrag können und wollen sie dafür leisten?
Das dabei angewandte Methodensetting ist breit gefächert und erstreckt sich von raumbezogenen bis zu intervenierenden Methoden. So etwas kann in Form einer aktivierenden Befragung passieren, oder aber auch mit sogenannten aufsuchenden Beteiligungen, um mit schwer erreichbaren Gruppen wie PensionistInnen, MigrantInnen oder auch AlleinerzieherInnen zu arbeiten. Es geht vor allem darum, nicht erst dann zu reagieren, wenn die Konflikte schon aufbrechen, sondern einen behutsameren und sensibleren Blick im Vorfeld zu haben. (Jasmin Al-Kattib, derStandard.at, 26.4.2012)
Wencke Hertzsch ist Stadt- und Regionalplanerin und arbeitet als Universitätsassistentin an der TU Wien im Fachbereich Soziologie (ISRA) der Fakultät für Architektur und Raumplanung und des Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung.
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Was haben Sie gegen Sicherheit, Sauberkeit und Service einzuwenden?
Die meisten Menschen, die den öffentlichen Raum- beispielsweise im Bahnhofumfeld oder in Parks- nutzen, legen durchaus Wert darauf.
Für Randgruppen, die sich absolut nicht anpassen wollen und andere Menschen durch ihr Verhalten belästigen, gibt es etliche spezielle Angebote (Gruft, Ganslwirt usw.)
geradezu lachhaft. die hat sich schon längst mehrheitlich (bis auf ein paar restgruppen in der innenstadt) in den grünen gürtel rund um wien verzogen.
im gegenteil würde ich fordern, dass die stadtplanung gerade wieder auf diese gruppe mehr eingeht, sonst wird ganz wien bald nur mehr von "slums" bedeckt sein.
ich finde es aber interessant, wie die wahrnehmung von gewissen gruppen teilweise so stark an der realität vorbeigeht.
nur eine statistik aus dem jahr 2010 gefunden.
von den 10 kaufkraftstaerksten bezirken oesterreichs sind 9 in wien. der 4. ist moedling, damit die speckguertler nicht traurig sind. die verachteten bobos und ihre eltern, die doeblinger regimenter, sind halt keine gespenster, sondern echte menschen mit echtem geld.
...finde aber sie haben recht...die stadt ist entweder zugepflaster mit mini-wohnungen und den dazu gehörigen parks (oder auch käfigen genannt), und je näher man zur stadt gelangt, desto weniger wohnraum gibt es, hier gibt es nur mehr büros...sollte die stadtplanung versuchen hier wieder einen mix zu etablieren...
"Designing out" ist das Stichwort. Ich ärgere mich schon lange über die fehlenden Bänke in neuen U-Bahn-Stationen (U2). Da wird offensichtlich versucht, Sandler fernzuhalten. Das allein ist schon verräterisch asozial, dazu kommt, dass sich auch ältere oder behinderte oder verletzte Menschen nicht mehr hinsetzen können.
Die neue "Gestaltung" der Karlsplatz-Passage lässt auch nichts Gutes erwarten. Und die neuen Bahnhofs-Monster sind ja vor allem Shoppingmeilen. Das einzige, was da für Randgruppen drin sein könnte, wäre ein 1-Euro-Shop.
Neun Zehntel des öffentlichen Raums gehen für die depperten Blechkistenritter drauf, die alle mit Lärm und Abgasen belästigen.
Und das restliche Zehntel will Hertzsch so verteilen, dass sich die Öffi-Nutzer zwischen Sandlern und Bettlern durchschlängeln müssen.
Es sollen sich alle den ihnen zustehenden öffentlichen Raum holen, Radfahrer, soziale Randgruppen und wer sonst noch immer.
Aber gefälligst von jener militanten Minderheit, die sich den Großteil unter den Nagel gerissen und die Stadt zu einer lebensfeindlichen Verkehrshölle gemacht hat.
Und nicht von jener Mehrheit an Vernünftigen, die ohnehin schon auf viel Komfort verzichtet und die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt.
...welche vollidioten gegen die citymaut gestimmt haben...bin alles andere als ein grüner, öko-fahrradfahrer, aber das auto IN WIEN gehöt höher besteuert...ich reise auch viel und die öffentlichen verkehrsmittel in wien sein ein traum...im endeffekt geht man in wien zwei gassen und hat eine öffetnliche anbindung...wo gibt es das sonst...und das bis nach 1230 und 1220 oder auch in 1190...daher citymaut, park´n´ride und ab in die öffis, bis auf mautzahler (wie zb. liefernaten, etc.)
Die Blechkistenritter sind gleichzeitig Melkkühe der Nation.
Der Sandler auf der Parkbank im Estehazypark bekommt sein Blechweckerl vom Sozialamt gezahlt, das von der Milch der oben erwähnten Kühe lebt.
Die Paradeiser und Karotten wandern nicht von selbst ins Regal, auch nicht eines Bobo-Veganer-Hipsterladens.
grundsätzlich nicht uninteressant, aber halt ein bisserl realitätsfremd.
anstatt den architekturstudenten die skills mitzugeben, sich im harten bau- und projektentwicklungsgeschäft zu behaupten, dürfen solche traummännlein in pflichtvorlesungen vortragen und wertvolle zeit stehlen
wens interessiert, der soll sich das in wahlfächern reinziehen
gerade architekten sollten mehr wissen über solche zusammenhänge haben, dann würde nicht jede erdachte lösung einer baulichen lösung entsprechen und glauben sie mir ich war einer der sehr hart mit dem isra an der tu in die kritik gegangen ist allen voran deren "heiland", jens dangschat,. die inhalte sind nämlich trotz allem wichtig, aber die vermittlung der inhalte leider eine katastrophe inklusive scheiß prüfung und katastrophaler zustände in richtung korrektur und zeithorizonte!
Ich hoffe sie studieren nicht wirklich Architektur oder Raumplanung mit dieser Einstellung. Wenn sie denken im Studium geht es nur darum die Skills zu erlernen, sich da draußen zu behaupten, dann haben sie wohl nicht verstanden was Bildung bedeutet. Machen sie einen Humboldkurs oder so, da gibts Skills!
wenn sie ein planungsbüro mit mehreren mitarbeitern führen wollen, diese auch leistungsgerecht bezahlen und nicht bei jedem projekt vor gericht stehen wollen, sind "skills" kein nachteil, und da hat die universitäre ausbildung der arch. in österreich SCHWERSTE defizite, und nicht nur das, die vermitteln den studierenden ein romantisches bild des berufes, und das finde ich unverantwortlich
wenn ihnen in der branche der soziale touch abgeht, werden sie dompteur des flohzirkus einer baugruppe, aber nachher bitte nicht weinen, wenn sie nicht davon leben können
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