Was nach dem Krebs kommt

Interview3. Mai 2012, 15:28
5 Postings

Welche Patienten für eine onkologische Rehabilitation in Frage kommen und wieso wenige Anträge gestellt werden, weiß der Onkologe Christoph Wiltschke

Immer noch nehmen Patienten und Ärzte in Österreich zu wenig wahr, dass es die Möglichkeit einer onkologischen Rehabilitation gibt. Von einer organspezifischen Rehabilitation hält der Onkologe Christoph Wiltschke wenig.

derStandard.at: Wie werden die Patienten in onkologischer Rehabilitation genau betreut?

Wiltschke: Die onkologische Rehabilitation wird für jeden Patienten individuell zusammengestellt und dauert etwa drei bis vier Wochen. Es ist kein reiner Wellnessaufenthalt, sondern ein anhand von medizinischen Erfahrungen geplanter Ablauf. Der Patient wird informiert, wie man mit den Problemen, die durch die Erkrankung und die Therapie hervorgerufen wurden, im Alltag besser umgehen kann, etwa mit Hilfe von Änderungen beim Lebensstil oder bei der Ernährung.

Die allgemeine sportlich-physikalische Behandlung hat das Ziel, die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern, denn viele Patienten haben nach der Krebsbehandlung Muskeln abgebaut. Zusätzlich können spezielle physikalische Behandlungen wie Lymphdrainagen erforderlich sein, um Schwellungen und Bewegungseinschränkungen nach Operationen zu verringern. Eine dritte wesentliche Behandlungsschiene ist die psychoonkologische Betreuung. 

derStandard.at: Oft wird kritisiert, dass es in Österreich im Vergleich mit anderen EU-Ländern geringere Rehabilitationsmöglichkeiten für Patienten nach einer Krebsbehandlung gibt. Hat sich die Situation verändert?

Wiltschke: Ja, seit zwei Jahren laufen erfolgreich Gespräche mit Gesundheits- und Sozialministerium, um spezifische Zentren, zu denen etwa der Sonnberghof im Burgenland gehört, auszubauen. Es ist nicht so, dass es bisher keine Rehabilitationsmöglichkeiten gegeben hat, es hat sie nur weniger gegeben.

Die Patienten wurden bisher zum Teil organspezifisch Rehabilitationszentren zugeteilt. Lungenkrebserkrankte beispielsweise werden in einem Lungenrehabilitationszentrum betreut, Darmkrebspatienten in einem Stoffwechselrehabilitationszentrum. Das ist aber oft nicht zielführend, weil die onkologische Rehabilitation eigene Bedürfnisse hat, insbesondere die häufig erforderliche psychoonkologische Betreuung. Diese organspezifische Aufteilung ist also keine optimale Lösung, in Zukunft sollten doch möglichst alle Krebspatienten - mit Ausnahme der Hirntumorpatienten, die in der neurologischen Rehabilitation bleiben - in onkologischen Rehabilitationszentren behandelt werden. 

derStandard.at: Wie viele Plätze gibt es in onkologischen Rehabilitationszentren, wie viele werden etwa benötigt? 

Wiltschke: Es gibt doppelt so viele Plätze wie noch vor eineinhalb Jahren, mittlerweile nämlich 350. Das ist ein deutlicher Fortschritt, aber noch längst nicht das Ziel. Angesichts der Fortschritte im letzten Jahr sind wir recht zuversichtlich, dass die Möglichkeiten weiter ausgebaut werden. Wenn man davon ausgeht, dass prozentuell etwa gleich viele Patienten eine onkologische Rehabilitation benötigen wie in Deutschland, bräuchte man in Österreich etwa 900 bis 1.200 Plätze.

derStandard.at: Das sind deutlich mehr Plätze, als derzeit verfügbar sind - gibt es da nicht lange Wartezeiten?

Wiltschke: Das Problem ist momentan nicht so sehr, dass es lange Wartezeiten gibt. Die Patienten können eine onkologische Rehabilitation innerhalb von zwei, drei Wochen antreten, wenn die entsprechenden Voraussetzungen da sind. Es gibt vielmehr das Problem, dass nicht alle Patienten und auch nicht alle Ärzte genügend wahrnehmen, dass es die Möglichkeit einer derartigen Rehabilitation gibt. Onkologische Rehabilitation ist zu wenig bekannt. Bei Krebspatienten ist es noch nicht wie bei Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten, bei denen bereits automatisch an die Rehabilitation gedacht wird. Wir müssen daran arbeiten, dass wirkliche alle Patienten, die dafür in Frage kommen, für eine Rehabilitation ansuchen. 

derStandard.at: Wann kommen Patienten für eine Rehabilitation in Frage?

Wiltschke: Im Wesentlichen muss eine Verbesserungsfähigkeit gegeben sein. Es gibt Krebspatienten, die eine Rehabilitation gar nicht benötigen, weil durch Minimalbehandlungen keine physikalischen oder psychischen Probleme zurückgeblieben sind. Es gibt leider auch Patienten, die von vornherein für eine Rehabilitation nicht geeignet sind, weil sie durch die Erkrankung und die Behandlung so schwer beeinträchtigt sind, dass man keine längerfristigen Verbesserungen erreichen kann. Diese Patienten brauchen eine dauerhafte palliative Betreuung, dafür gibt es spezielle Palliativeinrichtungen, leider auch nicht genug, aber es gibt sie. 

derStandard.at: Gibt es bereits Evaluierungen, welche Erfolge durch onkologische Rehabilitation erzielt wurden?

Wiltschke: Die Patienten in onkologischen Rehabilitationszentren werden wissenschaftlich betreut und die Daten werden laufend ausgewertet. Die Zentren hier in Österreich sind ziemlich neu, nach einem Jahr kann man noch nichts zum längerfristigen Erfolg der onkologischen Rehabilitation sagen. Es gibt aber weltweit schon genügend Studien, die aufzeigen, dass eine onkologische Rehabilitation sinnvoll ist, weil sie eine bessere Lebensqualität gewährleistet oder bei einem Teil der Patienten zu einem längeren Überleben führen kann. Jede therapeutische Maßnahme, die das Leben verlängert, ist ein riesiger Gewinn. 

Für die Sozialpolitik ist der finanzielle Aspekt natürlich wichtig. Die Ausgaben sind überschaubar, eine stationäre Rehabilitation für einen Patienten kostet 2.500 bis 3.000 Euro. Zum Vergleich: Eine Chemotherapie und die dafür nötigen Krankenhausaufenthalte kosten insgesamt oft das Zehnfache. (Sophie Niedenzu, derStandard.at, 3.5.2012)

Christoph Wiltschke arbeitet an der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Klinik für Innere Medizin I am AKH Wien und ist ärztlicher Leiter des onkologischen Rehabilitationszentrums Der Sonnberghof im Burgenland.

  • "Jede therapeutische Maßnahme, die das Leben verlängert, ist ein riesiger Gewinn"
    foto: sonnberghof

    "Jede therapeutische Maßnahme, die das Leben verlängert, ist ein riesiger Gewinn"

Share if you care.