Voodoo für den Doktor

    26. April 2012, 17:09
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    Statt Statuspflege zu betreiben, wollte es Dr. John noch einmal wissen. Recht hat er gehabt. "Locked Down" ist ein Meisterwerk geworden.

    Als man den Doc zuletzt beim Jazzfest in Wien mit müden Fingern über die Tasten navigieren sah, deutete wenig darauf hin, dass diesem Flaggschiff der Stadt New Orleans noch einmal ein Album wie dieses gelingen würde. Doch kosmischer Hokuspokus, Zaubersalz und Voodoo meinten es gut mit Dr. John und sandten ihm Dan Auerbach. Der schuf mit Malcolm John "Mac" Rebennack Jr. das Album Locked Down. Ein Werk, für dessen Entstehung sich gescheite Beobachter den Terminus "Intergenerational Production" ausgedacht haben. Das bedeutete: Junger Hupfer hilft Opa wieder auf die Sprünge; die Zivildiener des Rock 'n' Roll.

    Damit wäre die Arbeitssituation hier besprochen. Nun hat der falsche Arzt selbst im Alter von 71 Jahren noch mehr Leben im kleinen Finger als viele seiner Generation im Viagramuskel. Dennoch wurden seine Alben in den letzten zehn Jahren zusehends beschaulich bis belanglos. Es heißt, die Hände wären nicht mehr so treffsicher und mobil wie früher, der Meister geht längst am Stock, und dass Hurrikan Katrina ihm die Heimat verwüstet hat - solch Schicksal erschüttert in jedem Alter.

    Dan Auerbach ist eine Hälfte des Duos The Black Keys. Diese seit einem guten Jahrzehnt bestehende Band sichtet für ihre Kunst Blues oder Southern Rock, würzt scharf mit Rhythm 'n' Blues und hievt das Ganze ins Jetzt. Der Erfolg gibt ihnen recht, Alben wie Brothers oder El Camino verkaufen sich im siebenstelligen Bereich.

    Mit seiner Produktionsarbeit für Dr. John stellt sich Auerbach in eine Reihe mit Künstlern wie Joe Henry oder Jack White. Auch Damon Albarn (Gorillaz, Blur ...) versucht sich neuerdings in dieser Liga, er hat das kommenden Juni erscheinende neue Album des Soulsters Bobby Womack produziert. Sie alle erstarren nicht in Ehrfurcht vor den großen Namen, sondern wissen, dass diese ihre Möglichkeiten nicht mehr voll ausschöpfen, weil sie von Langeweilern und Ja-Sagern umgeben sind. Das wollen sie ändern.

    Mit einer jungen Band, in der er zur Sicherheit selbst die Gitarre spielt, produzierte Auerbach ein sattes Meisterwerk, eines der bislang überzeugendsten Alben des Jahres. Er setzte John an ein altes Keyboard, auf dem er eine virile Version der von ihm einst mitgeschaffenen Kunst spielt. Das Album rockt, es ist sexy und trägt an keiner Stelle zu dick auf. Während das Keyboard in Songs wie Kingdom Of Izzness trocken knarzt und furzt, uuuhen und ahaen Soul-Damen im Hintergrund Qualitätsware, das fett und funky gespielte Schlagzeug schiebt an. Um Dr. Johns Stimme musste man sich nie sorgen, hier näselt er unvergleichlich, wirkt wie nach einer Morgentoilette im Jungbrunnen. Die stellenweise Einsatz findenden Bläser tröten knapp und demütig, der Mardi-Gras-Ausdrucksjazz bleibt vor der Studiotür wie ein nasser Hund, den man nicht auf den Teppich lassen will.

    Auerbach macht alles richtig. Anstatt aus falscher Rücksichtnahme nur mit halber Geschwindigkeit zu fahren, macht er von Beginn an Druck. Und der Doc frohlockt, drückt Soul aus seinen Tasten und klingt so lässig und kompakt wie lange nicht. Das erinnert ein wenig an die Überzeugungskraft der Band, die den Soul-Gott Charles Bradley unterstützt, nur dass Auerbach eben ein Rock-Kid ist und den Sound hier eindeutig an seiner eigenen Band orientiert. Noch mehr Empfehlung geht gar nicht. (Karl Fluch, Rondo, DER STANDARD, 27.4.2012)

    • Morgentoilette im Jungbrunnen. Dr. John veröffentlicht ein Meisterwerk.
      foto: warner

      Morgentoilette im Jungbrunnen. Dr. John veröffentlicht ein Meisterwerk.

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