Cuba Libretto

    Glosse26. April 2012, 09:00
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    Balkansky hat dem Socialismo Tropical einen Besuch abgestattet: Unterwegs in Kuba, abseits der Touristenzonen

    Nein, Kuba ist kein Arbeiter-Gerechtigkeitsparadies. Und ja, auf Kuba gibt es politische Gefangene. Wer trotzdem mit dem Rucksack und abseits der Touristenzonen reist, entdeckt eine Welt, eingefroren zwischen Vergangenheit und nicht beginnen wollender Zukunft.

    Reiseklasse Ladefläche

    Als wir im August 1997 im Süden Kubas landen, trägt Fidel Castros kleine Reform erste Früchte und viele Kubaner gründen Ein-Personen-Firmen. Manche füllen Einwegfeuerzeuge auf, andere verkaufen einen traditionellen Potenztrunk aus Muscheln im Muschelsaft mit viel Tabasco. Letzteres schmeckt - und führt - zum Kotzen. Über Land reist man auf der Ladefläche von privaten Lastwagen frankensteinscher Herkunft und abenteuerlichen Aussehens, oft stehend, oft ohne Plane, die vor Sonne oder Regen schützt. Auf unserem Weg zur Sierra Maestra, der Wiege der Revolution, entdecken wir eine Stadt, die vom Tourismus der ganz besonderen Art lebt.

    Die Stadt der schönen Jungs

    Bartolomé Masó in der Provinz Granma liegt knapp an der Grenze zum Nationalpark Sierra Maestra und riecht streng nach Melasse, obwohl die große Zuckerfabrik der Stadt seit Jahren ruht. Er spricht uns an, sobald wir vom Lastwagen klettern, und bietet uns eine Übernachtung an. Sweety will nur so genannt werden, ist jung, hübsch und hat einen Walkman. Auch in der Eisbar, wo wir uns erst mal stärken, sitzen lauter junge Männer mit Walkman. Auf Kuba ist das ein Zeichen, dass man außerkubanische Freunde hat. Sweety hat gleich mehrere Freunde aus Spanien, wie die anderen Jungs hier, weil Bartolomé Masó das Zentrum des spanischen Homosexuellen-Sextourismus in Granma ist.

    Am Abend spannen wir unser Moskitonetz im Garten, der Sweetys Mutter gehört. Neben dem Netz ist ein großer Strauch mit riesigen, glockenförmigen Blüten, die außerirdisch anmuten. Wer Tee von der Campanilla-Blüte trinkt, so sagt mir Sweety, kann mit seinen Vorfahren in Kontakt treten. Eine Stunde später ist der Himmel von glühenden Galaxien erfüllt, die Schatten im Garten sind bodenlose Abgründe und weit, weit weg höre ich eine Frau lachen. Das ist meine nüchterne Freundin, die zwei Meter hinter mir hergeht und von meinem Moonwalk, mit dem ich die bodenlosen Schatten zu umgehen versuche, schenkelklopfend amüsiert ist.

    Später liege ich noch völlig dehydriert unter dem Moskitonetz, kann mich nicht bewegen und nicht sprechen. Gleichzeitig höre ich wieder das Lachen meiner Freundin und spüre etwas angenehm Feuchtes, das eine Weile in meinem Mund verbleibt und dann herausgezogen wird. Ich schlafe ein. Die nächsten zwei Tage verbringe ich im Versuch, das spöttische Grinsen meiner Freundin zu ignorieren und die Erinnerung an Sweetys Zunge zu verdrängen. Meine Vorfahren bleiben dort, wo sie hingehören.

    Mit Che Guevara am Klo

    Eine der Folgen des Campanilla-Tees ist plötzlich einsetzender Durchfall, der mich die nächsten drei Tage quält. Im Dschungel ist das nicht problematisch. Auf dem Busterminal in Santiago de Cuba auch nicht. Rein technisch. Denn Klos sind da, aber kein Klopapier. Ich biete die letzte Unze Selbstbeherrschung auf, gehe noch mal zurück in die Wartehalle. "Porfavor, Senhora! Papel! Papel!" Dabei zeige ich in Richtung der Toiletten. Erst langsam scheint die alte Frau zu begreifen, nickt dann und zieht mich zu den Sesselreihen am anderen Ende der großen Halle. Dort beginnt sie an einem der gepolsterten Kunstledersessel zu rupfen, bis ein Loch entsteht, aus dem kleine Papierschnipsel quellen. Sie deutet freudig auf das Loch. "Papel, Companhero!"

    Während ich zurück zu den Toiletten tanze, fällt mir die Ausgabe der Tageszeitung "Juventud Rebelde" ein, die in meinem Rucksack steckt. Ich habe sie gekauft, weil sie zur Gänze einer Reportage über Ernesto Che Guevara gewidmet ist. Mit vielen historischen Fotos. Nun jedoch ...

    Am Abend finden wir eine "Casa Particolar", ein Privathaus, das Übernachtungen anbietet. Dieses gehört zwei älteren Damen, die im Hof unter den Gästezimmern auch eine kleine Geflügelzucht betreiben. Wir schließen das Fenster und freuen uns über die russische Klimaanlage, die so laut ist wie ein russisches Düsenflugzeug. Und über die Abwesenheit von Kakerlaken, die bisher in diversen Zimmern der Zuckerinsel unsere steten Traumbegleiter waren. Dann sehen wir doch eine. Das Licht scheint ihr nichts auszumachen. Etwas anderes schon. Nach drei Metern bleibt die Kakerlake stehen und bewegt sich nicht mehr. Sie ist tot. Wir löschen das Licht und wollen nicht wissen, was die zwei alten Damen im Haus ausgestreut haben. Wahrscheinlich etwas Russisches.

    Unsere Schweinebucht

    Ursprünglich will Castro samt Aposteln auf dem Strand von Las Coloradas anlanden, aber ein Navigationsfehler verschlägt die revolutionäre Handvoll in die Mangrove weiter südlich. Wir hingegen kaufen in Las Coloradas ein lebendes Schwein, weil wir von den Plàtano genannten Kochbananen und Crackern die Nase voll haben und weil uns eine nette Familie in ihr Haus in Manzanillo, weiter nördlich, einlädt. Das Schwein ist auch eingeladen, wird in einen luftigen Sack gesteckt und in einen ungarischen Autobus aus den 70er Jahren gehievt. Später steigt noch ein Mann mit einem Sack voller Tauben ein.

    In Manzanillo rufen unsere Gastgeber den Großvater zu Hilfe, der noch weiß, wie man mit einer Eisenstange Schweine schnell totschlägt. Das wird er mit dem Schwein, das die Familie im Hof mästet, am Ende des Jahres ebenfalls machen. Obwohl ich schon damals weiß, dass mich diese blutige Einlage in manchem Traum verfolgen wird, esse ich gewissenlos schmatzend die ganze nächste Woche alle kubanischen Schweinefleischspezialitäten, die unsere Gastgeberin auftischt. Den Großteil unseres toten Schweins lassen wir jedoch bei der netten Familie zurück.

    Es kommt auf den Punkt an

    Ich bin in einem der real existierenden, revolutionär entstandenen Soz-Realismen Europas geboren und kenne den eigenartigen Betoncharme ihrer Denkmäler. Und auch das Bedürfnis, möglichst jeden Ort revolutionärer Tätigkeit mit einem Denkmal zu versehen. Südlich des Strandes von Las Coloradas liegt an der Mangrovengrenze ein Gedenkpark, gewidmet der Landung Castros in Kuba. Zu sehen ist ein 1:1-Modell der Motoryacht Grandma, nach der die gesamte Provinz verballhornt Granma benannt ist. Dahinter führt ein kerzengerader Betonsteg vier Kilometer durch die Mangrove, bis zum Ozean. Am Ende ist eine große Betonplattform mit einem Betonkegel und einer eingelassenen Metallplatte. Darauf steht: "Genau an diesem Ort hatte die Grandma zum ersten Mal Grundberührung mit kubanischem Boden."

    Ein Rat: Wer Kuba noch so erleben will, muss schnell sein. Die Zurückverwandlung in ein Casino-Bordell ist schon eingeleitet ... (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 26.4.2012)

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      Ein Rat vom Balkansky: Wer Kuba noch so erleben will, muss schnell sein. Die Zurückverwandlung in ein Casino-Bordell ist schon eingeleitet.

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