"Im Osten war es leichter zu rebellieren"

Interview | Stephan Wabl
25. April 2012, 18:31

Marten Persiels Dokumentarfilm "This Ain't California" über die Skateboardkultur in der DDR läuft bei Crossing Europe und kommt im August in die Kinos

Mit seinem Dokumentarfilm über die Skateboardkultur in der DDR gewann Regisseur Marten Persiel auf der diesjährigen Berlinale den "Dialogue en Perspective"-Preis. "This Ain't California" entpuppte sich als Publikumsliebling und läuft erstmals in Österreich beim Filmfestival Crossing Europe in Linz. Im Zentrum stehen drei Teenager, die ihre Freizeit lieber mit einem Rollbrett am Berliner Alexanderplatz verbringen, als sich in den Sportorganisationen des Arbeiter- und Bauernstaats zu betätigen. Entstanden ist dabei ein sehr persönliches und humorvolles Porträt des Erwachsenwerdens in der DDR.

derStandard.at: Wie ist die Idee zu dem Film entstanden?

Persiel: Ich bin öfters in Ostberlin skaten, auch auf Plätzen, die rau und nur schwer fahrbar sind. Da hatte ich die Idee, einen Comedy-Kurzfilm über Skater in der DDR zu machen. Es war als Spaß gedacht, ich bin ja aus Westdeutschland und hatte keine Ahnung, dass es in der DDR eine Skateszene gab. Im Zuge der Recherche bin ich aber auf Skater von damals gestoßen, habe Geschichten gehört, alte Fotos und Filmaufnahmen gesehen. Dabei habe ich auch Ronald Vietz, den Produzenten des Films, kennengelernt, der vor dem Mauerfall als Zwölfjähriger viel Zeit skatend am Alexanderplatz verbracht hat. Da war klar: Hier gibt es jede Menge zu erzählen.

derStandard.at: Die Jugendlichen im Film sind zwar unangepasste Außenseiter, aber unpolitisch. Nach einer Reise zu einem Wettbewerb in Prag freuen sie sich, nach Hause in die DDR zu kommen. Wurden die Skater vom Staat als Gefahr gesehen?

Persiel: Hier gab es zwei Phasen. Zuerst kam es zu Repressionen, und die öffentliche Hand ging gegen den "unorganisierten Rollsport" vor - so wurde das genannt. Da die Szene aber weiter wuchs, wurde versucht, die Skater in den organisierten Sportbetrieb einzubinden. Später kam es zur Gründung der "Sektion Rollbrett", die besten Skater aus Berlin, Leipzig und Dresden sollten zu Sportlehrern ausgebildet werden. Zudem produzierte Germina, das Sportartikel-Kombinat der DDR, ein eigenes Board. Der Plan ging aber nicht auf, denn kurze Zeit später fiel die Mauer.

derStandard.at: Die individuelle Nutzung des öffentlichen Raums war in der DDR nicht vorgesehen. Was hielten die Leute von den Jugendlichen mit den komischen Brettern?

Persiel: Das Spannende ist, nicht wenige waren fasziniert von der Tatsache, dass das Skateboarden keinen Sinn und kein konkretes Ziel hatte. Ein älterer Herr ist nach einem Screening zu mir gekommen und hat gesagt, in der DDR musste immer alles einen Zweck erfüllen: Man arbeitete, um sich zu ernähren, man betrieb Sport, um fit zu bleiben. Skateboarden aber genügte sich selbst, folgte keiner Organisation und keinen Regeln. Da geht es auch um Freiheit und Selbstbestimmung. In gewisser Weise lebten da einige junge Menschen auch die Träume anderer aus. Es war im Grunde unpolitisch, nicht kontrollierbar, und somit erst recht politisch. Das machte den Staat ein wenig unruhig.

derStandard.at: Wie groß war die Szene?

Persiel: Am Höhepunkt waren es rund 200 Leute. Die meisten kamen nicht aus der Mitte, sondern von den Rändern der DDR-Gesellschaft: Diplomatenkinder, Kinder von Bonzen und überzeugten Sozialisten, Kinder aus Künstlerfamilien. Zu Beginn, Anfang der 1980er, haben sich die Jugendlichen die Boards selbst gebastelt, später wurden die Bretter aus dem Westen in die DDR geschmuggelt. Da gab es zum Beispiel einen finnischen Diplomatensohn, der von seinen Reisen in den Westen regelmäßig Boards mitbrachte.

derStandard.at: Der Film ist allerdings kein klassisches Szenenporträt. Auch die DDR erscheint häufig als Kulisse, in der die Protagonisten einfach lieber mit Skateboards anstatt mit Bodenturnen ihre Freizeit verbringen.

Persiel: Im Prinzip ist es ein Film über die Jugend und das Erwachsenwerden. Allerdings in einem besonderen politischen Umfeld. Ich wollte mich nicht auf das Skateboarden als Szene beschränken, sondern der Frage nachgehen, wie Jugendliche mit Regeln, Erwartungen und der Suche nach Freiheit umgehen. Und diese Frage mit dem politischen System der DDR zu verbinden - mit Bildern von Märschen, den organisierten Sportverbänden und der eingeschränkten Individualität - ist natürlich besonders spannend, manchmal skurril und häufig amüsant. Aufgrund der Strukturen war es im Osten auch sicher leichter zu rebellieren.

derStandard.at: Der Film besteht aus Super-8-Aufnahmen, aktuellen Interviews, nachgestellten Szenen und Animationen. Gab es zu wenig Originalmaterial oder haben Sie sich bewusst für diesen Stilmix entschieden?

Persiel: Ganz bewusst. Ich wollte keine Dokumentation machen, die einfach nur Bilder und Information aneinanderreiht. Ich nenne den Film auch eine dokumentarische Erzählung. Mir war es wichtig, eine dramatische Logik aufzubauen, die den Zuseher berührt. Wir haben wahnsinnig viel Originalfootage von damals bekommen, aber der Stilmix hat es mir ermöglicht, eine Geschichte zu erzählen, die unterhaltsam, tragisch und mitreißend ist.

derStandard.at: Die Hauptfigur in "This Ain't California" starb im Jahr 2011 als Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Seit einigen Jahren gibt es in Afghanistan die Skateboardschule "Skateistan", ein Projekt, das vor allem Mädchen die Möglichkeit gibt, sich sportlich zu betätigen. Hat für Sie Skateboarden heutzutage noch eine politische Rolle?

Persiel: Auf alle Fälle. In vielen Ländern außerhalb Europas ist Skaten erst in den letzten Jahren angekommen. Da gibt es noch viel Entdeckergeist und Skateboarden dient als Ort der Unangepasstheit und der Rebellion. Aber auch in Europa - obwohl mittlerweile große Softdrinkhersteller und Autofirmen Werbungen mit Skateboardern machen - ist der Ursprungscharakter noch nicht ganz verschwunden. Denn die Sache hat sich ja nicht verändert: ein paar Jugendliche, ein paar öffentliche Plätze, keine Regeln.

derStandard.at: Trotz Berlinale-Preises und potenter Förderer wie Arte sind Sie per Crowdfunding weiter auf der Suche nach Geld, um den Film fertig zu finanzieren. Ist ein Ende in Sicht?

Persiel: Leider nein. Es fehlen immer noch rund 70.000 Euro. Der Film läuft zwar auf vielen Festivals und kommt im Sommer ins Kino, die Geldsuche geht aber weiter. Und Crowdfunding funktioniert auch nur, wenn man da ständig dranbleibt. Bevor wir mit dem Film überhaupt loslegten, waren wir zwei Jahre auf der Suche nach Fördergeldern. Ohne großen Erfolg. Dann haben wir uns entschlossen, das Projekt über private Sponsoren voranzutreiben und unsere Energie lieber in den Film als in Fördermappen zu stecken. (Stephan Wabl, derStandard.at, 25.4.2012)

Marten Persiel (38) lebt in Berlin und arbeitet als Regisseur, Autor und Kameramann von Musikvideos, Werbungen und Dokumentarfilmen. "This Ain't California" ist sein erster Langfilm und kommt am 17. August in die österreichischen Kinos.

Vorführtermine Filmfestival Crossing Europe in Linz:

  • 26.4. (20.15 Uhr, Movie 1)
  • 28.4. (22.45 Uhr, Movie 1)
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25 Postings
Eine Liebeserklärung an die Jugend

Ein interessantes Interview zu einem, wie ich finde, sehr gelungenem Film. Das Thema DDR steht für mich gar nicht so sehr im Mittelpunkt da die Themen Jugend, Freiheit, Heimat und die Liebe zu einer Sache so universell sind und jedem bekannt, trotzdem kenne ich keinen vergleichbaren Film zu dem Thema. Ein mitreißender Film mit großartigem Soundtrack. Ich habe ihn damals leider im Kino verpasst, aber konnte das jetzt nachholen. Für alle denen es auch so erging, den Film gibt es auch online https://itunes.apple.com/de/movie/... d641904649

This Ain`t California

Ich bin einer der Protagonisten des Filmes, welcher als Zeitzeuge in diesem Dokumentarfilm zu Wort kommt.
Ich möchte den Lesern raten den Film anzusehen und sich erst dann eine Meinung zu bilden.Das Skateboardfahren in der DDR (speziell in Berlin) war in den Augen des Staates schlimmer als Neonazi oder Punk zu sein und das lag schlichtweg daran das man in diese Szene keine Spitzel einschleusen konnte.Wir wurden ergo nicht nur vom Staat verfolgt sondern auch von anderen Randgruppen wie Neonazis oder Punks.Wir waren Ausserirdische zu jener Zeit.Wenn Sie mehr erfahren möchten kann mich der Standard gerne nach der Kinopremiere im August diesbezüglich interviewen.Ich lebe derzeit in Wien. mit besten Grüssen Renè Falk Thomasius

Warum ist es unpolitisch, sich auf die DDR zu freuen? Ist es nur politisch, wenn wir unsere Gehirnchen, die von der neoliberal-kapitalistischen Propaganda weichgespült sind, den total bösen Realsozialismus kritisieren?

Das ist schon wieder diese Denk- und Kritik-Unfähigkeit dieser postmodernen Bobo-Weicheier. Einfach widerlich.

Sie haben keine Ahnung wovon Sie reden.

Nette Story, schöne Bilder,

aber diesen ganzen Freiheits- und Politik-Mythos kann man echt weglassen. Skateboarden ist genauso wenig politisch wie Bowling oder Stabhochspringen.

In der DDR war alles politisch aufgeladen und markiert, das hat sie zu einem typischen totalitären Staat gemacht.

Wobei viele Vorschriften und Slogans auch von den Politikern nicht ernst genommen wurden. Vieles war weniger ideologisch als ein Justament-Standpunkt: "Ihr macht es so (Tanzen, Musik, Sport...) weil ich es sage. Ihr dürft dabei ruhig schummeln, ich schau eh weg, aber wer die Regeln öffentlich in Frage stellt wird schwer bestraft."

Wie unpolitisch Stabhochsprung (und andere Sportarten) in der DDR waren wissen wir...

Sport wurden in totalitär-sozialisitischen Staaten immer für politische Zwecke misbraucht.

Da stößt es einigen "Sportfördern" evtl. schon übel auf, wenn Jugendliche plötzlich so ganz unolympische unmissbräuchliche Sportarten zugewandt sind.

Ja, verschiedene Sportarten wurden von der Partei zu Propagandazwecken missbraucht. Das macht diese Sportarten selbst aber noch lange nicht politisch.

Propaganda mithilfe des Sports hat der Westen doch genauso betrieben. Da nannte man es halt "PR".

Nein. Es ist, wie dargestellt, an sich sinnundzwecklos. Das Sinnundzwecklose hat auch in der kapitalistischen Welt keine Existenz-Berechtigung, wenn es nicht zu Live-Style-Bewerbungs-Zwecken missbraucht wird.

Im Osten wars leichter zu rebellieren.
Was natürnich heißt, daß die Zahl der "Dissidenten"/1000EW wegen der besseren Möglichkeiten einfach höher war als hier.
Was aber im Umkehrschluß bedeutet, daß im Osten das System mindestens gleich gut war, odr?

Schade dass es die DDR nicht mehr gibt

Dann wäre Deutschland wirtschaftlich und politisch vielleicht nicht ganz so mächtig!

"Deutschland wirtschaftlich und politisch vielleicht nicht ganz so mächtig!"

Was bistn du fürn Träumer ?

Auch das Politbüro im lauschigen Wandlitz hätte den Zusammenbruch des Kommunismus in der SU und überall anders nicht verhindern können.

Im Fall der Existenz zweier Deutschland sähe es heute so aus:
- Bundeskanzler Edmund Stoiber wäre der Chef eines Wirtschaftsgorillas der nur noch mit der Schweiz vergleichbar wäre. Nur eben mal mit 66 Mio Einwohner.
- Politbüro Gerontokraten wie Modrow, Krenz etc. wären Staatsratsvorsitzende einer abgewirtschafteten DDR, die um Lohnaufträge aus dem Westen bettelt. Billigland vor der Haustüre.
Die Einwohner würden wie in Nordkorea mit Waffengewalt an der Flucht gehindert werden.

Wer in Europa das Sagen hätte, daran dürfte auch dann wohl kein Zweifel bestehen.

Guter Plan.

Sperren wir 17 Mio Menschen wieder hinter eine Mauer, damit die restlichen ca. 60 Mio nicht zu mächtig werden.
Aber dann gleich weiter: ein Fünftel der Chinesen, Inder, US-Amerikaner und Russen müssen auch hinter eine Mauer!

Im Übrigen war Westdeutschland wirtschaftlich vor der Wiedervereinigung mindestens so stark, wie danach. Da es damals auch weniger Konkurrenz aus etwa Asien gab, war Westdeutschland im Verhältnis wirtschaftlich wohl viel mächtiger als heute.

Zuviel gesoffen?

Leichter? Klar, ohne VDS, Totalüberwachung u. ä.

Ich bin mir nicht mehr sicher, welches System 1989 wirklich unterging ...

as urethane reaches the DDR......

Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern. Wir haben uns die Skateboards selber gebaut. Ein Brett und ein Rollschuh. Die Rollschuhe, bestanden aus zwei Teilen, diese zwei Teile wurden mit einer Schraube zusammengehalten. mit dieser konnte man die Rollschuhe auch an die jeweilige Schuhgröße anpassen. Also einfach die Schraube entfernt und wir hatten zwei einzelne. Die Schnallen entfernt und dann die zwei einzelnen Teile an ein Brett geschraubt und ab ging die Lutzi.

pffft

Wie kann ein heute 38 jähriger Wessi irgendetwas über die DDR aussagen?

Aber klar, das Sakteboard der Freiheit, unpolitisch natürlich, ist heute in Afghanistan angekomen und bringt dort die Freiheit, ganz unpolitisch mit.

Dass Jugendlich auch in der DDR skateboard gefahren sind und nicht gleich verhaftet wurden, unerhört.

Und der Protagonist ist in Afghanistan dann auch für die Freiheit gefallen. Na dann, Za Sdarovije!

Oh Gott, ein frustrierter Zoni...

Wie konnte Ernst Lubitsch, der 1922 emigriert ist, einen Film über die deutsche Besatzung in Polen drehen (Sein oder nicht sein).

Um Ihre Frage zu beantworten: ich nehme mal an, dass sich beide über die Materie, die sie bearbeitet haben, informiert haben.

Ich habe wirklich selten eine so dumme Frage gelesen oder gehört!

Ich werde mir den Film anschauen,

und Sie vielleicht auch, wenn Sie Ihre Frage beantwortet haben wollen.
Ihre Zynik verstehe und teile ich aber bis dahin...

indem er liest, und recherchiert, und leute befragt, und filme schaut, der wessi.
das geht schon.

oder wie wuerden wir ihrer logik folgend zu dokus ueber das alte rom, den ersten weltkrieg oder chicago 1930 kommen? da werden sich wohl auch eher wenig zeitzeugen mit filmemacherischen ambitionen finden.

So leicht war das gar nicht

Erst einmal hat man ja drei Jahre auf das Skateboard warten müssen.

und dann wahrscheinlch nochmal ein bis zwei jahre bis man das brettl beherrscht hat und ein paar tricks konnte....

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