Japan, der beliebteste Feind

Blog25. April 2012, 09:00
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Das Nanjing-Massaker, bei dem mindestens 200.000 Zivilisten und Kriegsgefangene getötet wurden, belastet noch immer die chinesisch-japanischen Beziehungen

Kurze Zeit nachdem ich in meine Wohnung eingezogen war, kam mein Nachbar vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Nach einem kurzen "Ni hao" kam er sofort zu seinem Hauptanliegen: "Bist du Japanerin?" Ich war vollkommen verblüfft, denn ich sehe überhaupt nicht japanisch aus. Dann kam die Erkenntnis: Mein Vorgänger war Japaner gewesen, darum die Frage. Doch bevor ich antworten konnte, versicherte er mir verschwörerisch: "Keine Angst, ich hasse die Japaner nicht!"

Solche Reaktionen auf Japaner sind in China weit verbreitet; sie sind die "Hass-Ausländer" schlechthin. Man kann in China alles sein, aber Japaner besser nicht. Was mich aber verblüffte, war die Lebensgeschichte meines Nachbarn, der eigentlich gute Gründe hätte, Groll gegen den ehemaligen Aggressor zu hegen. Der schon sehr betagte Herr wanderte während der 40er Jahre von einem besetzten Gebiet nach Yunnan aus, nachdem sein gesamtes Dorf von japanischen Soldaten ausgelöscht wurde. "Aber das war Krieg damals, das braucht man heute nicht mehr aufzuwärmen. Und ihr seid ja eine junge Generation, ihr habt damit nichts zu tun."

Diese sehr verständnisvolle Einstellung überraschte mich sehr, denn längst nicht alle Chinesen sind dieser Meinung. Vor allem die junge Generation, die ja wirklich nichts mit vergangenen Kriegen zu tun hat, weist einen Nationalismus und einen Japanerhass auf, der einen teilweise wirklich verblüfft. Es ist ganz normal in China, Japaner mit Schimpfwörtern zu belegen; es ist viel ungewöhnlicher, wenn man sagt, man habe nichts gegen sie.

"Hätten  halt die Japaner totgeschlagen!"

2010 verursachte ein japanischer Fußballschiedsrichter durch eine Entscheidung die Niederlage einer kongolesischen Mannschaft gegen einen italienischen Verein. Daraufhin wurden im Kongo chinesische Geschäfte und Gebäude verwüstet, weil die allgegenwärtigen Chinesen mit Japanern verwechselt wurden. Das verursachte eine Welle der Empörung in chinesischen Diskussionsforen. Während die überwiegende Mehrheit über die faulen, hässlichen und dummen Afrikaner herzog, gab es nicht wenige, die kommentierten, dass "Japan eh bald zu China gehört", oder sich wünschten: "Hätten sie die Japaner totgeschlagen, da hätte ich nichts dagegen."

Nanjing, das praktische Trauma

Diese Reaktionen kommen nicht von ungefähr; die Regierung stilisiert Japan in den letzten Jahrzehnten immer stärker als Feind und als latenten Gegner in Fragen des Südchinesischen Meeres, der Wirtschaft und des politischen Einflusses. Und immer wieder werden die Gräueltaten der japanischen Invasion im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg besungen, fast schon stolz lassen sich zahllose Chinesen in ebenso zahllosen "Nanjing"-Filmen und -Serien von Japanern hinrichten, als hätten die Opfer von damals gewusst, wie praktisch sie für die heutige Regierung werden würden. Nanjing wird als das zentrale Trauma Chinas hochgehalten, seitdem die kolonialen Missetaten der westlichen Mächte aus politischen Erwägungen nicht mehr so betont werden.

Die ostchinesische Stadt wurde ab 1937 von japanischen Truppen belagert und eingenommen; beim Nanjing-Massaker, das traurige Berühmtheit erlangte, starben mindestens 200.000 Zivilisten und Kriegsgefangene; der Fokus fast aller Diskussionen innerhalb Chinas liegt aber auf den über 20.000 Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden. Dieser Vorfall war noch nie unwichtig gewesen, doch in den letzten Jahren erhält er eine sehr starke mediale Präsenz, die die ohnehin dramatische Thematik sehr emotional auflädt. Nach Ansehen der chinesischen Nanjing-Filme sagen sogar westliche Freunde: "Da kann man gar nicht anders, als alle Japaner zu hassen." Und für die meisten Chinesen sind diese Filme das Einzige, was sie von den Nachbarn wissen.

Dankbarer Feind

Und Japan ist ein dankbarer Feind, denn es wehrt sich praktisch nicht. Die japanische Regierung reagiert sehr moderat auf viele Provokationen durch die chinesische Regierung; territoriale Streitigkeiten wie um die Senkaku- bzw. Diaoyu-Inseln sind an der Tagesordnung, werden aber von chinesischer Seite viel stärker nationalistisch ausgeschlachtet. Es ist politisch egal, wie Japan reagiert - es gibt stets einen Aufschrei aus China.

Japaner in China fühlen diese Atmosphäre natürlich; ein Freund erzählte, dass er sehr ungern Zug fährt, denn „wenn ich meinen Mitfahrern sage, dass ich Japaner bin, weiß ich nie, wie sie reagieren. Im besten Falle ist es ihnen egal. Im schlimmsten Falle muss ich mir stunden- oder tagelang Beschimpfungen anhören. Und ich kann ja nichts sagen; das würde es nur noch schlimmer machen."(An Yan, 25. April 2012, daStandard.at)

  • Szene aus dem Film "City of Life and Death" (2009), der die brutale Besetzung Nanjings durch die Japaner im Jahr 1937 thematisiert.
    foto: youtube.com / dastandard.at

    Szene aus dem Film "City of Life and Death" (2009), der die brutale Besetzung Nanjings durch die Japaner im Jahr 1937 thematisiert.

  • Emotionale Gedenktafel im Museum des "Anti-Japanischen Widerstandskriegs" in Yunnan.
    foto: an yan

    Emotionale Gedenktafel im Museum des "Anti-Japanischen Widerstandskriegs" in Yunnan.

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