"Heute wird viel verlangt, Forscher werden zu eierlegenden Wollmilchsäuen"

  • Fanden sich zum Debattieren in einem Seminarraum der Technischen Universität Wien ein: Christoph Kratky, Johannes Fröhlich und Claus Raidl (v. li.).
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    Fanden sich zum Debattieren in einem Seminarraum der Technischen Universität Wien ein: Christoph Kratky, Johannes Fröhlich und Claus Raidl (v. li.).

  • Dieser Spiegelofen der TU Wien (Kostenpunkt: 200.000 Euro) dient zur Kristallzüchtung. Mit den Proben werden quantenphysikalische Experimente durchgeführt.
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    foto: tu wien

    Dieser Spiegelofen der TU Wien (Kostenpunkt: 200.000 Euro) dient zur Kristallzüchtung. Mit den Proben werden quantenphysikalische Experimente durchgeführt.

Johannes Fröhlich, Vizerektor der TU Wien, Christoph Kratky, FWF-Präsident, und Claus Raidl, Präsident der ÖNB, diskutierten den Wert der Grundlagenforschung für Österreich

Einig waren sie sich, dass die Politik mehr für die Forschung tun müsse. Markus Böhm und Peter Illetschko moderierten. STANDARD: Österreichs Grundlagenforschung ist unterdotiert, während die industrienahe Forschung deutlich besser aussteigt. Können oder wollen wir uns den reinen Erkenntnisgewinn nicht leisten?

Kratky: Sich die Grundlagenforschung zu leisten ist keine Frage des Könnens. Derzeit gibt Österreich 0,44 Prozent des BIPs dafür aus. Man braucht sich nur die erfolgreichen Länder anzusehen, beispielsweise die Schweiz. Diese gibt gemessen am BIP doppelt so viel für Grundlagenforschung aus, allerdings bekommt die Industrie dort kein öffentliches Geld für ihre Forschung. Sie verlangt aber, dass Grundlagenforschung in entsprechender Weise finanziert wird, vor allem, um hochtalentierte junge Menschen auszubilden.

Raidl: Wir müssen uns die Grundlagenforschung leisten. Wenn Österreich nicht noch mehr in die Rolle des Imitators gedrängt werden will, wird man ohne Grundlagenforschung nicht auskommen. Für mich ist Grundlagenforschung vollkommen zweckfrei. Sie wird durch die Neugierde des Forschers getrieben.

STANDARD: Woran liegt es, dass Grundlagenforschung unterfinanziert ist?

Raidl: Das ist eine Frage des politischen Willens. Es ist unsere Aufgabe, darauf hinzuwirken, dass Politiker mehr Verständnis für Grundlagenforschung haben und nicht nur nach sozialpartnerschaftlichem Geschrei die Gelder verteilen.

STANDARD: Gelingt das?

Raidl: Immer mehr. Die Politik braucht Mut, Prioritäten neu zu setzen, etwa die Forschungsstrategie ambitionierter zu gestalten.

Kratky: Diese sieht das ja vor, und ich vertraue darauf, dass die Politik diese umsetzt. Denn theoretisch handeln unsere Politiker für die Zukunft des Landes. Man muss sich an das Niveau der führenden Länder der Welt annähern.

Fröhlich: Man muss sich ansehen, was davon in die universitäre Forschung geht. Das ist unser Anliegen. Es ist ein Unterschied, ob ich beim FWF oder bei der FFG Geld einwerbe. Der Wettbewerb ist bei der Einreichung von FWF-Projekten größer als bei FFG-Projekten. Das wissenschaftliche Ansehen ist ein anderes, wenn man FWF-Förderungen einwirbt. Auch die Mittelflüsse sind andere.

STANDARD: In Deutschland spricht Kanzlerin Angela Merkel, eine Physikerin, von Forschung. Von Bundeskanzler Faymann hört man dazu kaum etwas. Glauben Sie, dass das politische Bewusstsein dafür hierzulande wächst?

Raidl: Ganz bestimmt. Es gibt immer mehr, die über Forschung sprechen. Leider geben wir noch immer viel zu viel für vergangenheitsbezogene Dinge, zum Beispiel Pensionen, aus. Wir geben zu wenig für die Zukunft aus - Forschung, Bildung etc. Wenn es uns gelingt, öffentliches Bewusstsein für Forschung zu schaffen, wird es uns leichter fallen, dieses Verhältnis umzudrehen. Wenn man bei Pensionen zu kürzen beginnt, hat man gleich Angst, die Wahl zu verlieren.

Kratky: Wenn sich Landeshauptmann Erwin Pröll hinstellt und erklärt, wie wichtig Grundlagenforschung ist, dann hat das sicher mit dem IST Austria zu tun.

STANDARD: Dennoch hat das IST Austria eine langfristige Finanzierungszusage. Wie ist das bei Ihnen angekommen, Herr Fröhlich?

Fröhlich: Ich hätte es auch gerne so luxuriös wie das Ista ...

Raidl: Ganz so luxuriös ist das nicht. Wir bekommen von 2017 bis 2026 insgesamt 660 Millionen fix. Den Rest auf eine Milliarde erhalten wir nur, wenn wir die gleiche Geldmenge durch Drittmittel, also ERC Grants oder FWF einwerben. Wenn wir also erfolgreich sind, bekommen wir eine Milliarde. Das macht pro Jahr 64 Mio. Euro von der Republik. Die Infrastruktur zahlt das Land Niederösterreich.

Fröhlich: Natürlich sind das exzellente Rahmenbedingungen. Ich bin nicht neidisch, das bringt nichts. Jeder Euro, der in die Forschung geht, ist begrüßenswert.

Kratky: Neid ist in einer kapitalistischen Gesellschaft ein durchaus legitimes Gefühl. Dass es einen Wettstreit um Ressourcen gibt, ist vollkommen klar, da gibt es nichts zu beschönigen. Trotzdem finde ich die Ista-Finanzierung gut und richtig. Wenn die Politik sagt, wir machen jetzt etwas Cooles, ist sie auch bereit, etwas dazuzugeben. Viele sagen: Es gibt diese Tränke, in der zu wenig Wasser ist, zu der die Pferde geführt werden; und jetzt kommt ein weiteres, besonders starkes Pferd hinzu und verdrängt die anderen. Das stimmt so nicht: Das neue Pferd bewirkt auch, dass der Bauer mehr Wasser in die Tränke gibt. Das ist am Ende für alle gut.

STANDARD: Ist das Ista wirklich ein Hebel?

Raidl: Das glaube ich schon. Erstens sehen die Unis, dass es eine Befruchtung gibt. Zweitens gelingt es dem Minister in der Debatte um Grundlagenforschung, Bewusstsein zu schaffen.

Fröhlich: Einen budgetären Hebel durch das gesteigerte Bewusstsein für Grundlagenforschung in der Politik spüren wir nicht: Wir müssen Miete zahlen, wir haben hohe Personalkosten, wir kämpfen darum, liquid zu bleiben. Wenn es einmal so weit ist, dass eine Uni schauen muss, in welches Monat sie welche Zahlung schieben muss, um kein allzu großes Minus zu haben, dann geht's schon ans Eingemachte. Wenn man heute im Wettbewerb um FWF-Programme mithalten möchte, muss die Universität infrastrukturell und personell gut aufgestellt sein. Aber uns fehlt nachhaltig das Geld, um konkurrenzfähig zu bleiben, wenn die Mittel dafür aus der Grundfinanzierung kommen müssen.

Kratky: Wir zahlen 20 Prozent Overheadkosten für FWF-Einzelprojekte, und wir möchten das auf alle FWF-Programme ausgeweitet sehen. Das wäre im Sinne der Forschungsstrategie sinnvoll und konsequent. Overheads sind der effizienteste Hebel, um die Forschungs-Infrastruktur der Universitäten qualitätsorientiert weiterzuentwickeln.

Fröhlich: Das Grundbudget reicht dafür nicht aus. Wenn man heute am Puls der Zeit forschen will und dafür erfolgreich Projekte einwerben muss, braucht man moderne, teure Infrastruktur. Deshalb haben wir sehr viel in Infrastruktur investiert, können aber langfristig nicht mehr mithalten. Overheads zahlt der FWF seit kurzem erst wieder für Einzelprojekte, bei den wirklich teuren Großanträgen wird erwartet, dass wir bis zu zwanzig Prozent aus unseren Mitteln drauflegen.

STANDARD: Sollte Österreich Nischen besetzen, zum Beispiel Life-Sciences, Quantenphysik, Computerwissenschaften, um diese dann konzentriert mit Mitteln auszustatten?

Raidl: Ich bin dagegen, dass wir Forschungsnischen definieren. Wir suchen die besten Köpfe. Denn wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Nehmen Sie als Beispiel die Computerwissenschaften, wo wir sicher (wie auch in den anderen Gebieten) einen Spitzenplatz einnehmen und sehr eng mit der TU kooperieren. Wie gut wir sind, sieht man an den ERC-Grants; da liegen wir nicht schlecht - verglichen mit der TU Wien.

Fröhlich: Wir haben neun ERC-Grants, das ist für eine Uni im Vergleich zu einem reinen Forschungsinstitut mit hochspezifischer Wissenschafterakquise eine tolle Leistung.

Raidl: Wir haben acht. Vergleichen Sie einmal, wie viele Professoren wir haben und wie viele Sie.

Kratky: Das kann man nicht vergleichen. Wobei: in der Forschung sehe ich wenig Unterschied zwischen der TU und der Uni Wien. Gute Forschung ist überall gut.

Fröhlich: An der TU können wir eine Wertschöpfungskette aufbauen. Das ist ein Mehrwert: Von der Grundlage über die angewandte Forschung bis hin zum Produkt kann ein Translationsprozess erfolgen. Bei Houska-Preis- prämierten Projekten sieht man, welche Wertschöpfungsvektoren entstehen können. Der Anteil der technischen Unis ist dabei tendenziell immer sehr hoch, auch die TU ist dabei erfolgreich. Das folgt der These: ohne Theorie keine Anwendung, aber auch keine Anwendung ohne Theorie.

STANDARD: Der Houska-Preis ist ein Beispiel für private Forschungsfinanzierung. Warum gibt es davon so wenig in Österreich?

Raidl: Wer private Gelder für Forschung lukrieren will, muss hierzulande " jemanden kennen". Mir ist es so gelungen, einige Sponsoren für das Ista zu gewinnen. Es fehlt die Kultur, die im angloamerikanischen Raum sehr verbreitet ist, wo ein Uni-Trakt, ein Labor den Namen des Financiers trägt. Mehr braucht es oft gar nicht. Bei uns sitzen die Reichen auf ihrem Geld. Geld für Forschung wird von Privaten oft nur dann ausgegeben, wenn sie selbst an einer Produktentwicklung Interesse haben.

STANDARD: Die Regierung will den Anteil der öffentlichen Mittel reduzieren. Ist mehr "privat", weniger Staat die Lösung?

Fröhlich: Man braucht beides. Für die Translation und die Umsetzung braucht es die Privaten. Aber davor ist es wichtig, auch im Bereich der Grundlagenforschung für eine Vernetzung innerhalb der Forschung zu sorgen, um der Industrie Projekte anbieten zu können, die dann weiterentwickelt werden können. Das ermöglicht den Aufbau einer Wertschöpfungskette.

Kratky: Aber dann haben Sie die Grundlagenforschung nicht verstanden, wenn Sie eine Wertschöpfungskette im Haus aufbauen.

Fröhlich: Die Wertschöpfungskette beginnt im Haus und wird außerhalb weitergeknüpft: Wir schauen über den Tellerrand der TU hinaus. Und es ist nicht verboten, dass aus Grundlagenforschung "etwas wird". Es geht darum, dass sich die Anwendung aus der Grundlagenforschung heraus entwickeln kann, aber nicht muss. Dieser Prozess wird an der Uni unterstützt.

STANDARD: Ist Grundlagenforschung nicht von vornherein das Glied einer Wertschöpfungskette?

Kratky: Das ist der Irrtum, der immer wieder passiert. Wenn wir den Sinn der Grundlagenforschung immer wieder rechtfertigen müssen, dann kommen wir sehr leicht zur Anwendung. Die Wertschöpfungskette passiert manchmal, aber häufig passiert sie nicht. Der Anspruch an die Forscher an den Unis ist gewaltig: Sie müssen tolle Forschung machen, ERC-Grants erwerben, aber auch einen Spin-off gründen, und am Ende soll ein Produkt herauskommen. Das muss alles derselbe Mensch machen. Das sind ja eierlegende Wollmilchsäue. Öffentlich finanzierte Unis müssen sich sehr genau überlegen, ob und wie weit sie Translation wirklich betreiben wollen, ohne ihr Kerngeschäft zu kompromittieren. (Markus Böhm und Peter Illetschko, DER STANDARD, 25.4.2012)


Zu den Personen

Johannes Fröhlich, geb. 1959, studierte Technische Chemie und Organische Chemie an der Technischen Universität Wien. Seit Oktober 2010 ist er Vizerektor für Forschung an der TU Wien.

Christoph Kratky, geb. 1946, promovierte 1976 in Chemie an der ETH Zürich. Seit 1995 ist er Professor für Physikalische Chemie und Leiter der Arbeitsgruppe Strukturbiologie, seit 2005 ist er Präsident des Wissenschaftsfonds FWF.

Claus Raidl, geb. 1942, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule für Welthandel in Wien. 2008 wurde er zum Vorsitzenden des Generalrates der Oesterreichischen Nationalbank bestellt. Er ist Mitglied des Institute for Science and Technology Austria (Ista) und Jurymitglied des Houska-Preises. (red)

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