Rundschau: Das trekige Dutzend

    Ansichtssache2. Juni 2012, 10:13
    52 Postings

    Gleich zwei Leviathane, dazu Bücher unter anderem von James Corey, Peter Nathschläger, Richard Calder, Joan Slonczewski und Alex Bledsoe

    Bild 10 von 12
    coverfoto: atlantis

    Frank W. Haubold: "Götterdämmerung. Die Gänse des Kapitols"

    Broschiert, 240 Seiten, € 13,30, Atlantis 2012

    Im Jahr 387 vor unserer Zeitrechnung soll eine nächtliche Eroberung der noch jungen Stadt Rom daran gescheitert sein, dass die Gänse auf dem Kapitolshügel die angreifenden Gallier bemerkten und mit ihrem Geschnatter die römischen Soldaten rechtzeitig weckten. Der deutsche Autor Frank W. Haubold hat dieses Motiv auf eine Space Opera übertragen, in der das gespannte Warten auf den Feind, ominöse Warnungen und die Ahnung drohenden Unheils den roten Faden bilden. "Die Gänse des Kapitols" begann als Kurzgeschichte (in der Anthologie "Weltraumkrieger") und ist jetzt zu einem ersten Roman ausgearbeitet worden. Mit Betonung auf ersten, denn abgeschlossen ist die mit ordentlich Potenzial ausgestattete Geschichte noch lange nicht.

    Wir befinden uns in einer mittelfernen Zukunft - eine genauere zeitliche Einordnung ist vorerst nicht möglich, da Haubold auf das, was ich immer "Reiseführerpassagen" nenne, verzichtet. Historische und kosmogeografische Informationen kommen nicht gebündelt, um eine schnelle Orientierung zu erlauben, sondern fließen häppchenweise ein - immer erst dann, wenn sie für die Handlung eine Rolle spielen. Im Verlauf des Romans ergibt sich damit der Eindruck eines riesengroßen Fasses, dessen Boden immer weiter nach unten rückt, je genauer man hineinsieht (durchaus ähnlich der Strategie, mit der Karsten Kruschel das Universum seiner Romane "Vilm" und "Galdäa" Stück für Stück konkretisiert). 

    Ein paar Eckpfeiler werden in "Götterdämmerung" bereits eingeführt. So ist die Menschheit, die offenbar bevorzugt auf kleineren terraformierten Himmelskörpern bzw. in Nomadenstädten lebt, bislang nur einem einzigen Alien-Volk begegnet. Und selbst diese Angels genannten Wesen, die nur über Avatare bzw. Kommunikationseinheiten in Erscheinung treten und sich sehr geheimnisvoll geben, haben sich zur Romanzeit aus der menschlichen Einflusssphäre zurückgezogen, ohne diesen Schritt näher zu begründen. Ein sehr konkreter Faktor sind hingegen die Burgons, biologische Raumschiffe, die von einem Splittervolk der Menschheit gezüchtet wurden. 25 Jahre vor der Romanzeit starteten sie einen Vernichtungsfeldzug gegen menschliche Siedlungen, bis sie - vorerst - zurückgeschlagen werden konnten. Rätsel gibt vorerst aber auch noch die innere Struktur der menschlichen Sphäre auf. Als wichtige Machtfaktoren zeichnen sich der Orden der Heiligen Madonna der Letzten Tage und die interstellare Reederei Leandros ab ... deren Geschäftsführer manche Ordensbrüder für den Antichristen halten. All diese im Hintergrund agierenden Mächte tragen mit ihrer vorerst noch unbekannten Agenda dazu bei, dass der Roman neben Space-Opera- auch Mystery-artige Strukturen aufweist. Von einem Spiel ist die Rede.

    Hauptfigur ist Raymond Farr, Kommandant einer Militärbasis, der einen neuerlichen Angriff der Burgons befürchtet ... und darüberhinaus ahnt, dass eine solche Attacke nur der Vorbote noch größeren Unheils sein wird. Als rumpelndes Beiwagerl assistiert ihm die Geschwaderkommandantin Roberta Ortega, das weibliche Pendant eines Womanizers (gibt es dafür eigentlich kein Wort, das ähnlich schulterklopfendes Anerkennen ausdrückt wie bei Männern?). Die entscheidende Hilfestellung kommt jedoch von Captain Miriam Katana, die Farr eine neue Superwaffe zur Verfügung stellt. Nachträglich wird sich zeigen, dass sowohl Katanas Herkunft als auch die der Waffe unbekannt sind. Und spätestens wenn sich Farr - aus durchaus persönlichen Gründen - auf die Spuren Katanas begibt, wird klar, dass "Götterdämmerung" kein abgeschlossener Roman sein kann: Die Zusammenstellung einer Suchexpedition ist kein typischer Plot für ein Schlussdrittel, zudem macht die Handlung einen Schritt seitwärts, wenn zu diesem späten Zeitpunkt neue kapiteltragende Figuren eingeführt werden. Mit seinem Mosaikroman "Die Kinder der Schattenstadt" hat Haubold bereits gezeigt, dass er nicht zu den AutorInnen gehört, die eine megafette Trilogie von vorne bis hinten durchgeplant haben, bevor sie das erste Wort eintippen. Da kommt also noch mehr.

    Sie gleiten dahin wie Schatten, ohne Morgen, ohne Tag. [...] Um sie herum ist nichts, nur Dunkelheit und - irgendwo - der Feind. Falls es überhaupt einen Feind gibt. Falls überhaupt i r g e n d e t w a s existiert, da draußen. Geschickt stellt Haubold dem Roman einen Prolog voran, der mit seinem leicht mythologisierenden Ton Flair verbreitet. Wenn Katana an einer Stelle meint, dass dies kein Märchen sei, und Ortega darauf antwortet: "Doch. Es ist eine Geschichte von Liebe und Tod, wie jeder Krieg", dann gilt dies für den atmosphärischen Prolog in besonderer Weise. Gegen Ende greift Haubold diesen Ton noch einmal auf, dazwischen wird der Hauptteil des Romans jedoch wesentlich straighter erzählt. Auch hier hält sich "Götterdämmerung" aber vom technikgeprägten Feeling der New Space Opera der 90er fern.

    Wie um zu unterstreichen, dass Haubold sich eher an älteren Vorbildern orientiert, genießt Farr es ein gebundenes Buch zu lesen, tritt ein Zirkus alter Schule - inklusive Elefanten - auf oder werden alle möglichen Verweise auf eine gutbürgerliche Bildung im Sinne des 20. Jahrhunderts gesetzt. Und warum nicht auch mal Rilke? Parallel zu "Götterdämmerung" habe ich mich durch ein Buch gequält, dessen Autorin den LeserInnen ständig ihre Vorliebe für Aerosmith reindrückt und das offenbar für voll jugendrevoluzzerisch hält (was allerdings nicht der ausschlaggebende Grund war, das Buch dann doch wegzulegen). Sogar ESP taucht in "Götterdämmerung" auf, zumindest als angedachte Möglichkeit: Ein wie der "Mikrokosmos" klassisches und mittlerweile aus der SF verschwundenes Motiv. Letztlich liest sich "Die Gänse des Kapitols" damit wie eine Hommage an Space Operas der 40er bis 70er Jahre. Was seinen Reiz hat und neugierig auf die Fortsetzung macht.

    weiter ›
    Share if you care.