Rundschau: Das trekige Dutzend

Ansichtssache2. Juni 2012, 10:13
52 Postings
Bild 1 von 12
coverfoto: palgrave macmillan

Keith Brooke: "Strange Divisions & Alien Territories. The Sub-Genres of Science Fiction"

Broschiert, 222 Seiten, Palgrave Macmillan 2012

Sekundärliteratur zum Thema Science Fiction wird ins Deutsche so gut wie gar nicht übersetzt - selbst wenn diese in der anglophonen Welt eifrig diskutiert wird. Fälle in jüngster Zeit waren zum Beispiel mehrere Werke von Jeff VanderMeer, Daniel M. Kimmels Sammlung von Filmkritiken mit dem beklatschenswerten Titel "Jar Jar Binks Must Die" oder Margaret Atwoods Stellungnahme zum Genre in der Essay-Sammlung "In Other Worlds". Derart in die Tiefe geht dieses Buch nicht und wird daher auch niemanden sonderlich aufregen. "Strange Divisions & Alien Territories" von Keith Brooke ("The Accord") ist eher so eine Art Handbuch für eine grundlegende Orientierung im weiten Land der SF. Erkundet wird dieses Land in 12 Aufsätzen zu ebensovielen Subgenres - eine Zahl, die eher problematisch als biblisch ist, aber dazu später mehr.

Eine gute Übersicht bietet beispielsweise James Patrick Kelly zum Thema Cyberpunk, jenem fiesen New Kid on the Block, das Anfang der 80er die etablierte Science Fiction angepisst hat wie ein tollwütiger Hund - doch kommt Kelly zum resignativen Schluss: The revolution is truly over. Kelly gehört der Minderheit US-amerikanischer AutorInnen in dieser Sammlung an, zwei Drittel stammen wie Brooke selbst aus Großbritannien. Und dass es sich dabei um zwei verschiedene Kulturen handelt, merkt man. So spielt Robert A. Heinlein in Alastair Reynolds' Aufsatz zur Space Opera keine Rolle - wurde der Referenz-Autor der US-amerikanischen SF schlechthin in Europa doch stets sehr viel scheeler betrachtet als in seiner Heimat. Umgekehrt zeigt Paul di Filippo in seinem Beitrag über "übermenschliche Fähigkeiten", wie ihn die US-Kultur geprägt hat. Der thematisch weit gestreute Text behandelt das Motiv der körperlichen Veränderung ebenso wie das der geistigen Erweiterung - bis hin zum mittlerweile in die Fantasy abgewanderten Themenbereich PSI-Kräfte. Dessen literarische Omnipräsenz Mitte des 20. Jahrhunderts schreibt di Filippo in erster Linie der Forcierung durch den legendären Herausgeber John W. Campbell zu.

Wenn Adam Roberts ("By Light Alone") nicht als belletristischer Autor, sondern als Kritiker und Essayist auftaucht, bekomme ich Gänsehaut. Der notorische Querdenker gibt einem mit seinen Interpretationen manchmal ziemlich zu schlucken und seinen Vorschlag, John Wyndhams Klassiker "The Midwich Cuckoos" ("Das Dorf der Verdammten") als Holocaust-Geschichte zu betrachten, habe ich bis heute nicht verdaut. Roberts' Text über das Thema Religion in der Science Fiction, das von religiös motivierten Mondreise-Geschichten 200 Jahre vor Jules Verne bis zu Philip K. Dicks "VALIS"-Trilogie reicht, erweist sich jedoch als einer der stärksten Beiträge der Sammlung, weil er am meisten in die Tiefe geht.

Ähnlich gut ist der Beitrag von Keith Brooke selbst, Thema: Utopien und Dystopien. Wer mehr über das vermeintliche Gegensatzpaar lesen will, könnte sich aber auch auf antiquarische Suche nach dem "Science Fiction Jahr" des Heyne-Verlags, Ausgabe 2008, begeben, wo das Thema in aller Ausführlichkeit behandelt wird. Im Fischer-Verlag ist übrigens kürzlich unter dem Titel "Utopien" ein Lesebuch mit Texten von Plato bis Aldous Huxley erschienen. - Als krasser Gegensatz zu Roberts und Brooke ist der Aufsatz von "Lila Black"-Autorin Justina Robson über Aliens eine einzige Enttäuschung. Weder nähert sie sich dem Thema "das Fremde" auch nur ein Fitzelchen von der psychologischen Seite, noch geht sie auf die biologische und kulturelle Vielfalt der diversen Außerirdischen der SF-Geschichte ein. Was bleibt, ist ein Häufchen wahllos zusammengeklaubter Beispiele ohne roten Faden.

Alastair Reynolds' schon erwähnter Aufsatz zur Space Opera ("This galaxy ain't big enough for the both of us") liest sich gut in Verbindung mit dem von "Lichtkrieg"-Autor Gary Gibson über die wissenschaftsorientierte Hard SF. Zur Unterscheidung: Während letztere auf die Raum-Zeit an sich fokussiert, widmet sich erstere den "Bühnen", die sich darin für süffige Romanhandlungen ergeben. Too much science breaks space opera, because space opera is fundamentally i m p o s s i b l e, zieht Reynolds, der damit immerhin seine Brötchen verdient, ein ehrliches Fazit und nennt seine schriftstellerische Domäne a contradiction in terms, like tasteful heavy metal. Gibson indes zitiert zwar den vielleicht härtesten aller Hard-SF-AutorInnen, Greg Egan, mit dem Satz, dass 99 Prozent der Science Fiction ohne wirkliche Science dastünde, nennt bei seinen Lesetipps lustigerweise aber weder Egan noch einen anderen aus dem Häuflein 110-Prozenter. Lesen sich dann vielleicht doch nicht vergnüglich genug für ihn.

Eine Gemeinsamkeit der Hard SF mit einem anderen Genre, bei dem umstritten ist, ob es überhaupt der Science Fiction untergeordnet werden kann oder nicht doch eher ein eigenes ist, findet derweil Kristine Kathryn Rusch in ihrem Beitrag über Alternativweltgeschichten: Science Fiction and Alternate History share a love of facts. Plausibilität verlangen beide ... bevor mit den Fakten dann munter gespielt werden darf. John Grant wartet zum Thema Zeitreisen mit einer derartigen Flut an Titeln auf, dass man glauben könnte, er habe nicht eine einzige Veröffentlichung ausgelassen, die dieses Gebiet jemals auch nur gestreift hat - bis einem dann doch schnell zahlreiche weitere Beispiele einfallen. Tony Ballantyne widmet sich der posthumanen SF, James Lovegrove ("The Age of Zeus") der erneuernden Wirkung von Apokalypsen ("A global detox, if you will.") und die beiden US-Autorinnen Catherine Asaro und Kate Dolan geben dem, was viele fälschlich mit SF gleichsetzen würden, den wahren Namen zurück: Planetary Romance bzw. Planetary Adventure. Ein extrem weites Feld, das nur durch sein Setting definiert wird und von Military SF bis zu den Gender-Betrachtungen einer Ursula K. LeGuin so ungefähr alles zulässt. Der Aufsatz entschädigt wenigstens ein bisschen für den schwachbrüstigen Beitrag von Justina Robson.

Im Nachwort räumt Brooke ein, dass mit diesen 12 Wegen zur SF das Genre natürlich noch nicht in seiner Gesamtheit erfasst ist. Wobei sich schon die Frage stellt, warum dem Thema Religion ein eigener Beitrag gewidmet wird, während als solche wohletablierte Genres wie Military SF oder Steampunk keinen bekommen haben. Und was ist mit feministischer oder ökologischer SF, was mit Monstern und Superhelden? Zudem wird zwar auf zahlreiche Filme und TV-Serien verwiesen, nicht jedoch auf Comics, obwohl die dem Medium Buch deutlich näher stehen. Und es rede keiner von Qualität: Wenn ein Autor wie Kenneth Bulmer Eingang in "Strange Divisions" gefunden hat, dann kann man genausogut "Storm" und "Trigan" anführen - von den Werken eines Mœbius oder Enki Bilal ganz zu schweigen. Aber hier zeigt sich wohl auch schon der nächste - und am schwersten wiegende - Fehlposten, der bei einem englischsprachigen Buch allerdings in keinster Weise überrascht ...

... nämlich mangelnde Internationalität. Kontinentaleuropäische, japanische, lateinamerikanische oder sonstwoher stammende SF wird vollständig außer Acht gelassen. Ein einziges Mal wird im Index des Buchs Stanislaw Lem genannt - die Brüder Strugatzki beispielsweise gar nicht. Für nicht-anglophone SF-Fans ist dies besonders ärgerlich; einmal mehr übt sich das englischsprachige Genre in Nabelschau. Dass "Strange Divisions" trotzdem lesenswert ist, liegt an einigen guten Beiträgen, vor allem aber daran, dass alle beteiligten AutorInnen Leselisten an ihre Aufsätze angehängt haben. Zusammen mit dem teils lawinenartigen Namedropping in den Texten selbst ergibt dies eine enorme Fülle an Buchtipps. Wem seine Kreditkarte lieb ist, der sollte von dem hier also besser die Finger lassen.

weiter ›
    Share if you care.