"Tafeln einfach nur abzumontieren ist falsch"

Interview25. April 2012, 06:15
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Die Umbenennung des Lueger-Rings in Universitätsring sei zwar richtig, zugleich aber auch feig und "typisch österreichisch", sagt Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste

STANDARD: Finden Sie die Umbenennung des Lueger-Rings richtig?

Blimlinger: Das ist wieder einmal eine typisch österreichische Lösung. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hat die Umbenennung mit der Sicht des Auslands begründet. Die brauche ich aber nicht. Als Stadt Wien sollte ich mich dazu bekennen, dass nach Karl Lueger kein Ring benannt wird. Der Name Universitätsring ist auch extra so gewählt, dass es ja kein neues Streitobjekt gibt. Mich hätte gefreut, wenn der Ring einen bedeutenden Namen erhalten hätte: Hans-Kelsen-Ring, benannt nach dem Autor der Verfassung, der aus politischen und wohl auch rassischen Gründen von der Uni und dem Verfassungsgerichtshof hinausgeekelt worden ist, wäre ideal gewesen.

STANDARD: Ist es auch typisch österreichisch, dass es bis zu dieser Entscheidung ewig gedauert hat?

Blimlinger: Klar, es wurde seit Jahren darüber geredet. Die SPÖ hätte immer die Macht dazu gehabt.

STANDARD: Ist es nun ein konstruktiver Beitrag zur Gedächtniskultur, Straßenschilder abzumontieren?

Blimlinger: Tafeln einfach nur abzumontieren ist falsch. Das gehört mit Zusatztafeln in seiner historischen Dimension beleuchtet.

STANDARD: Warum wird nur der Lueger-Ring umbenannt? Ist das nicht inkonsequent?

Blimlinger: Die Stadt müsste sagen: entweder - oder. Man sollte sich darauf verständigen, dass Lueger eine Person ist, die nicht würdig ist, dass eine öffentliche Fläche nach ihr benannt ist. Für sein Denkmal gibt es dank eines Wettbewerbs ein fixfertiges Siegerprojekt. Da würde die Lueger-Statue ein Stück gekippt werden. Es wäre der folgerichtige nächste Schritt, das jetzt anzugehen.

STANDARD: Woran scheitert das?

Blimlinger: Die Stadt Wien will das nicht. Auch das Denkmalamt hat Einwände. Aber wieder: Gäbe es das Bekenntnis dazu, dann könnte das längst umgesetzt werden.

STANDARD: Soll der Name Lueger ganz aus dem öffentlichen Raum verschwinden?

Blimlinger: Sein Denkmal bleibt ja bestehen - nur im Idealfall eben kontextualisiert. Ich bin nicht dafür, dass alles verschwindet; deshalb auch die Informationstafeln. Sonst wäre das ein Wegwischen, ein Verdrängen von Geschichte.

STANDARD: Jetzt kam als Reaktion der Renner-Ring ins Gespräch.

Blimlinger: Weil Karl Renner für den Anschluss an Deutschland eingetreten ist? Es wird wenige geben, bei denen es nicht Geschichten gibt, die diskussionswürdig sind. Lueger war ein rasender Antisemit. Warum soll der Ring nach ihm benannt bleiben?

STANDARD: Aber wo ist die Grenze?

Blimlinger: Vielleicht wird man diese in 30 Jahren auch bei Renner ziehen. Momentan sehe ich dazu keinen Grund. So wie es im politischen Diskurs läuft, ist das eine Art Retourkutsche. Jeder will beim Gegner fündig werden.

STANDARD: Gibt es noch Kandidaten für Umbenennungen?

Blimlinger: Vermutlich. Direkt vor meiner Uni steht eine Büste Josef Weinhebers. Hier im Haus arbeitet eine Plattform an einer Kontextualisierung. Weinheber war nicht nur Dichter, er war ein Super-Nazi. Natürlich könnten Straßen auch nach Bauwerken genannt werden. Aber es wäre ein bisserl feig - wie beim Universitätsring. Der Diskurs ist geschichtspolitisch wichtig. Dem sollte man sich stellen. Ein heute 20-Jähriger wird gar nicht wissen, wer Lueger war.

STANDARD: Die Jungen kennen Lueger nicht, was sagen die Alten?

Blimlinger: Einem Großteil der Bevölkerung wird das völlig egal sein. Aber durch die Berichterstattung werden viele erreicht. Der eine oder andere lernt etwas dazu. (Peter Mayr, DER STANDARD, 25.4.2012)

Eva Blimlinger, geboren 1961, ist seit Oktober 2011 Rektorin der Akademie der bildenden Künste. Von 1999 bis 2004 war die Historikerin als Forschungskoordinatorin bei der Historikerkommission der Republik tätig. 

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  • Historikerin Eva Blimlinger.
    foto: standard/hendrich

    Historikerin Eva Blimlinger.

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