"Mehr Forschung, weniger Bürokratie"

Interview24. April 2012, 18:25
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Máire Geoghegan-Quinn ist EU-Kommissarin für Wissenschaft und Forschung - Klaus Taschwer sprach mit ihr über das neue EU-Förderprogramm und Frauen in der Forschung

STANDARD: Bisher lief die EU-Forschungförderung unter der Bezeichnung " Rahmenprogramm". Das neue Programm ab 2014 wird "Horizon 2020" heißen. Ist das die Fortsetzung bisheriger Strukturen unter einem neuen Namen oder etwas ganz Neues?

Máire Geoghegan-Quinn: Das neue Programm wird ganz anders werden als das siebente Rahmenprogramm. Beibehalten wird nur das, was bei der Evaluation für gut befunden wurde. Alles andere wird verändert - und das ist eine ganze Menge. Die wichtigste Konsequenz ist, dass es zu einer Vereinfachung für die Antragsteller kommen wird. In aller Kürze lautet die Botschaft: "Mehr Forschung, weniger Bürokratie."

STANDARD: Wie zufrieden waren Sie mit der Entwicklung des Europäischen Forschungsrats (ERC)?

Geoghegan-Quinn: Das ist eine echte Erfolgsgeschichte. Dafür war zu einem nicht geringen Teil eine Österreicherin verantwortlich, ERC-Präsidentin Helga Nowotny. Wir schlagen in unserem Budgetentwurf deshalb vor, das Geld für den ERC in etwa zu verdoppeln.

STANDARD: Sie wollen für Horizon 2020 80 Milliarden haben. Wie groß ist die Chance, dass Sie das Geld auch bekommen werden?

Geoghegan-Quinn: Das wird sicher ein Kampf werden. Präsident Barroso steht hinter den 80 Milliarden, und das EU-Parlament will sogar 100 Milliarden. Wichtig ist, dass wir die Finanzminister davon überzeugen können, dass dieses Geld eine hervorragende Investition in die Zukunft ist - und dass wir uns gegen die Landwirtschaft und den Strukturfonds behaupten, die viel mehr bekommen.

STANDARD: Was hält die Finanzminister davon ab, Ihnen das Geld zu geben?

Geoghegan-Quinn: Ich war lange genug Politikerin in Irland und weiß genau: Am liebsten will man neue Arbeitsplätze schon morgen haben und nicht erst in drei oder fünf Jahren. Wenn man langfristig konkurrenzfähig sein will, dann muss man in die Forschung investieren - und zwar jetzt.

STANDARD: Viele EU-Mitgliedsstaaten müssen drastisch sparen und kürzen dabei auch die Forschungsausgaben. Tun Sie etwas dagegen?

Geoghegan-Quinn: So gut ich eben kann. Als ich zuletzt in Spanien war, äußerte ich mich dort sehr kritisch über die Kürzungen des Wissenschaftsbudgets. In Irland hat man das recht gut gelöst: Dort gibt es zwar auch große Einsparungen, aber die Ausgaben für Forschung werden dort nicht angetastet. Und das hat sich meiner Meinung nach schon ausgezahlt. Es ist jedenfalls augenfällig, dass jene Länder die Finanzkrise am besten überstanden haben, die viel in Forschung investierten.

STANDARD: In der EU-Forschungspolitik haben Frauen das Sagen: Sie sind Forschungskommissarin, Helga Nowotny ist ERC-Präsidentin. In der Forschung sind Frauen aber nach wie vor unterrepräsentiert ...

Geoghegan-Quinn: ... und das müssen wir ändern. Ein Problem ist, dass viele Wissenschafterinnen aussteigen, um eine Familie zu gründen und dann nicht mehr zurückkommen. Wir wollen diesen Wiedereinstieg künftig erleichtern. Dann setzen wir uns dafür ein, dass es eine gleiche Bezahlung für Frauen und Männer in der Wissenschaft geben muss.

STANDARD: Ist es nur eine Frage des Geldes?

Geoghegan-Quinn: Nein. Und deshalb wollen wir Mädchen dafür begeistern, Karriere im Bereich Wissenschaft und Technik einzuschlagen. Dafür wird es ab Juni eine Kampagne geben, an der auch Österreich als eines von sechs Ländern teilnehmen wird.

STANDARD: Ein Problem in Europa scheint eine kritische Einstellung gegenüber neuen Technologien zu sein. Manche sehen das gar als langfristige Gefährdung des Standorts - auch Sie?

Geoghegan-Quinn: Ich denke, dass es in dem Punkt verschiedenen Ebenen gibt: Einerseits geht es darum, mehr Wissenschafter dafür zu gewinnen, etwas Neues in der Forschung oder der Umsetzung zu wagen. Andererseits müssen wir uns bei der Einführung und Anwendung neuer Technologien um alle nötigen Sicherheitsmaßnahmen und bessere Kommunikation bemühen.

STANDARD: Können Sie hierzu ein Beispiel anführen?

Geoghegan-Quinn: Nehmen Sie nur die Nanotechnologie. Da gibt es gesundheitliche und ökologische Bedenken, denen wir wissenschaftlich nachgehen und die wir auch vermitteln müssen. Zugleich ist es aber auch nötig, die möglichen Vorteile besser kommunizieren - etwa, dass nanotechnologische Methoden in Zukunft die Krebsbehandlung viel treffsicherer machen können. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 25.4.2012)


Máire Goghegan-Quinn (61) ist irische Politikerin, ehemals Ministerin aus den Reihen der Fianna Fáil und ist EU-Kommissarin für Wissenschaft und Forschung in der Kommission Barroso II.

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