"Es wird in der Wissenschaft keine Revolutionen mehr geben"

Interview | 24. April 2012, 18:05
  • "Womöglich werde ich in zwei Wochen widerlegt sein." Ian Hacking sieht sich 
selbst als den "womöglich letzten Popperianer".
    foto: standard/corn

    "Womöglich werde ich in zwei Wochen widerlegt sein." Ian Hacking sieht sich selbst als den "womöglich letzten Popperianer".

Der kanadische Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking ist einer der weltweit führenden Vertreter seines Fachs

Klaus Taschwer sprach mit ihm über Wittgenstein, Simulationen und wissenschaftliche Überraschungen.

STANDARD: Als Sie vergangene Woche in die österreichische Wissenschaftskurie aufgenommen wurden, nannte Bundespräsident Heinz Fischer einige Denker aus Österreich, auf die Sie in Ihrem Werk Bezug genommen hätten. Wer war denn der wichtigste Einfluss?

Ian Hacking: Das war sicher Ludwig Wittgenstein. Als ich Ende der 1950er-Jahre zum Studium nach Cambridge kam, kannten ihn noch alle. Aber keiner sprach über ihn, und ich hörte in meinem ganzen Leben keinen einzigen Vortrag über Wittgenstein. So konnte ich ihn für mich selbst durch die Lektüre seiner Bücher entdecken, was mein großes Glück war.

STANDARD: Gab es noch andere Österreicher, die für Sie wichtig waren?

Hacking: Karl Popper fällt mir noch ein, und womöglich bin ich ja der letzte Popperianer. Und Paul Feyerabend. Ich kannte ihn ein bisschen; meine Frau war seine Assistentin. Und ich schrieb kürzlich das Vorwort zu einer neuen Ausgabe seines Buchs Wider den Methodenzwang.

STANDARD: Hängt das damit zusammen, dass Ihr Dissertationsbetreuer in Cambridge Schüler von Wittgenstein war?

Hacking: Nein, das stimmt nicht. Sie haben das sicher auf Wikipedia gelesen, und das ist eine der typischen Wikipedia-Halbwahrheiten. Mein wichtigster Lehrer dort war zwar Casimir Lewy, das ist korrekt. Aber es war definitiv kein Wittgensteinianer, und ich hab mit ihm auch nie über Wittgenstein gesprochen - mit einer einzigen Ausnahme.

STANDARD: Um was ging es in dem Gespräch?

Hacking: Lewy erzählte mir, dass er sich mit Wittgenstein bei den gemeinsamen langen Spaziergängen immer nur über medizinische Belange unterhalten habe. Beide waren nämlich große Hypochonder.

STANDARD: Wie bedeutsam ist Sigmund Freud für Sie? Sie haben sich in Ihrem Buch "Rewriting the Soul" auch intensiv mit autobiografischen Erinnerungen und Persönlichkeitsstörungen befasst.

Hacking: Freud war wichtig. Aber er war für mich nicht wichtiger als für die ganze übrige Welt. Er veränderte die Art und Weise, wie wir über uns denken und wie wir träumen.

STANDARD: Verbindet Sie sonst noch etwas mit Wien?

Hacking: Eigentlich nicht. Und es war für mich auch etwas befremdlich und mir fast auch etwas unangenehm, dass mich die Kurie für Wissenschaft aufgenommen hat, denn die meisten auswärtigen Mitglieder der Kurie haben doch sehr enge Verbindungen zu Österreich. Claudio Magris etwa, der mit mir neu aufgenommen wurde: Er verdient das wirklich, ich nicht. Und das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit.

STANDARD: Apropos Vorworte: Sie haben gerade eine Einleitung zur Neuauflage von Thomas Kuhns "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" verfasst. Eine seiner Kernthesen war, dass sich Wissenschaft in revolutionären Phasen erneuert. Was halten Sie von der Behauptung heute?

Hacking: Kuhns Auffassung ist sehr vereinfachend, und es gibt zweifellos Begebenheiten, die sich mit Kuhns Begrifflichkeit gut beschreiben lassen. Ein Beispiel dafür ist der Übergang zur Plattentektonik in der Geologie. Dagegen gab es erheblichen Widerstand, doch als sich die Idee erst einmal durchgesetzt hatte, sah man die Erde plötzlich völlig anders als zuvor. Für die Zukunft denke ich, dass es keine großen Revolutionen in der Wissenschaft mehr geben wird, sondern nur mehr Überraschungen. Aber womöglich werde ich damit schon in zwei Wochen widerlegt sein.

STANDARD: Hat das auch damit zu tun, dass wir nach einem Jahrhundert der Physik, die für Kuhn zentral war, nun im Jahrhundert der Biologie leben?

Hacking: Es ist jedenfalls richtig, dass die Lebenswissenschaften und die Medizin heute der Physik im Großen und Ganzen den Rang abgelaufen haben. Aber auch innerhalb der Physik hat sich einiges verändert: Heute ist sind es die Festkörperphysik und die Quantenphysik, die den Ton angeben. Vor ein paar Jahren besuchte ich das Labor von Rudolf Grimm in Innsbruck, der als erster ein Bose-Einstein-Kondensat aus Molekülen herstellte: Das ist heute ein Bereich der Physik, wo es richtig abgeht.

STANDARD: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Wissenschaftern und Wissenschaftsphilosophen und -historikern?

Hacking: Es gibt viele verschiedene Arten, ein Philosoph und ein Historiker zu sein. Ich mache einfach das, was mich interessiert. Manchmal gehe ich in Labors und schaue mir an, was Physiker wie Rudi Grimm dort tun. Manchmal mache ich sehr theoretische Sachen. Im Grund bin ich ein Philosoph, der auch Geschichte betreibt und Interviews mit Forschern macht. Ich bin da sehr eklektisch.

STANDARD: Lassen sich 50 Jahre nach Kuhn überhaupt noch gar so viele neue Geschichten über Wissenschaft erzählen?

Hacking: Ja. Ich denke, dass es viele verschiedene Typen, Modelle und Analysen historischer Ereignisse in der Wissenschaft gibt, die ja an sich sehr komplex ist. Auch die Politik kann man auf ganz verschiedene Weise theoretisch analysieren, und auch das entwickelt sich weiter: In Frankreich schreibt praktisch jede Generation eine neue Geschichte der Französischen Revolution. Das bedeutet nicht, dass die früheren Versionen falsch waren - es ist nur eine neue Perspektive auf eine sehr komplexe Sache.

STANDARD: Gibt es für Sie in dem Zusammenhang einen großen Unterschied zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften?

Hacking: Ich denke, dass es eine ganze Menge von Unterschieden gibt. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von Unterschieden zwischen der Molekularbiologie und Hochenergiephysik. Es gibt einerseits die großen "Vereiniger", die eine Geschichte von allem erzählen wollen - wie Kuhn. Und dann gibt es die "Aufspalter", zu denen ich gehöre. Als analytischer Philosoph sehe ich überall Unterschiede, und ich brauche einige Zeit, um herauszufinden, was verschiedenen Dingen gemeinsam ist. Als ein "Aufspalter" respektiere ich "Vereiniger", aber ich glaube, die Aufspalter sind näher an der Wahrheit.

STANDARD: Sie sind einer der Protagonisten des "practical turn" in der Wissenschaftsphilosophie, also der Hinwendung auf die Untersuchung der tatsächliche Praktiken der Forscher. Inwieweit stellt die zunehmende „Virtualisierung" der Forschung durch Simulationen am Computer eine Herausforderung für Sie dar?

Hacking: Virtualisierung ist ein großes, spannendes Thema. Meine besten Schüler sind fast nur damit beschäftigt. Ich bin ja ein bisschen altmodisch und stimme mit meinen Studenten nicht überein, wenn sie meinen, dass wissenschaftliche Experimente nur ein Spezialfall einer Simulation seien. Da bin ich skeptisch und zu sehr Materialist. Aber heute ist es in vielen Bereichen so, dass ein experimentelles Ergebnis als bestätigt gilt, wenn die Simulation zum selben Ergebnis kommt - und nicht umgekehrt. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 25.4.2012)


Ian Hacking (76) ist emeritierter Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Toronto und am Collège de France in Paris. Viele seine Bücher (u. a. "Representing an Intervening") gelten als Standardwerke seines Fachs.

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Was gesagt werden müsste

Ein zorniger Alter steht hier nicht vor uns.
Wem sich Labortüren öffnen, um den Geruch der brandneuen Arbeiten aufzunehmen, der hat Unterhaltung genug zu bieten, die, um eine Partie aus „Zeitverschwendung“ zu bemühen: „ …ganz unbemerkt in sinnlosen Lärm übergeht“, und an benachbarter Stelle auch der Gedanke: „… dass es die Dadaisten waren, die inhumanes Erhabenes zurück wieder herunter und gleichsam in die Abwässerkanäle weiter beförderte (aus denen es aufgestiegen sein dürfte)“. –
Aber dieser evolutionäre Dadaismus spricht nicht aus dem Text, in welchem auf habitualisierte Weise die glimmenden Stichpunkte aneinandergereiht und doch um allen heißen Brei herum geredet wird.
Freundschaftliche Erwähnung im selbigen Buch ändert nichts daran.

du redest viel und sagst sehr wenig.

deine aneinanderreihung sinnentleerter worthülsen beschreibt die kunst- und literatur-richtung dadaismus schon recht gut.

nur hat dein nonsens nichts mit anstehenden wissenschaftlichen revolutionen zu tun !

keine revolutionen mehr : hier irrt der selbsternannte guru und "wissenschaftsphilosoph" !

siehe z.b. unter :

http://science.orf.at/stories/1687300
http://science.orf.at/stories/1696437
http://science.orf.at/stories/1696910
http://science.orf.at/stories/1665977

es wird noch zu revolutionen kommen !
die morbide mathematiker und physiker,
und ebensolche "wissenschaftstheoretiker"
bis dato nicht für möglich halten.

nur zu.
mfg. h.t.

Die vollständige Offenlegung,...

.
all dessen was in den elitären Wissenschaften bereits längst bekannt ist, würde uns glatt umhauen,... oder sind wir für die Welt des Star Trek schon bereit?,... ;-)

publish or perish

Es wird eher zu früh publiziert, denn zu spät. Fast alle haben Angst, dass jemand schneller ist und mehr vom Förderkuchen abbekommt. Die Vergangenheit (z.B. Manhattan-Project) zeigt, dass sich mit größtem Aufwand grundlegende Forschung nur unvollständig geheimhalten lässt. Halbwegs funktioniert hat das nur bei technischen Entwicklungen (z.B. SR71), da sind die Teams kleiner. Die Vorstellung, es existiere geheime Supertechnologie ist ja spannend, aber das ist eher unwahrscheinlich. Bestenfalls gibt es ein paar aufgekaufte und schubladisierte Patente um alten Entwicklungsaufwand abzuschreiben, bevor die nächste Technolgie serienreif gemacht wird. Das ist ärgerlich, aber Patente sind i.d.R. öffentlich.

Geheime Technologien sowie zukunftsweisendes Wissen,...

.
gibt es mit Sicherheit bei den Militärs, und bestimmt auch exotisch anmutende (völlig korrekte!) wissenschaftliche Erkenntnisse die noch nicht für die Öffentlichkeit freigegeben wurden, (die meist erst mit einer Verzögerung von weit über 20 Jahren freigeschaltet werden) dessen ungeachtet gibt es auch einige sehr elitäre Multimilliardäre auf der Welt die private Wissenschafter fix angestellt haben, mit ebenfalls nicht veröffentlichten Forschungsergebnissen, die noch dazu zahlreiche private Geheimforschungen völlig unbekannter Art und Zielsetzungen betreiben,... nun, wäre ich selbst ein Multimilliardär so würde ich es ganz bestimmt genauso machen,... ;)

aha

und woher wissen Sie das? Nicht, das ich das widerlegen könnte, aber ein Nachweis erscheint mir auch nicht möglich. Damit ist die Beschäftigung mit dieser These eher fad, oder?

Konfrontierende wissenschaftliche Erkenntnisse,...

.
zumindest für die meisten westlichen Wissenschafter, werden hier von einem russischen Physiker (ganz privat) enthüllt,...

Articles: http://www.levashov.org/English/a... s-eng.html

Books: http://www.levashov.org/English/b... s-eng.html

Quelle: http://www.levashov.org/English/i... x-eng.html

... nicht nur in der Physik, auch in anderen Bereichen kommt in den nächsten Jahren eine Revolution auf uns zu,... denn wir sehen ja immer nur die Spitze des Eisberges,... und auch die Filme über James Bond regen die öffentliche Fantasie an, was so alles im Hintergrund wohl abläuft, bzw. ablaufen könnte,... jede Idee hat eine Quelle,... ;)

eine Spielwiese für sehr Reiche bahnt sich ja bereits an!
http://tinyurl.com/cmeyqcf

Vor Einstein

galt die Physik vielen als "abgeschlossene Wissenschaft"

um 1900 haben sie auch gesagt: "es ist bereits alles erfunden!"

stimmt auch

es ist schon alles erfunden, aber es wird nur tröpfchenweise an die öffentlichkeit abgegeben ^^ weil die tech-hüter glauben die Welt verkraftet nicht zuviel fortschritt auf einmal...

liest sich wie das letzte aufbäumen der philosophie

nix wirklich zu verstehen ist keine gute voraussetzung wertvolle beiträge liefern zu können.

Der Wappler bleibt beständig an der Nina heften und wird sich nie ändern

Ich denke, daß er recht hat, denn wenn man die letzten Jahrzehnte anschaut, hat sich wirklich nicht viel getan!

Was mir so ad hoc einfällt:

Die Molekularbiologie konnte große Erfolg verbuchen, in der Nanotech wurden zig Anwendungen umgesetzt. Die Neuerkenntnisse über unsere genetische Abstammung hat die herkömmliche Lehrmeinung auf den Kopf gestellt. In der Hirnforschung gab es Durchbrüche, speziell was die Funktionsweise der Denkleistungen betrifft. Also nach Stillstand sieht mir das nicht aus.

"Die Bedeutung der Sprache für die Philosophie" - ein unglaublich klar und locker geschriebenes Buch über komplexe Zusammenhänge zwischen (u.a.) Denken, Sinnesempfindung, Bedeutung und Verifikation.

Intelligenter Mann. Intelligenter als manche Blödposter hier.

Ein nichts im Vergleich zu Umberto Eco.

Eco hat doch von Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften keine Ahnung!

33 Ehrendoktortitel, Doktortitel ein Lehrstuhl und zahlreiche Gastprofessuren in aller Welt sagen:

Eco IST die Wissenschaftstheorie...

Und wenn es 333 Ehrendoktorate wären: er versteht nichts von Naturwissenschaft. Es ist nicht sein Thema. Er ist nicht kompetent. Zig Ehrendoktorate ändern an dieser Inkompetenz genauso wenig wie Zig Weltcupsiege von Hermann Meier etwas an seiner Inkompetenz in Bezug auf Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften ändern.

Eco ist ein Semiotiker und darüber hinaus ein unterhaltsamer populärer Plauderonkel. Aber das ersetzt keine spezifische Fachkompetenz in Bezug auf Naturwissenschaften.

:) natüüürlich versteht er nichts von naturwissenschaften, er ist ja auch ein "geistes"wissenschafter... wieviele Naturwissenschafter kennen sich mit literatur/kunstgeschichte aus...es gibt kein verbundstudium natur/geisteswissenschaft...nicht sein Thema? ein maschinenbauer wird in quantenphysik auch nichts mitzureden haben und ein quantenphysiker in angewanter mechanik nicht...also gibt es sogar innerhalb der naturwissenschaften spezialgebiete von denen die jeweils anderen nur oberflächlich etwas verstehen...niemand kann ALLES wissen, nichtmal eco ;)

Die Methodenunterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sind nicht groß. In beiden Bereichen sollte es um die Aufstellung von Hypothesen zur Lösung interessanter Probleme gehen, die dann kritischer Prüfung unterzogen werden.

die Metodenunterschiede sind mehr als deutlich.

Im Grunde gibt es nur eine rationale wissenschaftliche Methode: "Konstruktion und Kritik". Je nach Gegenstandsbereich kann diese Methode dann unterschiedliche Ausprägungen aufweisen.

sie können nicht *beweisen* das man *nichts beweisen* kann ;)
die naturwissenschaft kann ihnen aber ZEIGEN dass sie funktioniert ^^ (wenn sie schon die beweise nicht akzeptieren...)

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