Wie sich der Alltag der Lager-SS gestaltete

24. April 2012, 17:32
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"Arbeitsplatz" Konzentrationslager: Wiener Zeithistoriker zeigen, dass sich die KZ-Schergen als gar nicht so anders gaben als der Rest der Gesellschaft

Die Augen geschlossen, mit völlig entspannten Gesichtszügen, weit zurückgelehnt in ihren Stühlen, sitzen zwei junge Männer an einer Hauswand und genießen die Mittagssonne. Eine fast beschauliche Szenerie, würde sie sich nicht vor dem Hintergrund entsetzlicher Verbrechen abspielen. Es handelt sich um zwei SS-Leute, die offensichtlich eine Pause machen - von ihrem Dienst im KZ Mauthausen. Das Foto wirkt wie ein Trugbild angesichts der bekannten Bilder von schuftenden, ausgemergelten und getöteten Häftlingen.

"Das Bild ist deswegen so beunruhigend, weil es das Exotische vom KZ-Personal nimmt", sagt Bertrand Perz, Zeithistoriker an der Universität Wien. "Es zeigt: Auch im KZ herrschte so etwas wie Normalität." Wie sich der "Arbeitsalltag" im Konzentrationslager Mauthausen gestaltete, wie sich das Personal zusammensetzte und wie das Lager organisiert war, will eine Forschungsgruppe rund um Perz in einem vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekt zur "Lager-SS Mauthausen" zutage bringen.

Dabei gehen die Historiker neue Wege in der Täterforschung: Diese befasste sich lange Zeit vor allem mit der Rekonstruktion einzelner Biografien. Zahlreiche TV-Dokus rückten in den letzten Jahren eine emotionalisierte, ins Voyeuristische abdriftende Perspektive auf das Privatleben der Täter in den Vordergrund. "Es gibt kaum Studien, die sich im Detail mit dem gesamten Personal im KZ und dem komplexen Beziehungsgeflecht innerhalb und nach außen auseinandersetzen", sagt Perz. Letztlich geht es darum, "das Leben vor Ort vor dem Hintergrund der enormen Gewalt zu betrachten - das für das SS-Personal nicht so viel anders war als im Rest der Gesellschaft." Eine Erkenntnis, die einen weiteren Puzzlestein für die Erklärung der kaum fassbaren Verbrechen liefern könnte. Von den 200.000 Menschen, die zwischen der Errichtung im August 1938 und der Befreiung am 5. Mai 1945 nach Mauthausen deportiert wurden, überlebte nur die Hälfte.

Keine Randexistenzen

Seit Anfang 2011 durchforsten Perz und seine Mitarbeiter Christian Rabl, Stefan Hördler und Magdalena Frühmann zigtausende Aktenseiten, um die Strukturen dieser Zweigstelle in einem Konzern der Ausbeutung und Vernichtung nachzuzeichnen. Enge Kontakte wurden sowohl mit der Zentrale in Oranienburg als auch mit örtlichen Behörden gepflegt. Als Quelle dienen die Bestände der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, SS-Personalakten aus dem Bundesarchiv Berlin und internationale Archive. Eine ergiebige Fundgrube stellen Gerichtsakten aus Nachkriegsprozessen dar, persönliche Dokumente und Erinnerungen des KZ-Personals sind eher dürftig.

"Man kann davon ausgehen, dass die Lager-SS aus der Mitte der Gesellschaft kam und nicht - wie oft angenommen - aus Randexistenzen bestand", sagt Perz. "Das KZ-Personal war sehr heterogen: Arbeiter, Mittelschicht, Gewerbe, Akademiker - alles war vertreten."

Im Frühjahr 1945 erreichte die ständige Expansion einen Höhepunkt: 10. 000 Bewacher waren im Mauthausen-Komplex samt Nebenlagern beschäftigt - fast doppelt so viele wie in Auschwitz. Während sich der Kommandaturstab durchgängig aus der SS rekrutierte, wurden die Wachmannschaften anfangs von den sogenannten SS-Totenkopfverbänden gestellt und ab 1942 durch junge Männer aus deutschsprachigen Volksgruppen in Rumänien, Ungarn und Jugoslawien verstärkt. Ab 1944 wurden Wehrmachtssoldaten eingesetzt.

Gegen Kriegsende war das Spektrum groß: 150 "Trawnikis" - in Kriegsgefangenenlager angeworbene Ukrainer, die in Vernichtungslagern in Ostpolen am Judenmord beteiligt waren - waren genauso wie Theaterschauspieler und Feuerwehrleute zur Bewachung der Häftlinge abgestellt. Zivilisten und Hilfskräfte arbeiteten ständig in der KZ-Verwaltung, in der SS-Firma "Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH", die die Steinbrüche betrieb, und für Rüstungsfirmen wie Steyr-Daimler-Puch. Ab Herbst 1944 gab es Aufseherinnen für die Frauenlager.

"In der Täterforschung spielt der situative Moment eine große Rolle. In einer bestimmten Gruppe und Umgebung lassen sich Menschen relativ leicht zu Gewaltbereitschaft bewegen", erklärt Perz eine These. "Wenn es dann auch einen Referenzrahmen gibt, in dem Gewaltausübung und Töten in Arbeit transformiert wird und so zur Normalität wird, entlastet das die Täter."

Die Häftlinge bei der Arbeit anzutreiben, zu kontrollieren, sie zu quälen, zu drangsalieren und zu töten war Teil eines Systems, in dem Gewalt der Normalfall war und das auch durch privilegierte Funktionshäftlinge getragen werden musste. Außerhalb dieser Gewalttätigkeit gestaltete sich der Alltag ähnlich wie in einer Kaserne. Die KZ-Belegschaft lebte je nach Rang mit ihren Familien in SS-Siedlungen, in Untermiete auf Bauernhöfen oder in Baracken, heiratete in die lokale Bevölkerung ein, schickte ihre Kinder in die Dorfschule, pflegte Liebesbeziehungen und war eingebunden in die örtliche Gemeinschaft.

Vernetzung nach außen

"Die Lager-SS nahm an Skimeisterschaften in Hinterstoder teil und spielte in der Regionalliga Fußball", berichtet Perz über die Vernetzung nach außen. "In St. Georgen an der Gusen gingen die Leute aus dem Dorf zum SS-Zahnarzt des Lagers." Besonders gut sind Konflikte dokumentiert: Sie reichen von harmloseren Fällen wie Wirtshausschlägereien und Vaterschaftsklagen bis hin zu einzelnen Gewaltausbrüchen von SS-Offizieren. Die Historiker analysieren auch die ökonomische Situation in der Lagerhierarchie. "Der Schwarzmarkt spielte eine große Rolle", sagt Perz.

Im Fokus der Forscher steht außerdem die Zeit nach der Befreiung: "Vom Kommandanturstab wurden viele vor Gericht gestellt. Die Reintegration der unteren Ränge verlief im Großen und Ganzen sang- und klanglos", sagt Bertrand Perz. "Die Masse an Wachleuten kehrte wieder in ihre Berufe zurück." Rund 300 Mauthausener Täter waren bei den Dachauer Prozessen angeklagt worden, viele lebenslänglich Verurteilte wurden spätestens 1955 entlassen. Darüber, wie groß die Bereitschaft der Gesellschaft war, die Nazi-Verbrecher wieder aufzunehmen, geben Gnadengesuche für Angeklagte Auskunft: Nicht nur Verwandte, sondern auch Pfarrer, Bürgermeister und Lehrer, selbst Funktionshäftlinge standen für die Verlässlichkeit und den guten Charakter der KZ-Schergen ein.

"Es gab ein Netz, das die Leute auffing", erklärt Perz. "All das zeigt, dass das Bild der Psychopathen auf die meisten SS-Angehörigen nicht zutrifft, auch wenn es schwerfällt, die permanente exzessive Gewaltanwendung nachzuvollziehen." Um annähernd zu verstehen, wie der " Arbeitsplatz" Mauthausen funktionierte, versuchen die Historiker KZ-Verwaltung, Personal- und Sozialstrukturen möglichst dicht zu beschreiben. Rund 5000 Personen wurden bisher in einer Datenbank erfasst, mit umfassenden Angaben zu Herkunft, Religion, Ausbildung und Lebenslauf.

Die Ergebnisse des Projekts sollen in die Neugestaltung der Gedenkstätte Mauthausen einfließen, die 2013 eröffnet. Auch in diesem Mai finden Befreiungsfeiern im Gedenken an die Opfer des KZs Mauthausen statt. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 25.4.2012)

  • Zwei SS-Leute machen Pause von der Arbeit im Konzentrationslager Mauthausen 
(Datum unbekannt). Ein irritierendes Zeugnis des KZ-"Alltags".
    foto: mhc (fons amical de mauthausen)

    Zwei SS-Leute machen Pause von der Arbeit im Konzentrationslager Mauthausen (Datum unbekannt). Ein irritierendes Zeugnis des KZ-"Alltags".

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