Die Moral der Ersatzpriester und das Urteil der Bürger

Diskussion | Lisa Nimmervoll, 24. April 2012, 18:43
  • Kurt Palm (li.), Wolfgang Müller-Funk, Emmy Werner (Mitte) und Susanne 
Heine diskutierten im Haus der Musik über Politik und Moral, STANDARD-Kolumnist Gerfried Sperl moderierte.
 
    vergrößern 800x533
    foto: standard/newald

    Kurt Palm (li.), Wolfgang Müller-Funk, Emmy Werner (Mitte) und Susanne Heine diskutierten im Haus der Musik über Politik und Moral, STANDARD-Kolumnist Gerfried Sperl moderierte.

     

"Die Politik" gilt seit einiger Zeit als amoralischer Pfuhl - Aber ist dem wirklich so?

Wien - Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz: "Skepsis an der Moral ist das Entscheidende." Unausgesprochen schwebt er beim STANDARD-Montagsgespräch zum Thema "Wie viel Moral braucht die Politik" als Leitmotiv über der Debatte im Haus der Musik. Denn die Frage nach der Moral parieren die vier Gäste am Podium - Autor und Regisseur Kurt Palm, die frühere Direktorin des Volkstheaters Wien, Emmy Werner, Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk und die evangelische Theologin Susanne Heine - mit gewisser Skepsis.

Fehlende Moral bei den Mächtigen gab es auch in den vergangenen Jahrhunderten. Gerfried Sperl zitiert zur Einleitung den Moralphilosopen Adam Smith (1759): "Das Fassungsvermögen ihres Magens steht in keinem Verhältnis zur Größe ihrer Begierde". Das Montagsgespräch in voller Länge (Teil 2).

"Wie viel Moral verträgt die Politik?"

Das Schwierige an der Moral sei ja, dass so schwer etwas dagegen zu sagen sei, wenn etwa die ÖVP ihren Funktionären zur moralischen Selbstermächtigung einen Verhaltenskodex auferlegen möchte, sagt Heine: "Die Frage ist nur: Was es bewirkt. - In der Regel nichts."

Besser wäre vielleicht zu fragen: "Wie viel Moral verträgt die Politik?" Zumal Moraldiskurse meist Verschleierungsdiskurse seien, sagt die Theologin: "Damit wird verdeckt, dass es Interessen gibt." Einander widersprechende Interessen, für die die Politik irgendeinen Ausgleich finden muss. Das ist ihr Job. Wenn sie den nicht (mehr) leistet, also keine Entscheidungen trifft, dann brechen die Hochzeiten für die Moralisten an und die "Wolke des moralischen Diskurses" kann vor sich hinwabern - unter kräftiger Zuhilfenahme von Sündenböcken. "Das ist das Verlogene dieses Moraldiskurses."

Die vormalige Theaterprinzipalin Emmy Werner beantwortet die Frage "Wie viel Moral braucht die Politik?" mit einem kompakten: "Gar keine." Die Gesellschaft sollte sich vor allem eine leisten. Wenn aber "die Gesellschaft verrottet, dann ist die Politik der Spiegel", sagt Werner. Also: "Die Gesellschaft braucht eine andere Moral, dann hat auch die Politik eine andere." Wenn von prominenten Figuren moralisch fragwürdige Attitüden der Marke "Ich hab ja nix zu verschenken" als Zielgröße propagiert werden, "braucht die Politik gar nicht mehr unmoralisch sein", meint Werner.

Müller-Funk: "Moral wird nicht in der Politik produziert, sondern in der Gesellschaft"

Auch Kulturwissenschafter Müller-Funk koppelt die mit so viel Verve geforderte Moral an die Gesellschaft zurück: "Moral wird nicht in der Politik produziert, sondern in der Gesellschaft." Und da vor allem als rhetorische Übung vermittels moderner Medien. Bleibe die Frage, stecken wir heute, da wir umzingelt scheinen von Korruption allerorten, auch tatsächlich in einer korrupteren Gesellschaft als früher? Nicht zwangsläufig, meint er: "Unsere Moral hat sich vielleicht geändert, vielleicht hat sich aber auch unser Argwohn gesteigert. Vielleicht ist das Ausmaß der Korruption gar nicht gewachsen, aber die mediale Aufmerksamkeit." Nicht zu vergessen: Die vermeintliche Amoral ist beileibe nicht nur ein Symptom der Politik. Der Kulturbetrieb sei dafür ebenso eine treffliche Spielwiese, erinnert Müller-Funk: "Das Interessante: Nachdem der jeweilige Direktor zu Fall gekommen ist, interessiert sich niemand mehr dafür."

Ist Moral also eine Frage für Spontanauf- und -erregung und dann ein Fall fürs Kurzzeitgedächtnis? Müller-Funks Medizin: "Nicht zu viel Moral. Lieber punktuell moralisch sein als über Moral reden."

Palm: "Leute auf der Straße haben eine andere Moral als Politiker"

Als Fall von zu viel Moral könnte "Doppelmoral" gelten. Die sei ja auch gar nicht so selten, sagt Kurt Palm. Für ihn stellt sich die Frage: "Welche Moral braucht die Politik?" Schwierig, "weil die Leute auf der Straße eine andere Moral haben als Politiker wie Grasser".

Andere Moral, gut. Aber bessere oder mehr Moral? Nicht unbedingt. Woher also kommt dann der moralisierende Ton der Politik gegenüber? Weil sich die Politiker auch selbst "zu Ersatzpriestern gemacht haben", sagt Palm: "Eine ihrer Hauptbotschaften war ja: Auf uns ist Verlass. Der sagt die Wahrheit. Wir sind besser als andere, darum sollt ihr uns wählen. Von daher darf man schon moralische Ansprüche stellen an die Politik", findet Kurt Palm.

Heine: "Moraldiskurse verdecken, dass es einander widersprechende Interessen gibt"

Nicht nur an die, betont Heine und erinnert all die Moralapostel an etwas jenseits der grassierenden Moralisierung: Es gebe ja auch noch "die Urteilsfähigkeit und Verantwortung der Bürger". (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 25.4.2012)

STANDARD-Montagsgespräch im TV

Eine Aufzeichnung der Diskussion ist am Montag, 30. April (22.45 Uhr), auch auf W24 im Kabelnetz zu sehen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 28
1 2
Moral ist zu viel verlangt

effizienz wär schon schön

Jedenfalls wesentlich mehr Moral als der Großteil unser derzeitigen Repräsentanten unserer Republik.
Traurig genug.

Komische Fragestellung...

Es kann garnicht genug Moral geben...soweit Moral überhaupt mengenmäßig Quantifizierbar ist.
Denn entweder Moral herrscht oder eben nicht! Kann es mehr oder weniger Moral geben????

Die Fragestellung ist daher für mich eine völlig falsche und zeigt nur, dass man versucht absolute Begriffe zu relativieren was schon für sich unnoralisch ist!

Das Bild das so eine Fragestellung wirft ist schon für sich ein verräterisches , es zeigt die Verlotterung der Wertvorstellung in unserer Gesellschaft

und man staunt auch sehr was alles moral sein soll!
je nach politischer richtung ist das sehr unterschiedlich.
moral, werte - leider keine klaren und einheitlich verwendeten begriffe!

Leicht verkehrt?

Müsste die Fragestellung nicht lauten: Wie viel Unmoral verträgt die Politik? - Moral ist nämlich schwer zu finden.

Politics is dirty business.

Politik in unserer Welt _kann_ gar keine Moral aufweisen.

Jeder ehrliche, integere und moralisch/ethisch handelnde Politiker wird von seinen Gegnern und Parteifreunden um Längen überholt. Er kann in diesem ehrgeizigen Prozess einfach nicht mithalten.

Diese Diskussion ist eigentlich unsinnig. Solange Politiker durch Indemnität und Immunität nahezu unantastbar werden, oder sich mit Lobbyisten zusammentun, muss man sich erst gar nicht über Moral unterhalten wollen.

Die Moral eines Politikers stirbt für mich spätestens beim ersten "gutgemeinten" Wahlversprechen.

Ich fände es besser, wenn die Diskussion sich darum drehen würde, wie man die Politiker durch persönliche Verantwortung/Konsequenzen von diesen falschen Anreizen abhalten könnte.

Die Politik benötigt keine Moral, sie benötigt Stärke und Glaubwürdigkeit um die Ziele einer Gesellschaft des 21 Jhdt. umzusetzen.

Um diese Ziele umzusetzen benötigt es Transparenz und ein Wissen um eine Vertrauenswürdigkeit dem Bürger gegenüber.

Das ist MORAL.
Aber das kennt heute keiner mehr, deshalb muss man auch so eine komische Sitzung ins Leben rufen.

"...die Ziele einer Gesellschaft des 21 Jhdt. umzusetzen.
...
Oh du heiliger Strohsack, schon wieder das 21. Jhd. als wär das was besonderes.
Habens schon mal was von Zeitzählung gehört, es gibt sogar ein Zeitzählungsgesetz!
Und bei dieser Zählung sind wird halt im sogenannten 21. Jhd. angelangt, was weiter nicht viel heißt.
Glauben sie wirklich dass sich die Menschen, sagen wir in den letzten 2000 Jahren, wesentlich geändert haben? Ja, Maschinen, Technik und sonstigen Kram, das haben sie, aber als Menschen haben sie sich gar nicht verändert. Sie wälzen immer noch die gleichen Probleme, haben immer noch die gleichen Schwierigkeiten im Zusammenleben wie in der Antike!
Lesen sie die antiken Philosophen und sie werden mir rechtgeben

es gibt keine Moral, ohne dass diese auf gesellschaftliche Umfassende Ziele verankert ist.

Moral ist eine Ansicht (Weltanschauung) eines Individuums auf ein Ziel (Ideal) gerichtet. Da es keine umfassende Strukturen und gesamtpolitische Ziele gibt, gibt es auch keine Moral. Jedenfalls nicht in dieser Bananenrepublik.

achso ... ja, Geld ist die Moral der Politik ...

eh klar oder?? Wer brav brennt bekommt seine Interessen durchgeboxt!
Auf die Wahlen wird ohnehin gepfiffen ... die Volksdeppen wählen ohnehin immer die gleichen Partein ... ob nun 5% mehr oder 5% weniger *pfff*

Politik und Moral stehen leider in keinem Zusammenhang zu einander ...

vielleicht schließen sie einander sogar aus?

politik ist so moralisch wie die konzerne und monopolisten, denen die politiker gehören - also gar nicht, weil moral der prinzipiellen profitorientiertheit entgegengesetzt ist.

wieviel kostet Moral und was krieg ich dafür

und jeder kriegt vom Staat das Seine:

Der eine bekommt eine längere Lebensarbeitszeit, krisenbedingt immer höhere Steuern, das Märchen der gefühlten Inflation, einen unsicheren und schlecht bezahlten Job als (Leih)arbeiter...

Der andere bekommt phantastische Unternehmensgewinne, flexible und mobile Leiharbeiter, darf Chemikalien in Lebensmittel schütten um sie länger haltbarer / billiger herstellbar zu machen, ...

- und jetzt wird um die 'gerechte' Zuteilung gerungen und mehr Sauberkeit in deren Methodik verlangt.

Politik ist deswegen eine schwierige Tätigkeit, weil man, um sie eben anständig auszuüben, Dinge tun muss, die man als Einzelne(r) nicht tun würde.

1tens kommt man ohne zusammenhängende/kollektiv getragenene Programme nicht aus. Man wird aber nicht immer mit allen Punkten eines Programms ehrlich einverstanden sein, muss es aber unterstützen bzw. wenn man selbst für Thema X zuständig ist, nicht der Sprecherin für Thema Y öffentlich ins Zeug pfuschen. D.h. man muss bis zu einem gewissen Grad die eigene Meinung unterordnen.

2tens muss man die Verantwortungsethik im Gegensatz zur Gesinnungsethik begreifen und leben. D.h. man muss Entscheidungen treffen und unterstützen, die zwar nicht das sind was man eigentlich will, aber die Sache besser dastehen lassen als die tatsächlich verfügbaren Alternativen.

Beides geht mit der boulevardmässigen Schwarz/Weiss-Kommunikation schwer zusammen.

stimme ihnen bei punkt 1 und 2 insoweit zu, daß kaderzwang moral untergraben kann. doch moral ist schlußendlich eine persönliche angelegenheit, und in den letzten jahren gab es genug anlässe, daß zahlreiche politiker in diesem land auf grund ihres verhaltens bzw. vieler ihrer aussagen (lügen, verhetzungen, ...) zurücktreten hätte sollen, und es nicht getan haben.

beim resümee teile ich ihre meinung nicht, da das von ihnen verwendete wort "boulevard-" suggeriert, es sei die breite masse (der sie scheinbar keine moral zugestehen) schuld daran, daß auch die politiker unmoralisch seien. es sind eher die unmoralischen politiker in ihrer vorbildwirkung und meinungsbildung, die den boulevard unmoralischen machen.

jaja,

wenn man geld und vorteile sucht/annimt, und damit andere interessen vertritt als die, die man kraft des mandats zu vertreten hat, ist das einfach falsch.

trotzdem: das ideal sollte nicht der mit der superweissen weste sein. die rolle wird von typen am besten gegeben, die eigentlich als politiker nicht geeignet sind.

ein integrer mensch, der versucht, einen ethisch komplizierten job zu machen, sieht anders aus als das, was vom volk bzw. von den medien erwartet wird. und solange das bleibt, wie es ist, bestehen starke anreize für die falschen leute, es in der poltik zu versuchen und für diejenigen, die wir eigentlich bräuchten, darum einen großen bogen zu machen.

schon die frage ist falsch: wieviel moral

welche moral = welche werte sind von der politik zu beachten -
alles andere ist augenauswischerei

Soviel, dass sie glaubhaft bleibt

dass die politische moral ein spiegel der gesellschaftlichen sein soll,

ist schon eine derbe aussage.

"Wie viel Moral braucht Politik denn?"

Offensichtlich gar keine! Denn moralisches Handeln passt nicht in die Gewinnmaximierungsmaxime (was für ein Wort!) der Unternehmen und was der Wirtschaft nicht schmeckt, schmeckt den Politikern am Ende meist auch nicht, weil das Konto nicht so voll ist, wie es sein könnte.

Und falls sich dann doch ein Idealist findet, wird der sicher von den Schreihälsen, die von allem zu wenig haben, niedergeschrien. Wer laut ist, wird auch gehört.

Alle 4 Jahre dürfen wir uns dann aussuchen, wer uns ins Gesicht lügt. Dazwischen sehen wir - entmachtet - zu. Wieder eine leider starke Ähnlichkeit zur Wirtschaft: Hauptsache das Marketing stimmt.

Es ist irgendwie bezeichnend,

dass zum wichtigsten Gut einer Gesellschaft gerade einmal 3 Postings kommen - und die sind größtenteils ironischer/abwertender Natur.
Die Ursache all dieser Krisen, Ungerechtigkeiten und Kriege liegt in der mangelnden Moral oder besser formuliert, im amoralischen Verhalten weiter Teile der Gesellschaft.
Die Moral wird als lästiges Anhängsel gesehen und sie wird meistens als Doppelmoral praktiziert.
Ein guter Gradmesser für die Moral einer Gesellschaft ist die Fülle an Gesetzen, Verboten, Richtlinien usw. und sie wird immer weiter zurückgedrängt.
Der Rechtsstaat kann Moral und moralisches Verhalten nicht ersetzen und er entwickelt sich immer mehr zum Gegenspieler, da signalisiert wird, dass "erlaubt" ist, was nicht verboten ist.

Moral wird zerstört durch Gier,

Gier gefördert durch das Wesen des Geldes!

Die Politik benötigt die

totale Moral. Geschäfte mit Ländern, die so etwas zulassen, darf's nicht geben:

http://www.politikforen.net/showthrea... -bis-heute

http://www.mazterlocuras.com/news/ejec... -09-25-555

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 28
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.