Ein Opernkeller voller Leichen

Ljubiša Tošić, 24. April 2012, 17:11
  • Zwischen Wut und inzestuösem Geplänkel: der nackte Hamlet (Stéphane 
Degout) und seine Mutter Gertrude (Stella Grigorian).
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    foto: lilli strauss/dapd

    Zwischen Wut und inzestuösem Geplänkel: der nackte Hamlet (Stéphane Degout) und seine Mutter Gertrude (Stella Grigorian).

Premiere von "Hamlet": Regisseur Olivier Py gelingen in einer von respektabler Routine dominierten Inszenierung ein paar dichte Momente

Stark die Ideen von Dirigent Marc Minkowski.

Wien - Es steigt also dieser Hamlet am Schluss - nachdem er deftig gemeuchelt hat - in jenen Sarg, der schon geraume Zeit an der Bühnenrampe stand. Dass er dabei eher den Eindruck eines Vampirs erweckt, der sich zur Nachtruhe begibt, und weniger den eines Menschen, der sich selbst aus der Welt schafft, hatte jedoch vor allem mit dem Bühnenbild zu tun: Es wirkte die mobile, treppenfixierte Konstruktion (Pierre-André Weitz) an sich schon wie ein riesiger, düsterer Kollektivsarg, in den kein Tageslicht und kein frisches Lüfterl dringen und aus dem es kein Entrinnen gibt.

Was immer das Ambiente genau darstellen sollte - eine Psychogruft, ein Kellergewölbe des Wahns ist es in jedem Fall. Also ein unwirtlicher Ziegelraum, in dem der Geist des ermordeten Dänenkönigs immer wieder erscheint und bisweilen Hamlet mahnt, Mutter Gertrude (starke dramatische Präsenz, in der Nuance mitunter jedoch etwas grob: Stella Grigorian) zu verschonen, ihren neuen Favoriten Claudius (solide: Phillip Ens) hingegen zu beseitigen.

Der Zentralfigur, dieser ambivalenzgeplagten Person, ist das Ambiente Schutz und Kerker zugleich: Hamlet, das ist der autoaggressive Selbstverletzer, der auch andere lädiert. Das ist jener, der vom Auftrag, den Vatermord zu rächen, zugleich notdürftig zusammengehalten wie auch zerstört wird. Hamlet - auch ein gefinkelter Junge, der Vatermörder Claudius zwar den Handschlag verweigert und in höhnender Unterwürfigkeit lieber dessen Füße küsst. Auch ein fragiles Monster ist dieser Hamlet, das sich von der Mutter waschen lässt, doch nach recht inzestuösem gemeinsamem Planschen in der Wanne ansetzt, seine Schöpferin zu ertränken.

Ein toller Hamlet

Da ist Regisseur Olivier Py (er war Leiter des Pariser Théâtre de l' Odéon, das der Wiener Festwochen-Intendant Luc Bondy übernimmt) mit Hamlet immerhin ein Inszenierungszentrum geglückt, eine schattig-schillernde Wahnsinnsfigur, die in ihrer konfliktbeladenen Zerrissenheit und Unberechenbarkeit bei Stéphane Degout extrem gut aufgehoben ist.

Degout changiert so energisch wie subtil zwischen Wahn und Wut. Und da er stimmlich eine weltmeisterlich klare und lyrisch getragene Umsetzung vollbringt, muss dort, wo der Produktion musiktheatrale Qualität zu bescheinigen ist, immer auf Degout verwiesen werden. Der Inszenierungsrest allerdings strahlt eher No-na-Opernroutine aus, die zwar in Details durchbrochen wird, im Grunde aber den Abend dominiert und vor allem recht Plakatives zu bieten hat, das auch den wunderbaren Schönberg-Chor szenisch bremste.

Szenische Klischees

An Ophélie ist das festzumachen. Wer Sopranistin Christine Schäfer schon öfters und zumeist als subtile Sängerschauspielerin erlebt hat, wundert sich, wie man diese Könnerin zu einer derart unscheinbaren und nur szenische Klischees vermittelnden Bühnenfigur schrumpfen lassen konnte. Diese Ophélie wirkt denn auch für Hamlet eine Nummer zu klein, wobei: Schäfer - am Anfang hatte sie etwas Probleme in der Tiefe - schafft es schließlich, in der Wahnsinnszene zu packen. Dies aber vor allem dank gesanglicher Mittel. Und: Immer dort, wo auch ihr subtiles Piano quasi szenisch zum Einsatz kam, entstand ganz besondere Intimität, erlangte auch die Musik von Ambroise Thomas etwas Tiefe.

Um Schäfer herum wird zwar versucht, durch (auf eine durchsichtige Leinwand projiziertes) Licht etwas optische Abwechslung (im Sinne einer Simulation von Wasserflächen) einzubringen. Im Grunde wirkte aber auch dies halbherzig und wenig effektvoll - wie auch der viele Trockeneisnebel und die Anspielungen auf revolutionäre Verhältnisse, die sich etwa durch einen fahnenschwenkenden Laerte (glänzendes Timbre: Frédéric Antoun) offenbarten. Immerhin hübsch eine Idee: Die im Stück - vor versammeltem Hof - gegebene Pantomime Der Mord an Gonzago lebte von der optischen Ähnlichkeit der Pantomime-Darsteller und der handelnden Figuren der Oper, wodurch Hamlets Absicht, Claudius mit dem Schauspiel zu provozieren und als Vatermörder zu outen, eine Verdichtung erfuhr.

Verdichtende Qualitäten sind auch Dirigent Marc Minkowski nicht abzusprechen. Zwar ließ er die Wiener Symphoniker bisweilen aufdrehen, als gelte es, die Arena di Verona zu beschallen. Da es sich hierbei nur um Dezibelnebenwirkungen eines lobenswerten und kundigen Gestaltungswillens handelte, ging das in Ordnung.

Viel wichtiger schien, dass die Symphoniker nach der bedauerlich-lähmenden Dösstunde bei der Hoffmann-Premiere nun als hoch waches Kollektiv in Erscheinung traten, dem Minkowski Bemerkenswertes zwischen markanter Akzentuierung und Schönklang entlocken konnte. Ein paar Buhs blieben nur Py nicht erspart. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 25.4.2012)

Aufführungen am 26., 28. und 30. April sowie am 2. und 5. Mai., 19.30; Infos: 01/588 85

man muss sich fragen

ob ein paar Striche das Werk nicht viel publikumstauglicher machen würden......

Zwingt Sie ja keiner hinzugehen,

wenn Sie es nicht schaffen drei Stunden durchzuhalten. Ich hätte jedenfalls keine Note missen wollen.

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