Brachial bezwungenes Monstrum

24. April 2012, 17:20
5 Postings

Michael Kienzers Plastiken im Kunsthaus Graz folgen "Logik und Eigensinn"

Graz - Selbst mit Friendly Aliens gilt es manchmal den Kampf aufzunehmen. Denn neun Jahre hat sich die von den Architekten Cook und Fourier so betitelte amorphe Blase des Kunsthauses gegenüber ihren temporären Gästen oft als eher unfreundlich erwiesen.

Mit Stellwänden, Kobeln und Verschlägen galt es, zwischen der gekrümmten, stahlnetzbespannten Raumhaut und der Kunst zu vermitteln. Und so wurde in die düstre Höhle auch schon so manch künstlerischer Drachentöter geladen, um das Ungeheuer mit einer auf es zugeschnittenen Großskulptur zu bezwingen: Sol Lewitt versuchte sich etwa mit Leichtbetonmauern, die schnittige Kurven im Saal zogen. Liz Larner disziplinierte den Saal mit einem perspektivischen Raster.

Als neuester Siegfried nutzt nun der Österreicher Michael Kienzer rohe Skulpturengewalt und spreizt den Raum regelrecht auf: ein Ausloten maximaler Raumkoordinaten mittels Rohren aus Stahl und Aluminium, die zwischen Decke, Boden und Wänden aufgespannt sind. Trotz weicher Kurven sieht das harte Material nicht weniger bedrohlich aus.

Eine monströse, dreidimensionale Raumzeichnung also, die man nur mehr mit der brachialen Gewalt eines Schneidbrenners aus ihrem Wirt herauslösen kann. Sich heißt die Arbeit, der zwar in puncto Formgebung alles andere als Selbstbezüglichkeit vorgeworfen werden kann - die Hartnäckigkeit von Sich ist jedoch mit dem Egoismus des architektonischen Dialogpartners verwandt. Wie bisher keiner anderen Intervention gelingt es Kienzers Skulptur, sich in den Raum zu schmiegen und dabei dessen Schwierigkeiten aufzuzeigen: eine subtile, schmunzeln machende Architekturkritik.

Entgegen des Anscheins ist aber auch diese nur ephemer - so wie viele Arbeiten Kienzers: "Skulptur ist immer ein momentaner Zustand von Dingen, Gegenständen und Materialien", sagt er. "Wichtig ist mir das Festhalten eines Moments." Dazu passt eine der elf unter den Stahl-Volten geduldeten Plastiken besonders: Skizze Vol. 6. In der labilen Konstruktion aus zwei Blechdosen und drei Aluplatten sorgen vier Radiergummis für Stabilität. Nicht ein einziger darf fehlen. Nähme man ihn weg, würde das prekäre Werkl lautstark zusammenkrachen. Für einen minimalen Augenblick würde sich die Skizze in eine kinetische Skulptur verwandeln. Wie in anderen Lagen auch sorgt ein Gummi für Sicherheit. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 25.4.2012)

Bis 6. 5.; Wien: Kienzers "Verabredung" mit Markus Wilfling und Manfred Erjautz bis 26. 5. im Projektraum Viktor Bucher; ab 12. 5.: Solo in der Galerie Thoman Wien.

  • "Sich" heißt die sich dem Raum des Kunsthauses wie ein Korsett 
aufzwängende, dabei jedoch freistehende Skulptur Michael Kienzers (geb. 1962 in 
Steyr).
    foto: joanneum/lackner

    "Sich" heißt die sich dem Raum des Kunsthauses wie ein Korsett aufzwängende, dabei jedoch freistehende Skulptur Michael Kienzers (geb. 1962 in Steyr).

Share if you care.