"Sie leben nur für den Schein"

Interview24. April 2012, 13:14
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Der österreichische Regisseur Umut Dağ erzählt in "Kuma" von den Verwicklungen einer kurdisch-türkischen Familie in Wien

Umut Dağs Debütfilm "Kuma" (Zweitfrau) handelt von der Beziehung zwischen zwei Frauen einer türkischen Familie in Wien: Fatma, einer Mutter mit Prinzipien, für die die Familie alles ist, und Ayse, einem Mädchen aus Anatolien, das als Zweitfrau ihren Platz in der Familie sucht. Mit daStandard.at sprach Dağ über die geschlossene Welt der türkisch-kurdischen Gastarbeiter in Wien und über die Aufnahme seines Films in Österreich.

daStandard.at: Wie entstand die Idee zu Ihrem ersten Langfilm?

Dağ: Die Mutterfigur hat mich schon immer sehr interessiert. Diese Mütter der ersten Generation, die aus einer anderen Welt kommen und ihr ganzes Leben an dieser Welt festhalten, weil sie nichts anderes haben. Alles, was davon abweicht, lehnen sie ab, weil sie denken, das wird sie, ihre Familie und ihre Kinder verderben. Sie leben nur für die Außenwelt und den Schein. Sie dürfen keine Schwäche zeigen, weil sie sonst das Gesicht verlieren. Ich habe mich dann gefragt, was passiert, wenn sie sich unter solchen ungewöhnlichen Umständen doch jemandem öffnen.

daStandard.at: Wie ungewöhnlich ist eigentlich das Konzept der Zweitfrau?

Dağ: Nach offiziellen Zählungen aus dem letzten Jahr gibt es in der Türkei 186.000 solcher Ehen. Die Dunkelziffer ist sicher noch höher. In der Türkei ist die Bigamie zwar verboten, aber traditionell sehr verankert. Vor dem Imam kann man ja nach dem islamischen Recht heiraten, obwohl das dann vom weltlichen Gericht nicht anerkannt ist.

daStandard.at: "Kuma" ist ein sehr emotionaler Film, der Plot kommt aber teilweise sehr konstruiert rüber. Wieso muss der Sohn zusätzlich zu allen emotionalen Verwicklungen auch noch schwul sein?

Dağ: Es fällt mir auf, dass viele diesen Moment als sehr künstlich empfinden. Aber dieses "Schwulsein" ist ja der Grundpfeiler für das ganze Kartenhaus, das von der Mutter aufgebaut wurde. Die Mutter thematisiert das natürlich nicht, aber sie weiß das die ganze Zeit. Sie versucht einfach, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie formt die Zweitfrau als ihre Nachfolgerin, und ihr Junge hat endlich eine Frau.

daStandard.at: Was glauben Sie, wie "Kuma" bei den türkischen Migranten in Österreich ankommen wird?

Dağ: Ich hoffe, gut. Es gibt ja nicht diese eine Community, es gibt unterschiedliche Zielgruppen. Wir versuchen aber auch, diese Generation der Mütter, die ich porträtiert habe, zu erreichen. Das wird schwer bis unmöglich. Wir plakatieren aber auch in Moscheen und schalten Werbung in konservativen türkischen Sendern.

Ich habe natürlich bei der Entstehung des Films auch an die türkischen Zuschauer gedacht. Das Letzte, was ich wollte, war ein Schulungsvideo für den Westen. Ich wollte nicht, dass jemand mit einem türkischen Hintergrund den Film sieht und denkt: "Was für ein Unsinn." Bei den bisherigen Screenings habe ich beobachtet, dass Frauen mit orientalischem Hintergrund meine Frauenfiguren gut verstehen können. Männer hingegen sind es nicht gewöhnt, einen Film zu sehen, in dem keine Männer im Vordergrund stehen. Für Europäer ist der Film, glaube ich, eher verstörend.

daStandard.at: Sehr verstörend ist auch die Figur der jungen Zweitfrau.

Dağ: Wir sehen eine junge Frau, die in ärmlichen Verhältnissen lebt. Für sie ist es eine Gelegenheit, in Europa zu leben, und ihre Familie hat einen Mund weniger zu füttern. Sie hinterfragt wenig, weil sie unter Bedingungen aufwächst, in denen das normal ist. Beim bildungsbürgerlichen europäischen Publikum kommt das schlecht an: Wie kann man so eine Figur zeichnen, die sich so wenig entwickelt?! Aber das ist eine elitäre Scheuklappensicht.

daStandard.at: Die abgeschlossene Welt, die man im Film sieht - ist das auch die Welt Ihrer Kindheit in Brigittenau?

Dağ: Das ist die kurdisch-türkische Welt in der Diaspora. Das traue ich mich zu verallgemeinern. Diese Menschen haben sehr wenig, und das, was sie haben, wird geteilt. Sie haben ihre Kinder, für diese leben sie, und sie haben ihre Verwandten und Bekannten, mit denen sie über ihre Kinder reden. Es wird eine Welt konstruiert, die es aufrechtzuerhalten gilt. Es tut weh, das zu sehen, das macht die Menschen kaputt.

daStandard.at: Werden diese geschlossenen Welten und Weltsichten in der zweiten und dritten Generation Ihrer Meinung nach aufgeweicht oder werden sie noch einmal "zubetoniert"?

Dağ: Ich glaube, viel wird nicht aufgeweicht. Es gibt einige wenige, die versuchen, sich zu emanzipieren, aber das bedeutet gleichzeitig, mit dieser Welt zu brechen.

daStandard.at: Fühlen Sie sich als junger Künstler mit türkischem Hintergrund und Ihrer Herkunft aus einer Arbeiterfamilie in der österreichischen Filmwelt fremd?

Dağ: Erst nach diesem Film. Aber ganz ehrlich, hätte ich dieses Thema nicht gewählt, hätte ich nicht so schnell einen Film gemacht. Den Nachteil, mit dem ich immer behaftet war, habe ich ins Gegenteil verkehrt. Man traut mir zu, dass ich dieses Thema besser bearbeiten kann, obwohl ich genauso recherchieren muss wie alle anderen! (lacht) (Olivera Stajić, daStandard.at, 24.4.2012)

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Video: Regisseur Umut Dag im Gespräch

Umut Dağ wurde 1982 in Wien geboren und wuchs als ältestes Kind einer kurdischen Einwandererfamilie im Bezirk Brigittenau auf. Nach der Vienna Business School studierte er zunächst Internationale Entwicklung, Religionswissenschaften und Pädagogik. Mit der Zeit konzentrierte er sich immer mehr auf seine Kurzfilme und arbeitete schließlich zeitgleich in der österreichischen Spiel- und Werbefilmlandschaft, wo er an vielen Spielfilmen und mehr als 50 Werbefilmen mitarbeitete.

Seit 2006 studiert er Regie an der Filmakademie Wien bei Peter Patzak und Michael Haneke, 2011 gewann sein Film "Papa" unter anderem den First Steps Award für den besten mittellangen Film. Sein erster Langfilm "Kuma" wurde als bester Beitrag beim Filmfestival "Linea d'ombra" in der süditalienischen Stadt Salerno ausgezeichnet. "Kuma" läuft ab 27. April in den österreichischen Kinos.

  • "Es wird eine Welt konstruiert, die es aufrechtzuerhalten gilt. Es tut weh, das zu sehen, das macht die Menschen kaputt", sagt Umut Dağ über die türkisch-kurdische Migrantenwelt.
    foto: wega filmproduktion

    "Es wird eine Welt konstruiert, die es aufrechtzuerhalten gilt. Es tut weh, das zu sehen, das macht die Menschen kaputt", sagt Umut Dağ über die türkisch-kurdische Migrantenwelt.

  • Was zuerst wie die Hochzeit zwischen Ayse und Fatmas Sohn Hasan aussieht, entpuppt sich als Scharade: Ayse wird die Kuma von Fatmas Mann Mustafa - seine Zweitfrau.
    foto: wega filmproduktion

    Was zuerst wie die Hochzeit zwischen Ayse und Fatmas Sohn Hasan aussieht, entpuppt sich als Scharade: Ayse wird die Kuma von Fatmas Mann Mustafa - seine Zweitfrau.

  • In Österreich angekommen, wird Ayse von Hasan, ihrem Ehemann auf dem Papier, gemieden und von Fatmas Töchtern Kezvan und Nurcan angefeindet - die jüngeren Kinder wissen nicht, wie sie mit Ayse umgehen sollen.
    foto: wega filmproduktion

    In Österreich angekommen, wird Ayse von Hasan, ihrem Ehemann auf dem Papier, gemieden und von Fatmas Töchtern Kezvan und Nurcan angefeindet - die jüngeren Kinder wissen nicht, wie sie mit Ayse umgehen sollen.

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